Auf der Straße und den Gehwegen herrscht am Silvestertag gähnende Leere. Kaum eine Menschenseele ist auf den verschneiten Strecken unterwegs. Die Volksstimme ging der Frage nach, wer sich in den Nachmittagsstunden des letzten Tages im Jahr hinaus traut. Wer nutzt Bus und Bahn? Eine kleine Reise durch den Salzlandkreis mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Schönebeck/Bernburg/Staßfurt. Es ist kalt. Zwar herrschen Plusgrade am Silvestertag, doch minutenlanges Stehen an der Bushaltestelle fordert seinen Tribut. "Hat der Bus etwa Verspätung?" Ein Blick auf die Uhr bestätigt das ungeduldige Fragen. Ebenfalls am Bahnhof in Schönebeck wartet Axel Teske. Der 40-Jährige hat seine Geschwister in der Elbestadt besucht. Nun will er nach Hause nach Kleinmühlingen. Auf einmal erhellt sich sein Gesicht. "Da kommt er", sagt Axel Teske nur. Und schon ist am Horizont der Bus zu sehen. Er hält, Axel Teske betritt das leere Gefährt. Dass der Kleinmühlinger selbst am Silvesternachmittag noch mit dem öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs ist, ist für ihn selbstverständlich. Ein Auto hat er nicht.

Im flotten Tempo fährt der Bus nach Kleinmühlingen hinab, muss am Ortseingang jedoch gehörig abbremsen. "Die Leute schieben ihren Schnee einfach auf die Fahrbahn", schimpft der Busfahrer, denn nur etwa zwei Drittel der Kreisstraße sind überhaupt nutzbar. An den Rändern türmen sich Berge aus Eis und Schnee. Würden sich hier zwei Lkw oder Busse begegnen, gäbe es wohl Probleme. Doch zu Silvester hat der geräumige, dreiachsige Omnibus die Straße für sich alleine.

In Calbe hat Henry Döpelheuer überhaupt keine Chance, vernünftig an die Bushaltestellen heranzufahren. Die Busbuchten sind mit Schnee zugeschoben, nur ein schmaler Weg für die Fahrgäste freigeschaufelt. "Das ist doch kein Zustand, wie soll ich denn hier halten", fragt der erfahrene Kraftfahrer, der in seinen rund 30 Berufsjahren schon so einige Winter mitgemacht hat. Für dieses Mal löst sich das Problem von selbst – bis Nienburg bleibt der Bus leer. Dort angekommen schwärmt Henry Döpelheuer von seinem Beruf, den er auch Heiligabend oder Silvestern gern ausübt. "Das gehört einfach mit dazu und die Zeiten, zu denen wir unterwegs sind, haben sich ja schon verändert." Bis 17 Uhr fahren die Busse zu Silvester, dann ist Schluss – noch vor 20 Jahren, zu Zeiten von Schichtarbeit und Berufsverkehr, war das undenkbar.

In Nienburg ist Umsteigen angesagt. Die Wartezeit für den Anschlussbus hält sich in Grenzen. Auf der Strecke nach Bernburg sitzen etliche Fahrgäste im Bus, zum Beispiel ein 17-Jähriger, der zu einer Silvesterparty nach Leipzig will oder die Rentnerin Margot Funke. Drei bis vier Mal in der Woche fährt sie in die Kreisstadt in ein Pflegeheim. Vom Busbahnhof bringt sie dann die Citylinie weiter, eine Alternative gibt es für die 81-Jährige nicht. Warum sie gerade zu Silvester fährt? "Wissen sie, sonntags und feiertags sind keine Busse nach Nienburg unterwegs, das heißt, ich könnte erst am Montag wieder fahren", erklärt sie, während der moderne Erdgasbus über die Saale rollt. Am Steuer sitzt Werner Beyer.

"Ich übe meinen Beruf unheimlich gern aus", beginnt er zu schwärmen. Vor allem der Kontakt zu den Menschen mache für Werner Beyer diesen Job aus. Silvesternachmittag sei jedoch immer ein ruhiger Dienst. Kaum Fahrgäste. "Dabei fahre ich doch lieber mit einem vollen als einem leeren Bus", gibt er zu. Am Busbahnhof in Bernburg lobt Werner Beyer unvermittelt die vorbildlich geräumte Haltestelle. Der Bus rollt bis an die Bordsteinkante, die Türen öffnen sich und die Fahrgäste steigen bequem aus.

Busfahrer Werner Beyer ist zufrieden und gibt die neue Linie ein: "5510 Osmarsleben". Mit drei Fahrgästen an Bord geht es am "Paradies" vorbei nach Ilberstedt. Lemya Tirb und Christian Friedrich fahren die Strecke zum ersten Mal mit dem Bus "Sonst nehmen wir immer den Zug", erzählen die beiden, auf den hätten sie aber um diese Zeit zu lange warten müssen. Am "Stern" steigen sie aus, immer noch auf der Suche nach einer Silvesterparty: "Wir fahren zu einem Kumpel, und wollen den mal fragen." Und sollte das nicht klappen, es gibt ja auch noch den Bus zurück in die Kreisstadt.

Der Bahnhofsvorplatz in Güsten – die nächste Zwischenstation zum Umsteigen – lädt nicht zum Verweilen ein: triste Einsamkeit, tropfende Dachrinnen, beschmierte Wände. Wie ein Wohnzimmer wirkte da der bequeme Reisebus von Christian Brösicke. Mit der Musik von Udo Jürgens geht die Reise gemütlich weiter über Rathmannsdorf nach Staßfurt. "Die CD habe ich mir extra gekauft, weil über die Feiertage nicht viel los ist." Es geht beschaulich zu in der Linie 155 und selbst vom schlechten Wetter möchte der Busfahrer nichts hören. "Das ist doch Winter. Wäre es nicht so, würde es Frühling oder Sommer heißen", versteht er nicht, warum alle immer meckern und lobt im selben Atemzug den Winterdienst im Kreis.

In Staßfurt beginnt die letzte Etappe zurück nach Schönebeck. Pünktlich auf die Minute rollt der Regionalexpress aus Erfurt nach Magdeburg ein. "Schatz, soll ich die Tasche für dich nehmen", fragt Florian Palatz seine 18-jährige Freundin Laura Weingart. Sie nickt: "Natürlich." – "Wie immer", bemerkt der 20-Jährige augenzwinkernd und die beiden steigen in den Triebwagen. Er aus Hecklingen, sie aus der Altmark haben beide den ersten Teil der Ferien im Salzland verbracht.

Zur Silvesterparty geht es in die "Grüne Zitadelle". Nach Neujahr reist das verliebte Pärchen dann weiter zu ihren Eltern. "Man ist das Zugfahren schon gewöhnt", winken die Jugendlichen ab, die nur selten das Auto nehmen. "Wenn der Zug pünktlich ist oder wenigstens eine Durchsage kommt, ist alles okay", gibt sich das Paar minimalistisch. Einen Sitzplatz finden sie diesmal nicht, denn der Zug ist ausgesprochen gut besetzt.

Hier sind sie also, die Menschen, die Silvester in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind. Reisetaschen und Koffer stapeln sich auf den Ablagen, es wird erzählt, geschlafen, gelesen oder in die triste Landschaft geschaut. Hier sitzen alle zusammen, die die nach Hause wollen oder zur Party, auf Besuch oder zur Arbeit.

   

Bilder