Eine sehr bewegte Geschichte hat das Haus an der Ecke zur Kleistraße in Förderstedt. Ob Gemüsehändler Hermann Gölzer mit seinem Dreirad oder die gewitzte Schmuckverkäuferin Frieda Jäger - diese Geschäftsleute kennen viele Leser noch.

Förderstedt l Walter Trautewig hat das Haus erkannt. "Ich kann mich zwar nicht mehr an den Laden von Gölzers erinnern, aber an das Schmuck- und Uhrengeschäft, das sich später darin befand", so der 78-jährige Förderstedter, "vom Erzählen her weiß ich, dass der alte Gölzer immer mit dem Handwagen durch das Dorf gezogen ist und seine Ware ausgerufen hat wie: ,Jrüne Här!` - was auf Platt soviel heißt wie ,Grüne Heringe`."

Mario Köhler, Ilse Funke und Hanna Lehmann sind weitere Leser aus Förderstedt, die das leer stehende Schlecker-Geschäft als Standort des alten Hauses richtig ausmachten. Hanna Lehmann weiß noch, wie der Gemischtwaren- und Gemüsehändler Hermann Gölzer auch mit Pferd und Wagen unterwegs war.

Ute Lampe und Brunhilde Rossol wissen die Lösung ebenfalls und ergänzen: Hermann Gölzer mit seinem Geschäft für Obst und Gemüse "fuhr schon damals mit seinem Auto, einem Dreirad, in die umliegenden Ortschaften und bot dort sein Obst und Gemüse an." Auch an Walter und Frieda Jäger, die in den 30er Jahren dort ihren Uhren- und Schmuckladen gründeten, erinnern sich Ute Lampe und Brunhilde Rossol. "So werden Kindeserinnerungen wach, weil wir viel mit den Enkelkindern in diesem Haus gespielt haben. Dann wohnte noch meine beste Freundin Monika Scheinhardt über diesem Geschäft und sie ist heute noch meine beste Freundin."

Bis ins hohe Alter habe Frieda Jäger das Geschäft betrieben. Auch Alfred Illing beschreibt sie als geschickte Geschäftsfrau: "Sie hat es verstanden, dass man aus diesem Laden nie herausgegangen ist, ohne etwas zu kaufen." Links neben dem Haus befand sich die ehemalige Orts- und Schulbibliothek, an die sich zuletzt ein Verkaufsladen für Milch und Molkereiprodukte anschloss, weiß Alfred Illing.

Richtig erkannt haben das gezeigte Haus auch Holger Mehrig und Otto Schneider. Letzterer weiß sogar etwas über die Kutsche auf dem Bild: "Das Gespann mit den beiden Schimmeln gehörte dem Landwirt Kleine, der auch einen Fuhrbetrieb unterhielt."

Am nächsten stand Helga Jäger aus Atzendorf dem Uhrmacher Jäger: Sie heiratete einen seiner Söhne, Hans Jäger, und berichtet der Volksstimme aus ihren vielfältigen Erinnerungen: 1927 vermietete Hermann Gölzer den Laden an den Uhrmacher Walter Jäger und seine Frau Frieda mit dem Sohn Hans, die ursprünglich aus Calbe stammten. "Mutig, denn es herrschte noch hohe Arbeitslosigkeit in der Region", kommentiert Helga Jäger den Schritt ihrer Schwiegereltern. "Hochschwanger bewältigte Frieda den Umzug neben der Ladeneröffnung. Am 19. September 1927 wurde in dem Haus der zweite Sohn, Gerd, geboren", berichtet sie. "Das Geschäft lief gut, zu Uhren und Schmuck kamen Porzellan, Besteck und Gläser." Ihre Schwiegermutter bezeichnet auch sie als Förderstedter Original, als geschickte und tapfere Geschäftsfrau. "Von den sieben Enkeln, die sie hatte, und von der Bevölkerung wurde sie liebevoll `Oma Frieda` genannt. Kundinnen brachten zum Beispiel ihre neuen Kleider mit ins Geschäft und ließen sich die passende Kette dazu aussuchen. Frieda wurde mit ihrem Humor und ihren Ansprüchen zur Legende. Eine Kundin ließ sich einmal alles Mögliche zeigen, aber ihr `schwebte etwas ganz anderes vor`, sagte diese. Frieda riet ihr: `Wir haben jetzt Wochenende. Lassen Sie es doch schweben und kommen Montag wieder.`"

Frieda und Walter Jäger mussten eine schreckliche Wohnung ertragen, sagt Helga Jäger noch. "Hermann Gölzer hat Miete kassiert, aber nie etwas an der Wohnung getan. Er meinte immer: `Solange ick lebe, reikt dat." Dennoch "die Lage des Geschäfts war einmalig", meint Helga Jäger. Wegen des Baustopps zu Kriegsbeginn konnte kein eigenes Geschäftshaus gebaut werden.

Helga Jäger weiß weiterhin: "Neben dem Schaufenster entstand ein zweiter Laden. Zur Hofseite hatte sich der junge Elektriker Erich Pape selbstständig gemacht, mit Werkstatt. Hermann Gölzer baute im zweiten Haus, gleich neben dem Tor, einen Laden aus. Bis er diesen benutzte, wurde er an den Drogisten G. Kosanke vermietet, welche dann später gegenüber ein eigenes Grundstück erwarb. Hermann Gölzer verkaufte sein Gemüse in einem Kiosk auf dem freien Platz vor dem Haus", so Helga Jäger. Auch sie kann sich genau an das Dreirad erinnern, mit dem er über die Dörfer fuhr. In dem zweiten Laden gab es dann noch Obst und Gemüse, Südfrüchte und Fische. Als Gölzer in die Jahre kam, vermietete er an einen Milchmann. Frieda Jäger, bestätigt auch die Schwiegertochter, führte den Laden bis sie 86 war.

Besonders toll fand Helga Jäger das Gemüt ihrer Schiwegermutter Frieda: "Sie hat als junges Mädchen schon für Millionen Eis gekauft, die Währungsreformen bis zum Euro erlebt, aber bis zu ihrem 97. Lebensjahr ist sie immer frohen Mutes geblieben."

Unter allen, die mitgemacht haben, hat die Losfee einen Gewinner gezogen: Mario Köhler. Er kann sich seinen Gewinn ohne Anmeldung zwischen Montag und Freitag, 10 bis 18 Uhr, in der Redaktion in der Gollnowstraße 6 in Staßfurt abholen.

   

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