Die Frühlingszeit ist die Zeit für frische Blumen und neue Pflanzen. Leider beginnt damit auf den Friedhöfen auch wieder eine Gewohnheit, die für Angehörige von Toten sehr verletzend ist. Was neu gepflanzt und dekoriert wird, kommt ins Blickfeld der Randalierer und Diebe. Der Schönebecker Westfriedhof hat zur Zeit wieder mit neuen Attacken zu kämpfen.

Schönebeck. Andrea Sommer stockte der Atem, als sie vor rund 14 Tagen auf den Westfriedhof ging. Von den Gräbern ihrer Angehörigen wurden frische Blumen, Dekoration und Pflanzen geklaut. "Mir geht das so nahe, wenn jemand die Gräber verunstaltet", sagt Andrea Sommer. Wenn Fremde am Grab der engsten Verwandten zugange waren, sei dies so verletzend, als greife jemand in die intimste Innenwelt ein.

"Das tut einem im Herzen weh. Das hat keiner verdient"

Mittlerweile hat Andrea Sommer, zusammen mit ihrer Tochter Alina (11) und ihrer Großmutter Edith Möbes, die Gräber wieder hergestellt. Ursache für die aktuellen Diebstähle und Verwüstungen, die die Familie schon mehrmals ertragen musste, sind wohl die Frühlingszeit und die damit verbundenen Neubepflanzungen.

Andrea Sommer ist Dauergast auf dem Friedhof, kommt mindestens einmal die Woche. Nächste Familienmitglieder, die "alle plötzlich und ohne Vorwarnung starben", liegen hier: Ihr Bruder, ihr Vater, ihr Schwiegervater und der Großvater ruhen in drei Urnengräbern. Zwei andere Gräber ausweiteren Familienkreisen kommen dazu. Edith Möbes, deren verstorbener Ehemann hier ruht, ärgern die aktuellen Diebstähle: "Das tut einem im Herzen weh", sagt sie. "Wenn immer wieder alles umgestoßen wird, alles kaputt ist. Das hat doch keiner verdient", erzählt die Rentnerin, die versucht, so oft wie möglich mit zur Grabpflege zu kommen.

Nicht nur Pflanzzeiten wie der Frühling, auch Feiertage sind für Randalierer ein willkommener Anlass: "Die Zahl der Diebstähle nimmt zu den Pflanzzeiten und zu besonderen Anlässen, zum Beispiel Totensonntag, zu", berichtet das Sachgebiet Grünflächen der Stadtverwaltung. Andrea Sommer bestätigt: "Zu Allerheiligen haben sie uns ein Gesteck geklaut, die Vase war verschwunden, Blumen waren weg." Vor zwei Jahren hätte die Grabreihe, wo noch andere Urnen stehen, bestialisch nach Urin gestunken, so Familie Sommer/Möbes weiter.

Besonders weh aber tat es Edith Möbes und Familie, als vor einem Jahr der Grabstein ihres Mannes umgeworfen wurde. Die Bepflanzung war komplett herausgerissen, die Glaslaterne lag zersplittert auf dem Grab. Im Zuge dessen seien mehrere Gräber auf dem Westfriedhof verwüstet worden. Mithilfe ihrer Familie musste sie den Stein durch die Steinmetzfirma restaurieren und wieder aufrichten lassen.

Das kostete eine Menge Geld. Und "auch die Wunden werden durch die Attacken immer wieder aufgerissen", beklagt Andrea Sommer, deren Familie durch den plötzlichen Tod der Männer gezeichnet ist. "Ich brauche es regelrecht zu meinen Gräbern kommen. Nach einer Woche zieht es mich wieder hierher", sagt Andrea Sommer. Den Verlust der Verwandten, denen sie sich nach wie vor sehr verbunden fühlt, verarbeitet sie durch die Besuche und die Pflege der Gräber.

Wie sie ihre Gräber aber schützen kann, weiß sie nicht. Die Verwüstungen auf der für 15 oder 20 Jahre gekauften Grabfläche, ob Urne oder Sarg, muss jeder Nutzer selbst beräumen. Eine Anzeige gegen Unbekannt wurde eingestellt, da die Täter nicht ermittelt werden konnten.

Aber auch der Friedhof in Verwaltung der Stadt kann eine unendliche Geschichte über Randale erzählen: In den vergangenen vier Jahren wurden Dachrinnen und Fallrohre aus Kupfer geklaut; Zaunfelder kamen weg; die Mauern wurden mit Graffiti besprüht; 2009 brannten die gelben Tonnen am Friedhofseingang, berichtet Stadtsprecher Hans-Peter Wannewitz im Namen der Friedhofsverwaltung.

Zwar werden "die Friedhöfe zur Sicherung am Abend abgeschlossen", sagt Wannewitz, doch vor den Mauern machen die Diebe keinen Halt, genauso wie vor Zaunlöchern, durch die auch die Rehe nachts gelangen und die Blüten der Grabespflanzen immer wieder abfressen, wie eine andere Trauernde vermutet. Diese will jedoch anonym bleiben.

"Die Zahl der Diebstähle nimmt zu den Pflanzzeiten zu"

Sie beklagt nicht den Verlust der Konifere vor zwei Wochen oder des Gestecks am Totensonntag, sondern die große Missachtung der Intimsphäre: "Ich habe dann das Gefühl, da war jemand dran, als ob jemand zuhause bei mir eingebrochen hätte."

Kontrollgänge mit der Polizei aber werden nur bei vermehrten Taschendiebstählen durchgeführt, berichtet Stadtsprecher Wannewitz. Dazu kam es einmal im vergangenen Jahr. Zur Zeit können Betroffene wie Familie Sommer/Möbes nur hoffen: auf mehr Respekt vor den Toten und darauf, dass sich die Randalierer einen anderen "Spielplatz" zum "Toben" suchen.