Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist für viele Menschen ein Tabu. Bestatterehepaar Heinze hat Jugendliche der Sekundarschule "J. G. Herder" im Rahmen des Ethikunterrichts in den Trauersaal am Friedensplatz eingeladen, um über Trauer, die Beisetzung, Bestattungsarten oder auch das Schminken von Toten offen zu sprechen. Nach anfänglich großer Zurückhaltung stieß das Thema auf enormes Interesse.

Calbe. "Wer den Tod fürchtet, hat das Leben verloren", hat es Johann Gottfried Seume vor über 200 Jahren formuliert. Die Aussage des aus Sachsen stammenden Schriftstellers hat bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren.

"Beim Thema Tod stößt man bei vielen Menschen allerdings auf regelrechte Blockaden", sagt Nancy Heinze, Geschäftsführerin eines Bestattungsinstituts. In vielen Familien sei das Thema tabu, obwohl in manchen Fällen Angehörige bereits im Sterben lägen, so die 33-jährige Calbenserin. Ein Grund, warum sie und ihr Mann mit Schülern darüber sprechen.

"Keine Angst, vor euch im Sarg liegt natürlich niemand drin"

Als am vergangenen Freitag Neuntklässler der Herder-Sekundarschule mit Ethiklehrer Uwe Schmidt den würdevoll dekorierten Trauersaal in der Arnstedtstraße betreten, suchen sich die Jugendlichen schnell einen Platz. Die Tür wird geschlossen. Zwischen Blumenarrangements brennen viele Kerzen. Ihr Licht fällt auf einen Sarg. Schweigen erfüllt den Raum. "Hier liegt kein Toter drin", sagt die gelernte Floristin, die nach einer Anstellung in Schönebeck mit ihrem Mann in die Selbständigkeit ging. Sichtbare Erleichterung macht sich auf den Gesichtern der Mädchen und Jungen breit. Dann folgt wieder Schweigen.

Nancy Heinze liest ein im Internet veröffentlichtes Gedicht eines jungen Hinterbliebenen vor, der seiner Trauer um einen Schulfreund Ausdruck verleiht. Damit versucht sie, mit den Schülern ins Gespräch zu kommen. Langsam platzt der sprichwörtliche Knoten. Viele Themen werden besprochen: sensibel, aber ohne ein falsches Blatt vor den Mund zu nehmen.

Nancy Heinze erklärt den Schülern unter anderem, was sich hinter dem Begriff Schmetterlings- oder Sternenkinder verbirgt. "Dabei trauern Eltern, die beispielsweise durch eine Fehlgeburt, Totgeburt oder plötzlichen Säuglingstod ihr Kind verloren haben."

Welche Bestattungsformen gibt es? Wieviele Leute tragen einen Sarg? Wann setzt die Totenstarre ein? Nur einige der jungen Leute hatten schon selbst praktische Erfahrungen gemacht, als Verwandte verstarben.

"Bei uns übernehme ich als Mann das Schminken von Verstorbenen"

Die Diskussion wird nun zunehmend lebhafter, die anfängliche Scheu verschwindet. Interessiert sprudeln die Fragen der Schüler hervor.

Was passiert beispielsweise bei schweren Zugunglücken, wenn Gliedmaßen durch den Unfall abgetrennt worden sind? "Es ist gesetzlich vorgeschrieben, das alles bestattet werden muss", erklärt Marko Heinze und verweist auf die strengen Regelungen der Bestattungsgesetzgebung von Sachsen-Anhalt.

Vor allem die Mädchen staunen nicht schlecht, als er ihnen berichtet, dass hauptsächlich er als Mann das Schminken bei manchen Toten übernimmt.

"An erster Stelle steht ein würdevolles Antlitz in Anlehnung daran, wie der Tote zu Lebzeiten ausgesehen hat", erklärt Marko Heinze. Aufgrund des kalten Totenkörpers verwende er gern Theaterschminke. Abschließend besichtigen die Schüler unterschiedliche Sargmodelle oder Urnen.

"Unsere Schule beteiligt sich an diesen Veranstaltungen schon seit längerem", sagt Schulleiter Norbert Volkland, der überzeugt ist von dieser Art der Wissensvermittlung.

Teilweise sei es für manche Schüler die erste Auseinandersetzung mit dem realen Tod, jenseits vom medial vermittelten Tod am Fließband in Action-Filmen oder manchen Computerspielen.