Die Wendezeit war auch in Förderstedt aufregend. Wir veröffentlichen in drei Teilen Auszüge aus der "Förderstedter Chronik", die über aufflammenden Proteste, den "Runden Tisch" und die ersten Wahlen Auskunft geben.

Von Gerhard Schnock

Förderstedt l Wenn es bekanntlich an vielen Orten der DDR heftige Protestdemonstrationen gab, blieb es in Förderstedt im öffentlichen Leben relativ ruhig. Sicher beteiligten sich Bürger des Ortes auch an Demonstrationen der umliegenden Städte. Natürlich wurde auch noch die obligatorische Festveranstaltung zum 40. Jahrestag der DDR im Saal der Gaststätte "Zur Eisenbahn" durchgeführt, allerdings in ziemlich bedrückter Stimmung. Erst als am 9. November 1989 die Mauer in Berlin fiel und die Trabi- und Wartburg-Staus Richtung Westen die Förderstedter Hauptstraße verstopften, war auch den Förderstedtern die Freude über die gewonnene Freiheit bewusst.

Nachfolgend die persönlichen Aufzeichnungen zu dieser Situation von Gottfried Eggebrecht, einem Initiator in dieser Bewegung: "So vereinbarten wir, zum Bußtag ein Friedensgebet in der Kirche zu veranstalten. Etwa 150 Personen waren dann dazu erschienen, nicht nur Mitglieder der vier Parteien, sondern auch der SED, darunter der Bürgermeister Vatterott, und viele interessierte Bürger. Wir haben das Gebet um Frieden und um eine demokratische Entwicklung unseres Landes gesprochen und dann die aktuellen politischen Probleme zur Sprache gebracht. Von einigen Rednern wurde eine regelrechte Pogrom-Stimmung entfacht. "Man müsste die Schweine aufhängen!" Solche oder ähnliche Äußerungen wurden über die bisherigen Machthaber laut.

Es gelang uns aber, die Leute zu besänftigen und zu vernünftigen Überlegungen zu veranlassen. Es ging ja damals noch nicht um die deutsche Einheit, sondern um weitreichende Reformen des Staates und der Gesellschaft.

Rückblickend kann man sagen, dass diese Versammlung zu einer friedlichen Entwicklung in Förderstedt beigetragen hat. In diesen Wochen kursierte im Dorfe das Gerücht, im Rathauskeller existieren Waffen, um eventuellen Demonstrationen der Bevölkerung ein schnelles Ende zu bereiten. Mit den Vorsitzenden der vier Parteien habe ich eine vorher nicht bekannt gegebene, aber von dem überraschten Bürgermeister gebilligte Hausdurchsuchung vorgenommen. Waffen fanden wir allerdings nicht! Doch dem Gerücht war der Boden entzogen.

Bürgermeister Vatterott zeigte sich im Übrigen in der Folgezeit äußerst kooperativ. Es kam zur Gründung des sogenannten "Runden Tisches", an dem nicht nur die bisherigen Gemeindevertreter, sondern eine Anzahl von anderen Bürgern teilnahmen. Ich denke, wir haben in dieser schwierigen Übergangszeit eine gute Arbeit für unser Dorf geleistet. Der "Runde Tisch" tagte mehrmals bis zur Abhaltung der ersten freien Kommunalwahlen im Mai 1990. Doch zunächst waren für den 18. März 1990 die ersten freien Wahlen zur Volkskammer der DDR vorgesehen.

Seit dem Fall der Berliner Mauer und der Westgrenze der DDR war die Entwicklung rasant vorangegangen. Im Januar kam der damalige Bürgermeister der Gemeinde Arpke, zur Stadt Lehrte gehörig, zu mir und bot der Gemeinde eine Ortspartnerschaft an. Es war für mich interessant, dass er sich nicht an die politische Gemeinde, sondern an mich wandte. Wir haben sogleich einen Termin für ein Treffen einer größeren Personengruppe aus Arpke mit Bürgern vereinbart, natürlich unter Einbeziehung des Bürgermeisters. Ich habe dann mit den beiden diese Versammlung auch geleitet. Sie verlief bis auf eine Ausnahme harmonisch. Die Vertreter der Gemeinden und der Vereine machten sich miteinander bekannt und vereinbarten Treffen."

Lesen Sie in einer der kommenden Ausgaben, wie in Förderstedt die neu gewonnene Freiheit gefeiert wurde.