Gleich zwei Hobbys, bei denen es auf das richtige Zielen ankommt, hat Lee-Ann Neetz aus Wolmirsleben. Volksstimme-Mitarbeiter Tilman Treue sprach mit der 16-Jährigen über Tore, Klappen und verplante Wochenenden.

Wolmirsleben/Calbe l Lee-Ann Neetz hat rote Wangen und atmet einmal tief durch, als sie sich hinsetzt. Sie hat gerade ihr Handball-Training hinter sich, das erste seit Monaten, in denen sie verletzungsbedingt pausieren musste. "Das Zugucken-Müssen, das hat richtig genervt", gesteht sie und man spürt förmlich das Kribbeln in ihren Händen, wenn es um ihren Sport geht. Seit drei Jahren läuft sie für die Turn- und Sportgemeinschaft (TSG) Calbe auf, momentan in der Sachsen-Anhalt-Liga der weiblichen B-Jugend. Ihre Wurzeln liegen jedoch beim Sportverein Germania Borne. "Das war in der zweiten Klasse", erinnert sie sich, dass ein Klassenkamerad vom Handball erzählt hat, "das wollte ich dann auch ausprobieren und bin dabei geblieben". Zunächst mit den Jungs, später in der gemischten Mannschaft und schließlich in einem reinen Mädchenteam vergingen die Jahre bei der Germania.

"Handball ist meine Leidenschaft, man kann sich richtig auspowern."

Im Jahr 2010 kam dann der Wechsel an die Saale. "Ich wollte einfach ein bisschen weiterkommen", erklärt sie. Dass die Entscheidung ausgerechnet auf die TSG Calbe fiel, immerhin sind es ja mehr als 20 Kilometer Entfernung, hatte übrigens handfeste Sympathiegründe. "Ich war damals immer beim Bezirksauswahltraining und kam mit den Mädchen aus Calbe gut klar", berichtet sie und hat den Schritt bis heute nicht bereut. Ihr Trainer Gunnar Lehmann schätzt Lee-Ann als "echten Kämpfer" und ist sich sicher, dass sie nach der Verletzungspause rasch wieder zurück zu ihrer Form findet. Ein Ziel, dass die 16-Jährige fest im Blick hat, auch wenn die Wurfkraft sich erst wieder aufbauen muss. Auf diesen Sport zu verzichten, war für sie nie eine Option. "Handball ist meine Leidenschaft, es macht Spaß, man kann sich richtig auspowern", sagt sie mit leuchtenden Augen, während auf dem Parkett der altehrwürdigen Sporthalle Zuckerfabrik bereits die nächste Mannschaft schwitzt.

Die Frage nach ihren schönsten Handballmomenten kann die Wolmirsleberin indes nicht so genau beantworten. "Das sind so viele", meint sie und erinnert sich an ihre Anfangszeit. "Wir haben jedes Spiel haushoch verloren, und wir dachten auch mal dran, aufzuhören, aber dann war doch der Ehrgeiz immer wieder da." Heute ist der Ehrgeiz immer noch groß, und der Erfolg hat sich auch eingestellt: In der vergangenen Saison wurde ihr Team ohne Niederlage Bezirksmeister.

Kommt es beim Handball auf die Leistung der gesamten Mannschaft an, ist Lee-Ann bei ihrem zweiten Hobby, dem Sportschießen, auf sich allein gestellt. Ehrgeiz und Konzentration verbinden aber beide Sportarten. "Ich muss beim Schießen eher die Ruhe bewahren", erklärt sie, weiß aber auch, dass das nicht immer so einfach ist. Zum Beispiel bei den Deutschen Meisterschaften, in denen sie das Land Sachsen-Anhalt bereits dreimal vertreten durfte. "Man muss sich vorstellen, da sind auf jeder Seite 50 Stände. Wenn ich dann dort stehe, bin ich extremst nervös." Das ist sicherlich verständlich und Lee-Ann hat ihre ganz eigene Form der Beruhigung gefunden: "Nach den ersten Serien geht es dann meistens."

Während die schlanke Gymnasiastin in der Sporthalle sitzt, fällt es schwer, sie sich im Schießstand mit einer Luftpistole in der Hand vorzustellen. Dennoch hat sie beim Schützenverein in Borne eine Heimat gefunden und ist rasch ziemlich erfolgreich geworden. Der Weg dorthin führte übrigens über den Handball. "Die Mutti von einem Mitspieler hat mich angesprochen, ob ich nicht in ein Feriencamp mitkommen möchte. Dort haben wir dann Lasergewehrschießen gemacht." Offensichtlich hat sie sich nicht so schlecht angestellt, wurde zum Training eingeladen und hat seitdem jede Menge Spaß dabei.

