Seit Anfang Mai ist es für die Brieftaubenzüchter der Reisevereinigung Schönebeck wieder spannend. Die Saison für Brieftauben beginnt. An den Wochenenden bis September stellen die sogenannten "Rennpferde der Lüfte" ihren Orientierungssinn und ihre Schnelligkeit unter Beweis.

Barby/Schönebeck. Ihren ersten Preisflug des Jahres startet die Reisevereinigung am 7. Mai im 200 Kilometer entfernten Eisenhüttenstadt - gemessen nach Luftlinie. "Auf zwei Trainingsflügen über 80 beziehungsweise 120 Kilometer wurden die Tauben auf die Wettkämpfe vorbreitet", berichtet Züchter Berthold Liersch aus Barby, der sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert. Wie er sagt, transportiere ein Spezial-Lkw, der sogenannte Kabinenexpress, rund 2000 Reise-Brieftauben zu einem geeigneten, großflächigen Auflassplatz. "Zielsicher kehren sie dann am nächsten Morgen mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 80 Stundenkilometern zum heimatlichen Taubenschlag zurück", so Liersch.

Im weiteren Saison-Verlauf werden schrittweise die Entfernungen erhöht. Mit 650 Kilometern Distanz steht der längste Flug Ende Juli ab Warschau im Reiseplan. "Unsere ein- und mehrjährigen Alttauben absolvieren insgesamt zwölf Preisflüge", verrät der Barbyer.

Ab August gehen dann die Jungtauben auf die Reise. Als Anfänger absolvieren diese lediglich an fünf Wochenenden Flüge von 130 bis 300 Kilometern. In der Reisevereinigung sind sämtliche Brieftaubenvereine aus Schönebeck und Umgebung organisiert. Die mehr als 50 Mitglieder unterhalten in Bad Salzelmen eine Einsatzstelle, wo die Tauben in den Kabinenexpress eingesetzt werden. Weitere Anfahrstellen befinden sich in Biere, Calbe und Gommern. "Bei Strecken von über 200 Kilometern koordinieren wir alle Flüge mit den Nachbar-Reisevereinigungen, um die vorhandenen Transportkapazitäten optimal zu nutzen", weiß Berthold Liersch.

Die besten und schnellsten Tauben aller Züchter errechnen sich über die Fluggeschwindigkeit in Metern pro Minute. Sie ergibt sich aus der Auflasszeit (Start), der Ankunftszeit und der zurückgelegten Strecke. Ein elektronisches Konstatiersystem stoppt die Zeit automatisch: An jedem Schlag befindet sich eine Antenne. Die Tauben tragen am Bein einen speziellen Fußring mit elektronischem Chip. Fliegen sie ein, werden Datum, Zeit und Nummer erfasst. "Das ist immer ein spannender Moment", gesteht der Züchter.

Beste Taube der Reisevereinigung wird am Saisonende diejenige, die am meisten Preise und Punkte gesammelt hat. Bei jedem Flug kommt das erste Drittel der Reisetauben auf eine Preisliste.

Entsprechend ihrer Schnelligkeit erhalten die Tauben außerdem Punkte, so zum Beispiel 100 für den ersten Platz. Gewertet wird zunächst, wie oft eine Taube in der Preisliste stand - wie viele Preise sie also "geflogen" hat. "Bei Preisgleichheit mehrerer Tauben zählen die erflogenen Punkte. Meister wird der Züchter, der die meisten Preise und Punkte mit seinen besten fünf Tauben sammeln konnte", erklärt Liersch.

Weil das Wetter für den Auflass der Tiere entscheidend ist, gibt es einen Flugleiter, der vom Verband Deutscher Brieftaubenzüchter und dem Deutschen Wetterdienst geschult ist. "Nach einer mehrstündigen Ruhephase für die Tauben am Auflassort bestimmt er den geeigneten Zeitpunkt des Starts. Vorab informiert er sich über die Wetterlage auf der gesamten Strecke, damit die Tauben möglichst sicher wieder nach Hause kommen", beschreibt der Barbyer diese verantwortungsvolle Aufgabe. Bei Nebel, Regen, Sturm oder Gewitter bleibt der Kabinenexpress geschlossen.

"Wer an den kommenden Wochenenden in den Himmel blickt, kann die Brieftauben in großen Schwärmen oder kleinen Grüppchen auf ihrem Heimflug entdecken", sagt Liersch voraus.

In ganz Deutschland beginnt die Reisesaison für mehr als 50000 Züchter, unter denen es ab jetzt nur noch einen Gruß gibt: "Gut Flug!"