Pfarrer Thomas Lütgert feiert heute seinen 65. Geburtstag. Fast ein viertel Jahrhundert ist er nun in Großmühlingen eingesetzt. Unter seiner Mitwirkung wurde die Kirche im Dorf wieder aufgebaut.

Großmühlingen l Diese Geschichte ist so sonderbar, dass sie gleich an den Anfang dieses Beitrags gehört. Pfarrer Thomas Lütgert aus Großmühlingen erzählt sie mehr beiläufig - nicht aus Scham, sondern weil er sie bestimmt schon mindestens 100-mal zum Besten gegeben hat und sie damit für ihn völlig normal ist. Als er in den 1980er Jahren ehrenamtlich für die Gemeinde Felgeleben tätig ist, stürzt einen Tag vor der Volkskammerwahl im Juni 1986 das Dach des Gotteshauses in sich zusammen. Jahre und ein politisches System später ist Thomas Lütgert in Großmühlingen eingesetzt. Und wieder geschieht das, was ihm schon in Felgeleben passierte: Das Dach der Kirche stürzt ein. "Seitdem hat mich die Kirchenleitung nicht mehr versetzt", sagt Lütgert und schaut verschmitzt von seinem Schreibtisch im Pfarrbüro hinüber zur Kirche.

Der Pfarrer hat Humor. Pfarrer Lütgert ist ein ganz besonderer, ein Mann der Kirche, der sich mit seinen Gemeinde-"Schäfchen" auch mal duzt, in einem kleinen Dörfchen, wo jeder jeden kennt. Ein Pfarrer, der auf so vielen Umwegen und nach vielen Jahren erst zu seinem Wunschberuf kommt. Heute wird er 65 Jahre.

Dieselmotorenwerker leben mit Kirchenmann

Am 8. April 1949 wird Thomas Lütgert in Halle an der Saale geboren. Die ersten Jahre beginnen DDR-typisch geradlinig: Schule, Berufsausbildung zum Dreher, Facharbeiterabschluss in den Leunawerken "Walter Ulbricht" und Arbeit als Dreher. Doch der junge Thomas schaut nicht nur nach vorn, sondern auch nach links und rechts des Weges. Der Sozialismus ist kein Glauben, doch von letzterem fühlt sich Thomas Lütgert angezogen. Er geht oft zur Jungen Gemeinde in Leuna und übernimmt mehr Verantwortung dort.

Die Leidenschaft für die Kirche wird immer stärker. Als er einen Artikel in der Zeitung liest, dass theologischer Fernunterricht in Gnadau gegeben wird, sagt er zu. Das war um das Jahr 1970 herum. Von da an werden die Weichen vom Zufall gestellt, der später sein Leben bestimmen wird: In Gnadau lernt Thomas Lütgert seine Frau kennen, er verliebt sich und zieht mit ihr nach Schönebeck.

Lütgert beginnt 1976 nicht nur eine Arbeit im Diesel- motorenwerk Schönebeck, sondern im gleichen Jahr auch seine Tätigkeit als ehrenamtlicher Mitarbeiter der Kirchenprovinz Sachsen. Ihm wird - ehrenamtlich wohlgemerkt - die Kirchgemeinde Felgeleben angetragen. Funktionierte das: Arbeiter in einem DDR-Betrieb und die Arbeit für die evangelische Kirche? "Komischerweise ja. Meine Kollegen wussten von meiner ehrenamtliche Tätigkeit und haben das wunderbar akzeptiert", erinnert sich Thomas Lütgert.

Pfarrer weiß früh, dass die DDR zu Ende geht

Wenn in der Reparaturschlosserei in der Nachtschicht mal Ebbe an Arbeit ist, weiß Lütgert, wie er sich die Langeweile vertreiben soll: Er setzt sich an den Tisch und schreibt seine nächste Predigt.

