Christen in aller Welt feiern jedes Jahr zu Ostern die Auferstehung von Jesus. Zu diesem kirchlichen Fest sprach Volksstimme-Volontär Christopher Kissmann mit Pfarrer Matthias Porzelle (evangelisch) und Pfarrer Dr. Thomas Thorak (katholisch) über die Aktualität der Osterbotschaft, die Kommerzialisierung des Kirchenfestes und darüber, warum es sich lohnt, sonntags in die Kirche zu gehen.

Volksstimme: Wer heute das Wort Ostern in den Mund nimmt, der meint oft Urlaub, Dekorationen oder im weitesten Sinne Nahrungsaufnahme: Schmunzel- und Goldhasen dominieren das Osterfest. Sind Ihnen diese Sachen manchmal ein Dorn im Auge?

Pfarrer Thomas Thorak: Ich habe gar kein Problem damit. Denn das Osterei ist ja zum Beispiel ein christliches Symbol: Verborgenes Leben entspringt aus dem Ei - so wie das verborgene Leben aus dem Grab aufersteht. Und auch der Osterhase stört mich nicht, denn auch er ist ein sehr naturverbundenes Symbol für das Leben. Die Schwierigkeit ist nur, wenn die Menschen den Hintergrund des Osterfestes vergessen.

Pfarrer Matthias Porzelle: Mir geht es ähnlich damit. Ich sehe das Ganze als eine Möglichkeit, Menschen immer wieder zu fragen: Was verbinden Sie mit Ostern und was haben die Bräuche eigentlich mit dem christlichen Fest zu tun? Dass es zu Ostern so viele Leckereien gibt, stört mich gar nicht - dafür esse ich die Sachen viel zu gern.

Volksstimme: Stichwort Kommerzialisierung. Sind Sie manchmal traurig, dass immer weniger Menschen die eigentliche Bedeutung des Osterfestes bekannt ist oder kann die Kirche vielleicht sogar im Bereich des Marketings von Wirtschaftsunternehmen lernen?

Thorak: Vielleicht könnten wir davon lernen, wenn wir aus den Kirchen wirtschaftliche Unternehmen machen wollen. Das ist aber nicht das Ziel. Wir haben nichtsdestotrotz eine klare Botschaft: Jesus hat uns durch die Auferstehung das Leben neu geschenkt und lädt die Menschen ein, mit diesem Bewusstsein zu leben. In einer sehr stark säkularisierten Welt ist das aber nicht immer einfach zu vermitteln.

Porzelle: Ich sehe es so, dass sich in den vergangenen Jahrhunderten viele christliche und heidnische Bräuche miteinander vermischt haben - solche Prozesse gab es schon immer. Die Tatsache, dass die Grundgedanken des Leidens, Sterbens und Auferstehens Jesu in unserer Zeit, gegenüber all den anderen, faktisch keine Rolle mehr spielen, ist allerdings eine Tragik. Von der Kommerzialisierung möchte ich eigentlich weniger lernen. Denn wir Christen vertreten gerade einen Gedanken, der eben nicht am Geld und am Kommerz hängt, sondern sagt: Gott möchte den Menschen etwas schenken. Es geht nicht um die Fassade wie in der Werbung, sondern um das Erleben der Osterbotschaft im eigenen Leben.

Thorak: Das ist aber auch eine Botschaft, die nicht so schnell alle Bedürfnisse der Menschen - wie sie es sich erhoffen - erfüllt. Das geht nicht von jetzt auf gleich. Dazu muss man sich auf die Botschaft, also auf ein Leben mit Gott, einlassen.

Volksstimme: Zu Ostern und Weihnachten ist die Kirche erfahrungsgemäß etwas voller. Wünschen Sie sich 52 Ostern im Jahr und regelmäßigere Gottesdienstbesuche der Menschen?

Thorak (lacht): Ja, natürlich! Das Gute ist: Es gibt immer noch mehr Leute, als die, die Sonntag für Sonntag in die Kirchen gehen, die eine Ahnung haben, dass es mehr geben muss, als das, was der Kommerz anbietet. Das wird genau an solchen Festen deutlich: Sie gehen eben nicht in irgendein Konzert, sondern in die Kirche. Die Frage ist für uns dann, wie wir ihnen helfen können, diese Botschaft zu erfassen und anzunehmen, dass es eben nicht nur eine Sache für Ostern und Weihnachten ist.

Porzelle: Ich halte es für wichtig, dass Menschen aus freien Stücken zum Gottesdienst kommen und nicht, weil ein sozialer Druck besteht. Wir wollen ihnen den Raum so eröffnen, dass sie gern kommen. Und ich bin da gar nicht verzweifelt und hoffe darauf, dass wir auch wieder vollere Gottesdienste bekommen werden. Aber es kommt darauf an, dass die Menschen von sich aus sagen, dass ihnen Gott von Herzen wichtig ist. Dann werden sie auch kommen.

Volksstimme: Wie überzeugen Sie die, die nur an Ostern in die Kirche gehen, jeden Sonntag zu kommen?

Thorak: Durch die Erfahrungen, die sie im Gottesdienst machen. Ich wünsche mir, dass die Menschen erkennen, dass ihnen diese intensive Zeit mit sich selbst und mit Gott hilft und dass sie diese Stunde nicht als vergeudete Zeit empfinden. Dann kommen sie auch gern wieder.