"Ich muss beim Schießen eher Ruhe bewahren."

In ihrer Disziplin, der mehrschüssigen Luftpistole, verbuchte sie in den vergangenen drei Jahren jede Menge Erfolge. Die Mappe, in der alle Urkunden sorgfältig abgeheftet sind, ist schon ordentlich dick. Eine Urkunde hat es ihr besonders angetan. So knackte sie im vergangenen Jahr in Bitterfeld den zwölf Jahre ungebrochenen Landesrekord ihrer Klasse. 56 von 60 Klappen - ein tolles Ergebnis, das sie heute noch gleichermaßen stolz macht wie verblüfft. "Im Training schaffe ich schon einmal über 50, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich das in einem Wettkampf schießen würde."

Worauf es ankommt beim Schießen? - Die richtige Mischung verschiedener Emotionen. "Man muss sich konzentrieren, aber nicht zu viel drüber nachdenken, sonst verkrampft man." Ehrgeiz ist auf jeden Fall immer dabei, zumal die Borner Jugendschützen als Mannschaft trainieren. "Klar will man besser sein als die anderen", sagt die Schützin, betont aber, dass das Miteinander im Team richtig gut ist.

In ihrem Freundeskreis wissen die meisten von ihrem seltenen Hobby, allerdings, so Lee-Ann, erzählt sie nicht viel darüber, denn im Gegensatz zu Handball oder Fußball können doch die wenigsten mit den Ergebnissen beim Sportschießen etwas anfangen, geschweige denn sie einschätzen. Ihre Pistole hat sie nicht zu Hause, sondern die liegt sicher verwahrt bei ihrem Trainer. "Das fragen mich aber ganz viele", sagt sie lachend. Ihr Ziel ist auch in diesem Jahr die Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft. Der Weg dorthin führte über die Landesmeisterschaft in Bitterfeld. 37 von 60 Klappen traf sie Ende April - wohlgemerkt mit links, denn ihr rechter Arm war ja noch verletzt. Dieses Beispiel, es passt sehr gut zu Lee-Ann, denn Aufgeben, Entmutigen lassen oder nicht kämpfen, das kommt für sie nicht in Frage. Wer kämpft, der kann auch verlieren, das weiß sie und ob es letztlich für die Qualifikation reicht, ist noch nicht entschieden.

Klappt es dieses Jahr nicht, peilt sie bereits das nächste an. Allerdings fällt sie dann aus dem Jugendbereich heraus, muss die Disziplin wechseln und noch stärker an der Präzision arbeiten. Zirka 340 Ringe sind dann in der Landesmeisterschaft gefordert. "Ich hab die auch drauf", schätzt die Borner Schützin ein, weiß aber auch, "ich rufe das in Wettkämpfe dann nicht ab". Routine ist also gefragt. Bis es soweit ist, hat sie noch viel Zeit zum Üben und wenn Lee-Ann erst einmal der Ehrgeiz gepackt hat, lässt sie eh nicht locker, ehe sie ihr Ziel auch erreicht hat.

Etwas komplizierter ist bei Familie Neetz übrigens die Wochenendplanung. Punktspiele beim Handball, Wettkämpfe im Schießen, das alles will koordiniert sein. Zum Glück stehen ihre Eltern voll hinter ihr und unterstützen sie, wo sie können. Da werden mitunter organisatorische Klimmzüge gemacht, um ihr die Teilnahme an dem einen, dem anderen, meist sogar beiden zu ermöglichen. Dankbarkeit sagt ihr Blick, als sie davon berichtet.

In zwei Jahren will die Egelner Gymnasiastin ihr Abitur ablegen. Was dann kommt, weiß sie noch nicht so genau. "Ich würde gern etwas mit Design machen", hat sie sich überlegt und sich für das Praktikum in einem Calbenser Polsterfachbetrieb entschieden, um dort die praktische Seite kennen zu lernen. Wieder probiert Lee-Ann etwas aus und wenn es genauso gut passt wie Handball oder Schießen, hat sie ein nächstes Ziel, auf das sie ihren Ehrgeiz richten kann.