Calbe. Angelika Müller blättert in einem Ratsprotokoll des Calbenser Stadtarchivs, wovon sich ein Teil im historischen "Hexenturm" befindet. Eines der ältesten Papiere ist ein schweinelederner Band Schuldverschreibungen, dessen ältestes Blatt von 1379 (!) stammt. Während andere Vorgänge im Laufe der Jahrhunderte abhanden kamen, wurden diese Papiere sorgfältig gehütet. Was zeigt, dass, weils ums Geld ging, die Kommunaloberen zu allen Zeiten sehr sorgfältig sein konnten.

Die Calbenserin hat auch mehrere Millionen im Tresor.Es sind allerdings Inflationsmark aus den 1920er Jahren. Die Archivpflegerin verfügt über raschelnde Geldstapel, aber auch Banknoten der Kaiserzeit, des Dritten Reiches und der DDR. Ebenso werden Gildebriefe, eine "Willkür" von 1525 sowie Unterlagen während der NS-Zeit enteigneter Grundstücke in dem zentnerschweren Geldschrank aufbewahrt.

Angelika Müller hat zwischen Hexenturm und Rathausboden die historischen Fäden in der Hand. Sie ist von der Stadtverwaltung als Archivpflegerin angestellt. Die Calbenser Stadtväter erkannten, wie wichtig es ist, die Archivstelle zu besetzen. Im Mai 1991 trat Angelika Müller ihren Dienst dort an. Anfangs in ABM-Tätigkeit, seit Mai 1993 in Festanstellung. Zwar nur halbtags, aber immerhin.

Zu den Hauptaufgaben eines heutigen Archivpflegers gehört auch die Recherche in Sachen Ahnen- oder Ostarbeiterforschung. Letztere brauchen für ihren Rentennachweis ein behördlich beglaubigtes Papier, das ihre Tätigkeit im Dritten Reich nachweist. Die Frauen und Männer arbeiteten als Zwangsarbeiter in Betrieben oder landwirtschaftlichen Gütern.