So vergehen die Tage, die Wochen, die Monate. Am 9. November 1989, als die Mauer fällt, sitzt er mit Jugendlichen im Konfirmandenunterricht. "Mein Sohn hat mich daraufhin informiert, was passiert ist", so Thomas Lütgert. Er ahnt, dass dies das Ende der DDR bedeutet. Wohl auch deshalb, weil er im gleichen Jahr zuvor nach vier vergeblichen Anträgen zu einem Familienbesuch die Bundesrepublik besuchen durfte. Er sieht den Unterschied beider deutscher Staaten und vermutet, wie die Geschichte ihren Lauf nehmen wird.

Thomas Lütgert erkennt die Chance in seinem Leben, aus seinem Hobby einen Beruf zu machen. "Also habe ich mich bei der Kirche gemeldet", so Lütgert. Er absolviert eine theologische Weiterbildung, eine praxisbegleitende Ausbildung zum Pfarrer und schreibt seine Abschlussarbeit. Nach 16 Jahren als ehrenamtlicher Mitarbeiter der Kirchenprovinz Sachsen geht 1991 ein Traum in Erfüllung: Thomas Lütgert wird Mitarbeiter im Verkündigungsdienst. "Bis heute bereue ich nicht, diesen Schritt gegangen zu sein", sagt er mit dem Blick von heute auf die vergangene Zeit.

Im Jahr 1993 zieht er mit seiner Frau nach Großmühlingen, schon ein Jahr zuvor ist er für das Kirchspiel Eickendorf - Mühlingen - Zens zuständig. Welche Erinnerung hat der Pfarrer an seinen ersten Tag in Mühlingen? "Die Bausubstanz hier war ziemlich heruntergekommen, die Kirche baupolizeilich gesperrt. Ich dachte nur: Lieber Gott, lass irgend etwas passieren."

Zuerst kommt die Kirche, dann erst die Familie

Es dauert noch drei Jahre, bis "etwas passiert" und das Dach der Kirche nachts zusammenfällt. "Aus der Kirche heraus konnte man den Himmel sehen", beschreibt Thomas Lütgert die Situation. Jahre später ist es ausgerechnet ein Volksstimme-Stammtisch in Großmühlingen, der zur Initialzündung wird: "Nur beiläufig wurde an dem Abend gesagt, dass sich eigentlich ein Kirchbau-Verein gründen müsste", erzählt der Pfarrer. Am nächsten Tag stehen am frühen Morgen die ersten drei Helfer vor dem Pfarrhaus. Im Jahr 2007 ist es geschafft, die Kirche erstrahlt wieder im neuen Glanz.

Im Dezember 1998 erfolgt für Thomas Lütgert die Ordination zum Pfarrer - er ist am Ziel seiner Träume. Doch Thomas Lütgert tanzt noch auf anderen Hochzeiten. Er war in der Notfallseelsorge und ist jetzt passiver Kamerad bei der Feuerwehr. Er ist Ansprecherpartner für junge und alte Menschen mit ihren kleinen und großen Sorgen. Er betreut Christen in Mühlingen, Zens, Eickendorf, Förderstedt, Atzendorf, Borne und Löderburg.

Seine Leidenschaft für die evangelische Kirche ist noch genauso wie am ersten Tag: Zuerst kommt die Gemeinde, dann die Familie. Nur heute mit Sicherheit nicht: Heute kann er sich der Familie nicht entziehen. Es ist sein 65. Geburtstag. Pfarrer Lütgert müsste noch drei Monate arbeiten, dann dürfte er sein verdientes Rentnerdasein genießen. "Och nö, das möchte ich eigentlich nicht", sagt der Pfarrer. Er wird vorerst weitermachen. Bis ein junger Pfarrer seine Stelle übernimmt. Und ihm wird er sicherlich die Episoden mit den eingestürzten Kirchendächern von Felgeleben und Großmühlen auch erzählen. Denn diese Geschichte ist genauso außergewöhnlich wie das Leben von Pfarrer Thomas Lütgert.

 

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