Kürzlich feierte der Verein Kaleb e.V. "Wiege" in Schönebeck sein 20-jähriges Jubiläum. Die Mitarbeiter von Kaleb haben es sich zur Aufgabe gemacht, geborene und ungeborene Kinder, Schwangere, Familien und Alleinerziehende zu schützen und zu unterstützen. Volksstimme-Volontär Christopher Kissmann sprach mit den beiden Vorständen Sieglinde Menzel und Irene Bolm über die Anfänge der Arbeit in Schönebeck, das Thema Abtreibung in der DDR und heutige Herausforderungen.

Volksstimme: 20 Jahre existiert Kaleb bereits in Schönebeck. Wie entstand denn die Idee, eine solche Arbeit aufzubauen?

Irene Bolm (57): Die politischen Veränderungen zur Wendezeit hatten eine weitreichende Wirkung in die Gesellschaft hinein: In der DDR begannen die Bürger erstmals über Tabu-Themen wie Abtreibung zu diskutieren.

Sieglinde Menzel (70): Vorher wurde auch im Privaten diskutiert, aber eine Vereinsgründung, die gesellschaftliche Tabu-Themen aufgreift, wäre damals nicht möglich gewesen.

Volksstimme: Wie wurde denn mit dem Thema Abtreibung zu DDR-Zeiten umgegangen?

Menzel: Wenn man zu DDR-Zeiten schwanger war, wurde man zuerst gefragt: "Möchten Sie das Kind austragen?" Viele Mütter waren entsetzt darüber, dass ihnen diese Frage überhaupt gestellt wurde. Abtreibung war damals so legal wie heute, nur dass die Aufklärungslage, was bei einem solchen Vorgang passiert, viel schlechter war. Es gab keine Informationsmaterialien und öffentlich wurde es schon gleich gar nicht thematisiert.

Bolm: Zumal das zu DDR-Zeiten nicht Abtreibung genannt wurde, sondern Schwangerschaftsunterbrechung hieß. Dieses Wort ist seltsam. Denn man kann eine Schwangerschaft nicht unterbrechen und später weiter fortführen.

Volksstimme: Wie begann die Arbeit von Kaleb in Schönebeck? Bereits zu DDR-Zeiten gab es ja informelle Treffen.

Bolm: Im Kontaktkreis der Kirchen der Stadt wurde das Thema "Abtreibung" durch den damaligen Kantor Gunther Remtisch ins Bewusstsein gerufen.

Menzel: In Privaträumen trafen sich zunächst Christen aus den verschiedenen Gemeinden, die sich in einem einig waren: Wir wollen nicht mehr zu der Tötung Ungeborener schweigen, sondern schwangere Frauen und Familien ermutigen, die Kinder zu bekommen.

Volksstimme: Das heißt, dass es von Anfang an Beratung gab?

Menzel: Zuerst haben wir angefangen, den Menschen praktisch zu helfen und unter die Arme zu greifen. Wir haben Kinderkleidung gesammelt, damit die Eltern von Neugeborenen unterstützt werden konnten. Irgendwann spürten wir, dass wir an die Öffentlichkeit gehen mussten. Die Menschen sollten wissen, dass es Hilfe gibt.

Bolm: Deswegen haben wir dann im Jahr 1991 den Verein Kaleb in Schönebeck gegründet. Bis dahin und auch nach dieser Zeit hat sich das Hilfsangebot vor allem durch Mundpropaganda herumgesprochen.

Menzel: Nach der Vereinsgründung wurde dann auch vieles einfacher. Wir wurden besser wahrgenommen und haben von vielen Menschen Hilfe erfahren: Viele schenkten uns Kleidung, spendeten Geld und mit der Zeit bekamen wir dann auch sehr günstig oder gar kostenfrei Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt. Das ganze war ein Prozess.

Volksstimme: Wie sieht das Angebot heute aus?

Bolm: Neben der Kinderkleiderkammer führen wir vor allem auch Beratungen durch. Wir ermutigen Familien, insbesondere Frauen, die Kinder zu bekommen und wollen dann natürlich auch mit anpacken und ihnen bei der Bewerkstelligung des Alltags helfen - da gibt es keine Grenzen. Wir möchten helfen, das Problem zu beseitigen, aber nicht das Kind.

Menzel: Wir begleiten aber auch Frauen in ihrer Not nach einer Abtreibung. Denn danach haben viele Frauen große Probleme und Schuldgefühle. Oft wird ihnen erst dann bewusst, was bei einer Abtreibung passiert. Zudem möchten wir informieren und aufklären. Deswegen werden wir unser Engagement in den Schulen wieder intensivieren.

Volksstimme: Woher kommt auch nach 20 Jahren ehrenamtlichen Engagements ihr Antrieb, die Arbeit fortzuführen?

Menzel: Weil uns die Kinder am Herzen liegen und wir die Tötung der Kinder nicht stumm hinnehmen wollen. Unsere Motivation beziehen wir aus dem christlichen Glauben: Gott gibt zu jedem Lebewesen sein Ja, ganz gleich, wie alt oder groß. Das Leben beginnt für uns mit der Verschmelzung von Samen- und Eizelle, diese Vermischung ist dann schon ein Kind.

Bolm: Und es fällt dann damit auch unter den Artikel 1 des Grundgesetzes, welcher die Würde des Menschen als unantastbar beschreibt. Uns wird oft vorgeworfen, gegen Abtreibung zu sein. Dem halten wir entgegen: Wir sind für das Leben. Und das beginnt unserer Meinung nach nicht erst nach neun oder zwölf Wochen, sondern schon eher. Viele ermutigen uns bei unserer Tätigkeit: Die Gemeinden Schönebecks beten regelmäßig für die Arbeit von Kaleb.

Volksstimme: Abtreibungen sind auf jeden Fall ein umstrittenes Thema. Hatten Sie schon einmal mit Extremfällen zu tun? Beispielsweise mit Menschen, die nach einer Vergewaltigung abgetrieben haben?

Menzel: Nein, so etwas habe ich noch nicht erlebt. Das ist die absolute Ausnahme. Eine Vergewaltigung und eine Abtreibung wären jedoch immer ein doppelter Gewaltakt an der Frau: Erst die Gewaltanwendung mittels Vergewaltigung und dann die Abtreibung als zweiter Akt der Gewalt gegen den Körper der Frau und das Kind. Das Kind kann aber nichts für eine solche Situation. Wir raten Frauen in solchen Situationen dazu, dass Kind zur Adoption freizugeben, wenn sie es nicht aufziehen möchten oder können. Eines ist aber auch klar: Wir von Kaleb verurteilen niemanden, der abtreibt. Aber wir helfen, beraten und begleiten diese Menschen gern.

Volksstimme: Wo sehen Sie Kaleb in 20 Jahren?

Bolm: Wir würden uns freuen, wenn wir wegen Hilfe nach Abtreibungen keine Jubiläen feiern müssten, denn die Not der Familien und Frauen ist groß. Aber wir wollen und werden den Menschen auch in Zukunft helfen und sie unterstützen.