Als "hart am Limit" beschrieb Fred Kalcher am Sonnabend die Hochwassersituation an der Bode in Staßfurt und Ortsteilen. Der Koordinator für die Einsatzkräfte von Feuerwehr und Stadtpflegebetrieb hatte da mit seinen Helfern bereits für 1000 Sandsäcke am Löderburger Drachenschwanz und für 500 in Athensleben sorgen müssen. Es sollten bis gestern etwa 6000 werden.

Staßfurt/Üllnitz/Güsten. Zentimeter um Zentimeter hatte sich der Bode-Pegel seit Freitag an die Alarmstufe 4 herangeschlichen (Volksstimme berichtete). Am Sonnabendnachmittag lag er bei 3,06 Meter, seit gestern Morgen wurde die höchste Alarmstufe (3,10 m) erreicht.

Das bedeutete neben dem erwähnten Sandsackverbau pro Schicht weiter ständige Einsatzbereitschaft für zehn bis 15 Kameraden der FFW Löderburg, sechs Leute vom Stadtpflegebetrieb Staßfurt und zwei Ordnungsamt-Mitarbeiter. Fred Kalcher konnte allen Kräften attestieren, dass die Lage trotz der bedrohlich an den Löderburger Dammkronen leckenden Bode unter Kontrolle sei.

Lebensmüde Mopedfahrer

Umso unverständlicher, dass es doch noch Menschen gibt, die mit ihren Mopeds auf eben diesen durchgeweichten Dammkronen spazieren fuhren. Einfach lebensmüde. Das fünf Grad kalte Bodewasser fließt schließlich nicht wie gewöhnlich gemütlich dahin, sondern ist zum reißenden Strom geworden. Die Wasserschutzanlagen, insbesondere die Dämme sind tabu für jegliche Nutzung, gerade jetzt. Selbst der Löderburger Wehrleiter Thomas Schumann wollte eine Deichwacht durch seine Leute nur noch über Sichtkontrollen verantworten.

Die Straße zum Löderburger See ist überflutet, deshalb wurde die Brücke zum See gesperrt. Das gefiel Gastwirt Michael Schnock zwar nicht, als er plötzlich vor einem Sandhaufen stand, aber auch er akzeptiert die Situation.

Bei einer Lagebesprechung gestern Nachmittag mit Oberbürgermeister René Zok, der Löderburger Ortsbürgermeisterin Elvira Bartsch und ihren Kameraden wurde festgelegt, die Atzendorfer zu Hilfe zu holen und nocheinmal 1000 Sandsäcke für den Drachenschwanz beim Stadtpflegebetrieb zu ordern. Der wurde dabei unterstützt durch Kameraden aus Rathmannsdorf und Förderstedt. Die FFW Neundorf befand sich derweil in Bereitschaft für den Katastrophenschutz des Landkreises. Katastrophenalarm für den Staßfurter Bereich – in diesem Falle würde der Landkreis alle Einsätze koordinieren – musste bis gestern noch nicht ausgerufen werden. Zu dieser Zeit bewegte sich der Bode-Pegel Staßfurt bei 3,12 Meter. 6000 Sandsäcke waren bis dahin in Löderburg, Athensleben und Staßfurt verbaut. Ein Anwohner der Neuen Welt Staßfurt hatte auch um 20 Sandsäcke gebeten und sie erhalten. In diesem Zusammenhang sagte OB Zok, dass sich Freiwillige, die Bauhof und Feuerwehren beim Sandsackfüllen helfen wollen, über Telefon (0 39 25/ 96 02 45) bei Rainer Busse melden können.

Grundwasserproblem: Graben liegt trocken

Ärger über zuviel des nassen Elements gibt es derweil auch in Üllnitz. Hierher reicht zwar kein Hochwasser, doch mit Pumpen ist Lutz Schneider in dem Staßfurter Ortsteil bereits seit 13. November 2010 ununterbrochen beschäftigt, damit sein Elternhaus und die Werkstatt des dazugehörenden Autohauses nicht untergehen. Als nun das Wasser von allen Seiten von den Äckern drängte und die Fahrzeuge auf der Freifläche mit den Rädern schon im Wasser standen, rief der Üllnitzer die Feuerwehr zu Hilfe. Die reagierte und verbaute etwa 300 Sandsäcke. Die Fahrzeuge brachten Lutz Schneider und sein Sohn aufs Trockene. "Ich lebe seit ich geboren bin, hier", erzählt Lutz Schneider, vor einer Woche 60 geworden, "Aber so schlimm war‘s noch nie mit dem Wasser." Zu Pfingsten 2010 habe es sich bereits angekündigt. Da mussten die Schneiders schon fünf Wochen lang den Keller leer pumpen. Dann im September und ab November bis jetzt. Schneider: "Die jetzige Grundwasserproblematik im Raum Atzendorf/Förderstedt ist eigentlich von Menschenhand gemacht. Unsere Altvorderen waren ja nicht dumm und haben die Gräben nicht umsonst gezogen." Insbesondere nennt der Üllnitzer den Marbegraben als Problem. "Der liegt hinter Atzendorf trocken. Eigentlich dient der Marbegraben dazu, unsere Region in Richtung Bode zu entwässern", weiß Lutz Schneider. Folglich müsste der Graben mal grundhaft gesäubert werden, um der Grundwassersituation Herr zu werden.

Erleichterung in Sachen Hochwasser gab es unterdessen am Sonnabend in Güsten.

Wehr zur Flutmulde blieb geschlossen

"Wir mussten das Wehr zur Flutmulde nicht ziehen. Gleichzeitig hat die Liethe als Ablauf ihre ganze Kapazität unter Beweis gestellt. Der Wipper-Pegel geht zurück", stellte Bürgermeister Helmut Zander fest. Den Höchststand hatte das launische Flüsschen aus dem Südharz am Sonnabendmorgen, gegen 8 Uhr, mit 2,74 Meter am Pegel Großschierstedt erreicht. Die Alarmstufe 4 verließ die Wipper im Laufe des Tages. Dennoch mussten in Giersleben überflutete Straßen gesperrt werden.

In Güsten hielten der Bauhof und im Bereich des Warmsdorfer Mühlgrabens die Freiwillige Feuerwehr Amesdorf weiter Deichwacht. Gestern Nachmittag lag der Pegel Groß Schierstedt mit 2,50 Meter im Bereich der Alarmstufe 3.

Es wird in dieser Woche mit einer anhaltend angespannten Hochwassersituation auch an Bode und Wipper gerechnet.

   

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