In der Serie heiterer Barbyer Kleinstadtgeschichten von Willi Otto veröffentlichen wir heute einen weiteren Beitrag, der Anfang des 20. Jahrhunderts spielt. Der Autor beschreibt Mitte der 1960er Jahre, welche Rolle die Elbe für das Städtchen spielte, womit letztendlich auch Arbeitsplätze verbunden waren.

Von Willi Otto

Barby. Die Elbe und Barby gehören zusammen. In Freud und Leid. Die lange Stadtmauer mit "Prinz" und "Prinzeßchen" schirmen die Stadt gegen die Elbe ab. Denn dieser Fluss verändert ständig die Breite seiner Oberfläche - bei Hochwasser oft kilometerbreit - im Sommer, bei außergewöhnlichem Niedrigwasser, so schmal und flach, dass man als normaler Mensch, sogar als Nichtschwimmer, von einem Ufer zum anderen gehen kann, ohne Gefahr zu laufen, den Geschmack des Elbwassers durch die "Mundprobe" zu überprüfen.

In einem solchen Fall konnte man sogar eine Besonderheit bewundern: Auf der Elbe verkehrten sogenannte Kettendampfer. Das waren Dampfschiffe, die weder Schraube noch Schaufelräder hatten, sondern sich über eine Spezialmaschine an einer Kette, die in Ruhestellung auf dem Grund des Flusses lag, zogen, und sich so mit den angehängten Lastkähnen fortbewegten.

Elbe ist kein harmloses Flüsschen

Und trotzdem ist die Elbe kein harmloses Flüsschen. Durch Buhnen versucht man, die Strömung zu beeinflussen und zu verstärken. Hinter den Buhnenköpfen ist es aber für die meisten Schwimmer ein Wagnis, sich in die dort bildenden Strudel zu begeben. Manch ein Schwimmanfänger hat seinen Leichtsinn mit dem Leben bezahlt.

Es war die Aufgabe des Strommeisters Lehmann, der mit seinem Motorboot "Amsel" den Zustand der Buhnen überwachte. Auch hatte er ein Auge darauf, dass der Verkehr auf dem Fluss und am Ufer ohne Zwischenfälle ablief.

Zu den Arbeiten des Strommeisters zählte auch, den an der Kleinen Elbe gelegenen Pegel zu überwachen. Er wurde täglich in den Wasserstraßen-Zustandsberichten erwähnt.

Die Kleine Elbe hatte jedoch an Bedeutung verloren. Früher, als es auf dem Strom noch ruhiger war, siedelten dort die Biber. Seitdem aber Schraubendampfer und motorisierte Lastkähne die alten Kettendampfer und später die Schaufelraddampfer verdrängten, ist es diesen possierlichen Tierchen zu unruhig geworden. Außerdem haben die Kriegs- und Nachkriegsjahre den Wilderern viel Vorschub geleistet. Heute sind dort keine Biber mehr vorhanden.

Aber auch der Fischreichtum ist dahin. Früher diente die Kleine Elbe vielen Fischarten als Laichplatz. Auch das ist Vergangenheit.

Wenn das Hochwasser im Winter die Wiesen des "Hohen Werder" überschwemmt hatte, dann gab es bei entsprechender Kälte eine ideale Eisbahn.

Im Sommer konnte man in der Elbe baden. Unterhalb des Pegelhäuschens betrieb Schwimmmeister Behrends eine schwimmende Badeanstalt. Einige Schiffskörper waren miteinander verbunden und trugen die Wirtschaftsräume und Umkleidekabinen. Man konnte bei Meister Behrends nicht nur äußerlich baden, sondern auch innerlich "reinigen" und stärken. Das geschah in seiner Kneipe, die bei Wellengang schön schaukelte.

Außer den Kabinen befand sich auch eine "Toilette" an Bord. Das war eine sehr einfache Angelegenheit. Da die Badeanstalt auf der Elbe schwamm, sorgte der Strom für ständige Spülung.

Bescheiden waren damals jene Freuden, die man seinem Gaumen bereitete, dafür waren aber die Sitten umso strenger. Es ging unter keinen Umständen, dass Männlein und Weiblein zusammen im Wasser planschten. Die Badezeiten waren für die Geschlechter getrennt, Familienbetrieb gab es gar nicht. Im Winter lag die Badeanstalt am Ufer und Meister Behrends verabreichte in seinem Haus in der Kastaniestraße (heute Schleiermacherstraße) Wannenbäder.

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