Die Barbyer Elbe-Saale-Klinik lud zum "Prothesen-Aktivtag ein. Neben Fachvorträgen und aktuellen Angeboten von Orthopädiefirmen wurden Sportmöglichkeiten für körperlich benachteiligte Menschen vorgestellt.

Barby. "Wir bieten für Prothesenträger ein Gehtraining an, das sie entsprechend ihrer individuellen Leistungsfähigkeit absolvieren, um schnellstmöglich wieder selbständig und unabhängig mit ihrer Prothese leben zu können", sagt Mandy Küsel, Gehschultrainerin des TOC-Sanitätshauses Magdeburg. Sie weiß wovon sie spricht, ist die junge Frau doch selbst unterschenkelamputiert.

Zu ihren Patienten zählt auch Michael Niemann aus der Nähe von Hamburg. Dem 49-Jährigen wurde nach einem Unfall bei der Bundeswehr 1999 das Bein amputiert, im vergangenen Jahr das zweite, das nach zahllosen Behandlungen und Therapien nicht gerettet werden konnte. "Das war am 24. August 2010", sagt er sachlich. Tage wie diesen vergisst man sein Leben lang nicht.

Michael Niemann ist ein Beispiel dafür, wie sich jemand durch ein schweres Handicap nicht entmutigen lässt, es beinahe als Herausforderung ansieht. Der Büchsenmacher-Meister steht im direkten wie übertragenen Sinne mit beiden Beinen im Leben. Er fährt Motorrad und Auto, ist leidenschaftlicher Jäger. Dabei helfen ihm zwei elektronisch gesteuerte High-Tech-Prothesen, deren Stückpreis 20 000 Euro beträgt.

"Für mich kommt eine Invalidisierung überhaupt nicht infrage", stellt der selbständige Waffenmeister klar. Weil er von Berufs wegen ein geschickter Mechaniker ist, gestaltet er seine Prothesen selbst, baut und verbessert Hilfen für den Alltag. "Als Selbstanwender war ich es irgendwann leid, die langweiligen Schaum-Kosmetiken zu tragen", gesteht der Zweimetermann. Er versteckt sein Handicap nicht, sondern graviert es kunstvoll, beleuchtet es von innen oder demonstriert es mit einer gedrehten Piratenstelze. Es ist ein bisschen Provokation dabei. Niemann tut das nicht, um Mitleid zu erregen, sondern er drückt aus: "Ich bin immer noch genauso viel wert wie Ihr."

Man muss es sich vorstellen: Der passionierte Jäger steigt mit seinen Prothesen den Hochstand hinauf oder kniet sich hin, wenn er ein Wildschwein aufbrechen muss. Eine Arbeit, die schon für nichtbehinderte Weidmänner ein Kraftakt ist.

Warum nimmt der 49-Jährige einige hundert Straßenkilometer auf sich, um regelmäßig zur Magdeburger Gehschule von Mandy Küsel zu fahren? Die Antwort ist typisch norddeutsch klar und knapp: "Weil sie gut und besser als andere ist."

Nach diesem Muster lässt sich auch Michael Niemanns Maxime einordnen: Man muss selbstdiszipliniert sein und täglich mit seinen Prothesen trainieren.

Bilder