Zusammen mit Partnern eines eigens initiierten Netzwerkes veranstaltet die Stadt Staßfurt in dieser Woche Aktionstage rund um den Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen am 5. Mai. Gestern lud die Sekundarschule Hermann Kasten zu einem Tag der offenen Tür ein. Hier haben die Schüler ganz eigene Erfahrungen mit den Themen Inklusion und Integration gemacht.

Staßfurt. Wo gibt es in Staßfurt barrierefreie Fußgängerüberwege? Welche Ampeln haben Signaltöne, damit sehbehinderte Menschen gefahrlos die Straße überqueren können? Sind Supermärkte, öffentliche und kulturelle Einrichtungen oder Praxen problemlos für jedermann zu erreichen? Reicht die Straßenbeleuchtung überall aus? Diesen und vielen anderen Fragen waren Mädchen und Jungen aus den fünften bis neunten Klassen der Kasten-Sekundarschule Anfang des Jahres sechs Wochen lang nachgegangen.

Alle hatten einen Forschungsauftrag erhalten, mit dem Ziel, eine der Fragen anhand eigener Erfahrungen im Selbsttest zu beantworten. "Die Schüler waren ganz begeistert bei der Sache", sagt Lehrerin Heidi Hoffmann. "Viele haben sich zum ersten Mal bewusst mit Themen wie Barrierefreiheit oder gleichberechtigter Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft beschäftigt." Gelebte Inklusion eben.

Die Ergebnisse präsentierten die Kasten-Schüler gestern anlässlich eines Tages der offenen Tür in ihrer Bildungseinrichtung in der Michaelisstraße. Damit gestalteten sie den Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen in der Salzstadt und waren gleichzeitig Gastgeber für Aktionen der Volkssolidarität, der Stiftung Staßfurter Waisenhaus, der Urania, des Beruflichen Bildungs- und Rehabilitationszentrums, des Gesundheits-, Behinderten- und Rehasportvereins, der Lebenshilfe Bördeland und des Seniorenbeirates der Salzstadt. Alle zusammen haben auf die Initiative der Staßfurter Gleichstellungsbeauftragten Christine Fischmann ein Netzwerk ins Leben gerufen, das dem EU-Aktionstag seit nunmehr drei Jahren große Aufmerksamkeit widmet. Einzigartig im Salzlandkreis.

Dass man das diesjährige Thema "Inklusion beginnt im Kopf" in einer Schule trägt, von Kindern und Jugendlichen tragen lässt, ist in den Augen von Christine Fischmann ein wichtiger Schritt, das Thema Inklusion in der Gesellschaft zu verankern. "Alle Menschen sollen gleichberechtigt Zugang zu allen Bereichen haben und Teilhabe uneingeschränkt erfahren können." Das müsse ins Bewusstsein der Menschen dringen. "Wenn wir bei der Jugend ansetzen, wenn das Thema für Heranwachsende verständlich und selbstverständlich wird, dann haben wir viel erreicht", so die Gleichstellungsbeauftragte.

Erfahrungen im Netzwerk und Alltag

In der Kasten-Schule, in der die Idee des Anlass-bezogenen Tages der offenen Tür entstanden ist, rennt Christine Fischmann mit ihren Vorstellungen offene Türen ein. Lehrerin Heidi Hoffmann, verantwortlich für den Schülerrat und Projekte auch an außerschulischen Lernorten, sagt, dass man bereits 2010 bei der Staßfurter Aktionswoche dabei gewesen sei. Schüler hätten damals Plakate gestaltet. Außerdem würde die Zusammenarbeit mit der Staßfurter Urania immer wieder Fragestellungen aufgreifen, die in der Aktionswoche eine Rolle spielten.

Und dann ist da noch - und nicht zuletzt - der praktisch gelebte Schulalltag. Die Kasten-Schule kooperiert mit der Förderschule Johann Heinrich Pestalozzi. Es gibt gemeinsamen Unterricht. 15 Schüler mit besonderem Förderbedarf wurden in der Sekundarschule unlängst zum Schulabschluss geführt. Deshalb ist Heidi Hoffmann fest überzeugt, dass inklusives Lernen, das Stichwort heißt "Eine Schule für alle", gelingen kann, wenn die Rahmenbedingungen und Motivation stimmen würden.

Ein Anfang, alltägliche Dinge aus der Sicht von Menschen mit Behinderungen zu erfahren und zu bewerten, sei mit dem Tag der offenen Tür gemacht worden, findet so auch Kasten-Schulleiter Bernhard Polefka. Sein Fazit: "Der Tag hat zu Anregungen und zum Gedankenaustausch darüber geführt, was hinter dem Begriff Inklusion steckt, was der Begriff provoziert und was auch Schule damit zu tun hat."

Weitere Fotos vom Tag der offenen Tür finden sich im Internet unter:

www.volksstimme.de/ sachsenanhalt