Porzelle: Ich glaube, dass man niemanden beschimpfen muss, weil er nur ein- oder zweimal im Jahr in die Kirche kommt. Ich sehe es als Möglichkeit, gerade diese Leute an solchen Festen zu erreichen. Denn dann kann man die Menschen darauf aufmerksam machen, was das Leben im Kern eigentlich ausmacht.

Volksstimme: Welches Fest ist für Ihre Kirche bedeutungsvoller: Weihnachten oder Ostern? Die Geburt oder die Auferstehung Jesu?

Porzelle: Da gibt es für uns beide nur eine Antwort: Ostern. Gründonnerstag, Karfreitag, Ostern - diese drei Tage gehören immer zusammen. Wir leben als Christen davon, dass Jesus das Leiden und das Kreuz auf sich genommen und überwunden hat und dürfen von Ostern her darauf schauen. Wir dürfen wissen, dass er lebt. Deswegen ist das Leiden erträglich und deswegen ist die Botschaft an Ostern auch so eine hoffnungsvolle Botschaft.

Thorak: Wenn ich in den medizinisch-ethischen Bereich schaue, frage ich mich immer: Was wollen wir mit allem Forschen und aller Weiterentwicklung erreichen? Glauben wir, damit eine leidfreie Welt erschaffen zu können? Diese Welt gibt es nicht, in diesem Punkt sind die Christen Realisten. Deswegen können wir uns auch in die Überwindung des Leidens und die Botschaft des auferstandenen Christus hineingeben und Ostern feiern.

Volksstimme: Welches Fest ist einfacher zu verkündigen: Die Geburt eines kleinen Kindes oder die Auferstehung eines erwachsenen Mannes?

Porzelle (lacht): Auch da ist die Antwort eindeutig. Die Verkündigung der Geburt Jesu ist vielen Leuten näher, auch emotional. Die Wärme, die davon ausgeht, ist sehr stark anziehend. In der Gesellschaft steht Ostern meist im Schatten von Weihnachten.

Thorak: Mit Ostern können viele Menschen in unserer Zeit nichts mehr anfangen. Aber für die Christen ist das eben mehr, als nur ein Frühlingsfest. Durch die Auferstehung Jesu ist Sündenvergebung und ewiges Leben möglich. Und das geht über den von der Naturwissenschaft dominierten Ansatz unserer Zeit hinaus. Die Frage ist: Erkenne ich an, dass ich als Mensch das Bedürfnis habe, mich mit der Frage auseinanderzusetzen, was nach dem Tod kommt oder verdränge ich das?

Porzelle: Wir laden die Menschen dazu ein, sich damit zu beschäftigen. Zwar werden diese Fragen für die meisten Menschen erst an Tiefpunkten des Lebens aktuell, beispielsweise wenn jemand stirbt. Aber auch durch Ostern kann man Antworten darauf finden.

Volksstimme: Zweifeln Sie nie an der Auferstehung?

Thorak: Ich muss sagen, dass ich noch nie an der Auferstehung gezweifelt habe. Aber in Krisen und Traurigkeiten geht es mir schon manchmal so, dass ich denke: Lieber Gott, da habe ich aber noch eine Frage an dich. Ich verstehe dich nicht. Aber der Glaube an den auferstandenen Gott geht über die Probleme dieser Welt hinaus - das hilft.

Porzelle: Die Auferstehung und die Überwindung der Probleme dieser Welt sind auch für mich ein tragender Gedanke, ohne den ich mir mein Leben nicht vorstellen kann. Das beantwortet nicht alle Fragen und löst nicht alle Sorgen, aber es kann vor der Verzweiflung darüber bewahren. Weil Jesus lebt, bin ich von einer großen Hoffnung getragen.

Volksstimme: Wird Ihnen nicht irgendwann langweilig, jedes Jahr an Ostern dieselbe Geschichte zu erzählen?

Porzelle: Nein, ganz und gar nicht. Jedes Jahr, wenn ich mich mit der Geschichte beschäftige, fallen mir immer wieder neue Dinge auf, die ich vorher noch nie so betrachtet habe. Da gibt es manchmal tolle Aha-Erlebnisse, auch wenn ich die Geschichte nun schon so lange kenne.

Thorak: Die Welt dreht sich jedes Jahr ein Stückchen weiter. Die christliche Botschaft ist nicht an eine bestimmte Zeit gebunden, sondern gibt Antworten auf die Fragen der Welt. Deswegen wird es nicht langweilig, die Auferstehung zu verkündigen.

Volksstimme: Wie sieht Ihr ganz privates Ostern aus?

Thorak: Es gibt natürlich viele Gottesdienste, da werden die sozialen Beziehungen nicht zu kurz kommen. Dadurch, dass ich allein lebe, habe ich aber auch eine ganz andere Möglichkeit, die Ostertage geistlich mitzuleben. Die Auszeiten und die Ruhe zwischendurch sind mir wichtig. Am Ostersonntag fahre ich dann nach Hause zu meinen Eltern und Geschwistern, da freue ich mich auch drauf.

Porzelle: Jetzt muss ich doch mal etwas sticheln: Das Schöne am evangelischen Pfarramt ist ja, dass nicht nur der Pfarrer die Tage geistlich intensiv erleben kann, sondern auch dessen Familie (beide lachen herzhaft). Der Rhythmus der Gottesdienste bestimmt in diesen Tagen das Familienleben, aber darauf sind auch alle eingestellt. Am Sonntag hat meine Schwiegermutter Geburtstag, da gibt es dann also auch noch einen familiären Grund zu feiern.