Athensleben (frc) l Nach dem Beitrag von Manfred Lehrmann über das Verschwinden der Athenslebener Kirche kommt weiteres über das Bauwerk ans Licht: Christine Kessner, deren Vater Günther Henke von 1963 bis 1987 evangelischer Pfarrer in Löderburg war und 2012 verstorben ist, hat der Volksstimme Auszüge aus dessen Erinnerungen an die Kirche zur Verfügung gestellt:

"Das Dorf Athensleben kannte bis zur Bodenreform im Jahre 1946 keinen Privatbesitz an Haus und Boden. Die Gemarkung war Staatsbesitz. Das Gut mit Schloss Athensleben war zirka 250 Jahre lang mit kurzer Unterbrechung an das Geschlecht der Benneckes verpachtet. Die Bewohner des Ortes mit den Vorwerken Lust und Rothenförde standen ausschließlich im Dienste des Gutes. Die Glieder der evangelischen Kirche wurden vom Pfarrer aus Löderburg betreut.

Innerhalb des Schlosses existierte eine Kapelle zur Feier der Gottesdienste. Nach einem Brand wurde diese zwar renoviert, doch Ende des Jahrhunderts stellte der Pächter Bennecke bei der Regierung in Magdeburg den Antrag auf Bau einer Kirche. Kurz vor der Grundsteinlegung wurde der Grundriss um drei Bankreihen erweitert, damit die Saisonarbeiter auch noch in der Kirche Platz hätten. Alles was an Reparaturen nötig wurde, wies der Pächter als Patron an und wurde aus der Regierungskasse bezahlt.

Die Bodenreform verwies den bisherigen Pächter, weil mehr als 400 Morgen Land, aus dem Kriegsgebiet. Er wurde enteignet. Jetzt bekamen die Landarbeiter, einschließlich der zugewanderten Flüchtlinge, zirka zehn Morgen Acker und Wiesen zugeteilt, das sie dann als Eigentum im Grundbuch verbrieft bekamen. Nur das Kirchengebäude wurde nicht der Kirchengemeinde übereignet, es blieb "Eigentum des Volkes-Rechtsträger Rat der Gemeinde Löderburg." Der Konflikt mit dem Staat war vorprogrammiert. Die kleine Kirchengemeinde Athensleben mit den dazugehörenden Vorwerken gehörte mit dem eigenen Gemeindekirchenrat als Filiale zu Löderburg."

Seit Weihnachten 1963 war Günther Henke dort Pfarrer. Die nachfolgende Zeit hat er persönlich miterlebt. Er selbst wollte sich um das Bauwerk kümmern: "Ende der 60er Jahre wurde die Turmreparatur fällig. Nach meiner Schätzung benötigten wir dafür zirka 26000 Mark. Die Kirche war Eigentum des Volkes, also müsste der Rechtsträger auch für die Finanzierung aufkommen. Mein Antrag wurde vom Bürgermeister an den Rat des Kreises Staßfurt weitergereicht: Ablehnung. Das evangelische Konsistorium in Magdeburg bestand darauf, dass der Besitzer nach Baugesetz zuständig sei. Der Stellvertreter des Rates für Inneres überbrachte mir selbst den ablehnenden Bescheid. Ich stellte daraufhin den Antrag, die bei der Bodenreform versäumte Prozedur nachzuholen und uns das Kirchengebäude zu übereignen. Das wurde von der Bezirksregierung Magdeburg abgelehnt. Rein demonstrativ ließ ich die wenigen Gottesdienstbesucher von nun an vor der Tür warten bis die elektrische Glocke hatte aufgehört zu schwingen. Die Schäden in den Kehlen des Gebäudes nahmen durch Regenwassereintritt zu. Ende des Jahres 1978 hatte ich den Gemeindemitgliedern in einem Brief mitgeteilt, dass wir das Gebäude nicht halten können. Den Schlüssel habe ich dem Bürgermeister übergeben.

Die Glocken und die Orgel hatte ich dem Konsistorium in Magdeburg angeboten. Das Holz der guten Bänke habe ich geborgen und anderweitig verwendet. Doch von nun an war die aufgegebene Kirche in Athensleben ein Domizil für sich bekämpfende Jugendliche des Ortes.

Zwischen Weihnachten 1978 und Neujahr 1979 traf ich zufällig vor dem Rat des Kreises in Staßfurt den Bürgermeister mit seinem Mitarbeiter. Ich sprach sie auf den bis nach Löderburg zu vernehmenden Unfug des Glockengeläuts an und sagte unüberlegt, dass der Abriss der Kirche aufgrund der Gefahr, die von ihr ausging, am besten sei. Anfang Februar erzählte mir ein Omnibusfahrer in Neundorf, dass die Technik dabei sei, die Kirche abzureißen. Nun war in den Folgejahren ich der böse Mann, die Vernichtung der Kirche nicht verhindert zu haben. Die Kirchengemeinde Athensleben starb aus."