Das Rätsel ist gelöst. Ja, der Schönebecker Hungerstein ist gewandert. Nach Jahrhunderten an einem Fleck hat er sich bewegt. Und das auch noch gegen den Strom. Doch um die Sache spannend zu machen, noch einmal ein chronologischer Abriss der vergangenen Wochen.

Schönebeck. Bei der Volksstimme gingen in den vergangenen Wochen viele Meldungen vom Sichten eines großen Steines auf Grünewalder Seite ein. Vermutungen tendierten in die Richtung, es könnte sich um den berühmten Hungerstein handeln. Der allerdings tauchte in den vergangenen Jahrhunderten erst bei einem Pegel von etwa 60 Zentimetern aus dem Wasser auf.

An der Oberfläche des Hungersteins, der groß und breit relativ mittig in einem Buhnenfeld lag, hatten sich Generationen von Schönebeckern mit Gravuren verewigt. Es existieren alte Fotografien, die die Altvorderen zeigen, wie sie in ihren damals üblichen Ganzkörperbadeanzügen auf diesem Findling posieren.

Bei der ersten "Steinmeldung" in diesem Frühjahr führte die Elbe noch ordentlich Wasser, der Pegel stand bei etwa 1,80 Meter. Außerdem lag der Stein gut und gerne 30 bis 40 Meter von seinem ursprünglichen Ort entfernt, sehr dicht am Ufer, in unmittelbarer Nähe einer Buhne. Zweifel wurden laut, dass es sich tatsächlich um den Schönebecker Hungerstein handeln könne. Denn er müsste dann gegen den Strom der Elbe gewandert sein. Christian Jung vom Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft hielt das für unmöglich. Das würde dem gesunden Menschenverstand widersprechen. Er meinte: "Abwarten. Vielleicht wird bei weiter sinkendem Pegelstand der wirkliche Hungerstein noch sichtbar."

Der Pegel sank und die Rückmeldungen in der Redaktion mehrten sich. Engagierte "Steinpilger" verkündeten fast täglich ihre Beobachtungen. Aktuell liegt der Bericht von Dr. Thoralf Winkler aus Elbenau vor. Sein Text beginnt mit den Worten: "Die Inschriften beweisen, es ist tatsächlich der Hungerstein. Auch Form und Größe des Steines stimmen." Der Grund für die neue Lage, schreibt Winkler weiter, sei deutlich zu erkennen: Eine Baggerschaufel habe deutliche Kratzspuren hinterlassen. Der Elbenauer vermutet die Leute vom Wasser- und Schifffahrtsamt in Magdeburg als Stein-Beweger. Hat also eine Baggerbesatzung des Magdeburger Amtes, das für die Schiffbarkeit der Elbe verantwortlich ist, in Unkenntnis der historischen und naturkundlichen Bedeutung des Steines den Findling von seiner ursprünglichen Position entfernt? Nachfrage in Magdeburg beim Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes, Friedrich Koop.

Der macht sich umgehend kundig und nimmt Kontakt mit seinem Wasserbauwerksmeister auf. Dann berichtet Koop: "Offenbar haben die langanhaltenden Hochwasser der jüngsten Vergangenheit den Stein in die Fahrrinne der Elbe bewegt. Dort ist er der Besatzung unseres Schiffes bei einer Flächenpeilung aufgefallen. Er ist aus der Fahrrinne entfernt und in Ufernähe abgelegt worden." Und das schafft so eine Baggerschaufel? Koop zeigt sich auch von einem Tonnen schweren Brocken unbeeindruckt. "Wir bewegen nicht nur Kieselsteine", sagt er und verweist auf den physikalischen Fakt, dass feste Gegenstände im Wasser ein vermindertes Gewicht aufweisen.

Noch einmal Thoralf Winkler: "Eine Ausweisung als Naturdenkmal ist zumindest für den jetzigen Standort dringend geboten, damit der Hungerstein nicht eines Tages doch noch ganz abtransportiert wird." Das Umweltamt des Landkreises sei nun gefragt.