Am 14. Mai sollte das ehemalige Atzendorfer Kulturhaus, welches seit etwa zwei Jahren vom Versanddienstleister Hermes als Lager genutzt wird, im Rahmen eines Zwangsvollstreckungsverfahrens im Amtsgericht Aschersleben unter den Hammer kommen.

Von Karl Seidel

Atzendorf l Zu einem Verkauf ist es aber (noch) nicht gekommen, denn das Verfahren ist auf Betreiben des Gläubigers einstweilen eingestellt worden, teilte die Gerichts-Geschäftsstelle auf Anfrage der Staßfurter Volksstimme mit.

Die Diskussion um dieses einst bei den Jugendlichen im ganzen Landkreis geliebte Gebäude gibt Anlass für einen Blick in die Geschichte. Dabei half der Atzendorfer Hobbyhistoriker Kurt Braun mit Bild- und Textmaterial.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs befand sich an dieser Stelle in der Dorfmitte der Gasthof "Deutsches Haus" als bürgerliches Lokal mit Saalbetrieb. Hier fanden jährliche Manöverbälle statt, bei denen sich die Soldaten eines in Halberstadt stationierten Artillerieregimentes und eines in Quedlinburg stationierten Infanterieregiments auf dem Weg vom Manöver zu ihren Standorten vergnügten.

Der Gasthof war außerdem Ausspann und Logis für durchfahrende Händler. Der Wirt, August Clemens, betrieb auch noch ein Omnibusunternehmen, mit dem er seine Gäste zum Förderstedter Bahnhof fuhr.

Eine Kegelbahn und ein Vorführraum für Kinoveranstaltungen gehörten zum Komplex dazu.

Der Gasthof war Stammlokal von Großbauern und Vereinen, wie Stahlhelmverein, Gesellenverein, Deutscher Turnverein, Fußballverein und Geflügelverein, um nur einige zu nennen.

Nach 1945 erfolgte der Abriss und Neuaufbau

Nach 1945 wurde das Haus zunächst Kulturhaus der MAS (Maschinen- Ausleihstation). Nach 1962 erfolgte der Abriss bis auf die Fundamente und darauf der Neuaufbau des heutigen Gebäudes im Rahmen des Nationalen Aufbauwerks der DDR, das am 1. Mai 1965 mit Gaststätte, großem Saal und später ab 1974 auch mit einem für die damalige Zeit repräsentativen Jugendclub eröffnet wurde.

Beim Neubau waren die Bevölkerung und Vereine des Ortes im damals in der DDR laufenden "Mach-mit"-Wettbewerb in erheblichem Maße beteiligt. Hier fanden Veranstaltungen der Konzert- und Gastspieldirektion der DDR mit Künstlern der Spitzenklasse und jeden Sonntag ein Jugendtanz mit bis zu 500 Teilnehmern statt. Die Niederwildjagden des Staatsratsvorsitzenden und anderer hoher Würdenträger der DDR wurden öfters hier beendet.

Der Jugendclub an der Stelle der ehemaligen Kegelbahn bekam den Ehrennamen "Wilhelm Pieck" und weitere Auszeichnungen in seiner Blütezeit zwischen 1975 und 1985.

Nach der Wende wurde es stiller um das Gebäude. Zunächst noch als Gaststätte betrieben, rentierte es sich bald nicht mehr, und es wurde geschlossen. Dann fanden hin und wieder noch Veranstaltungen, zum Beispiel Geflügelschauen, im Haus statt.

Danach war es einige Jahr völlig still um das ungenutzte Gebäude, bis der Versanddienstleister Hermes hier als neuer Nutzer einzog.

Bilder