Was für eine Geschichte! Jenny Sowa geht zum Auslandspraktikum nach London und lernt ein paar Musikproduzenten kennen. Carolin Groth wird in Schweden als beste Praktikantin "aller Zeiten" verabschiedet.

Staßfurt/London/Arvidsjaurs l Ein Monat Auslandspraktikum kann das Leben verändern. Jenny Sowa (20), Auszubildende zur Industriekauffrau im zweiten Lehrjahr, kam Ende April für einen Monat nach London. Am ersten Tag dort war alles eine komplette Katastrophe. Als Praktikumsbetrieb war ein Callcenter für Jenny vorgesehen. Und sie stand vor der verschlossenen Haustür ihrer Gastmutti, die Jennys Anreisezeit vergessen hatte.

Jenny war kurz davor zurückzufliegen. Sie wandte sich an den Koordinator vor Ort, der die Auslandspraktikanten betreute, und der holte sie aus dem tristen Callcenter-Job heraus. Sie wechselte noch vor dem ersten Praktikumstag zum Londoner Fotostudio "Star Snappers".

Jenny fand hier eine nette Mitpraktikantin und einen ziemlich coolen Chef - ein Kreativer, ein Künstler. Sie betreute die Models, richtete das Licht aus, bearbeitete Fotos und half bei einer Kampagne zur Aufklärung über Brustkrebs mit. Ihr Chef, der Fotograf Marc, nahm die Sache mit dem Praktikum locker, schickte Jenny auch auf Fototour durch London.

Und er gab ihr an dem Tag frei, der ihr Leben verändern sollte. Jenny war auch nach London gekommen, um "ein paar Tonstudios abzuklappern". Die junge Dame hat eine bemerkenswerte Stimme, singt in einer Band und hat eigene Songs aufgenommen. In Fotoshootings inszeniert sie sich in verschiedenen Outfits. Sie will seit Jahren einen Plattenvertrag.

Max, der auch zum Auslandspraktikum in London war, rief sie eines Tages an und meinte: "Sing` doch mal schnell was ins Handy". Max hatte einen Londoner neben sich sitzen, der Kontakte zur Musikszene der Stadt hatte. Jenny sang, mit ihrer atemberaubenden starken Stimme, die genau in das Schema passt, dass die Musikproduzenten dieser Welt heute suchen.

Am nächsten Tag stand sie im Londoner Tonstudio, umgeben von Produzenten, die gerade eine Sängerin suchten, die sie international als Star vermarkten können. Die Kopfhörer aufgesetzt, sang Jenny los. "Sie waren begeistert. Sie wollten richtig was mit mir aufziehen - ein Album aufnehmen, Musikvideos, die ganze Palette".

Für Jenny war das die Bestätigung, die sie als Sängerin brauchte, und die Wende in ihrem Leben. "Ich konnte nicht glauben, dass ich so ein Glück habe. Erst war ich total fertig und dann passiert mir so eine Geschichte! Es war einfach nur geil." Jahrelang war sie in der Heimat nicht mit der Musikkarriere vorangekommen, in Staßfurt gab es nicht mal einen Proberaum für ihre Band.

Die Verlockung, alles hinzuschmeißen und in London zu bleiben, war groß. "Aber ich dachte mir: Nein, du kannst die Ausbildung nicht einfach abbrechen", erzählt sie. Jenny kehrte zu den Berufsbildenden Schulen Aschersleben-Staßfurt und zum Flanschenwerk Bebitz zurück, wo sie ihre Ausbildung macht. "Ich bin mit den Produzenten in Kontakt und wenn ich das dritte Lehrjahr beendet habe, gehe ich zurück nach London." Der Karriere als Star steht nichts mehr im Weg.

Bei Carolin Groth (26) war alles ganz anders. Sie ging in das Land, wo es niemals dunkel wurde, und brachte ordentlich Schwung in die Tourist-Info in Arvidsjarus, eine Stadt mit 5000 Einwohnern in Schweden. Sie wurde als beste Praktikantin "aller Zeiten" verabschiedet. Das sagten ihr die Verantwortlichen des schwedischen Bildungswerks, das Praktikanten aus ganz Europa an das Touristenbüro vermittelt.

Die Mitarbeiter des Büros waren angetan. "Meine Kollegin hat zum Abschied geweint und mir ein kleines Herz geschenkt", erzählt Carolin. Mit ihrem Fleiß hat Carolin in Schweden alle Rekorde gebrochen. In der Tourist-Info schlummerte eine Broschüre über das dortige Natur- und Kulturreservat, die dringend mal ins Deutsche übersetzt werden musste. Carolin schaffte das Übersetzen auch noch - neben der täglichen Arbeit im Büro, wo sie die Gäste des Landes auf Deutsch und Englisch über die Ausflugsziele informierte. "Mein Englisch hat sich sehr verbessert. Ich bin jetzt viel sicherer geworden", sagt Carolin.

Die Betreuer organisierten für die Freizeit Ausflüge zu Schlittenhunde-Farmen. Per Fahrrad ging es durch die unendlichen Weiten des Landes. "Die Menschen sind freundlich und offenherzig. Ich wurde ständig angesprochen, jeder gab mir Tipps". Die Kollegen luden sie nach Hause ein. Sie kann jederzeit zu Besuch kommen, der nächste Urlaub ist schon sicher. Im nächsten Lehrjahr will Carolin nochmal nach Schweden.

   

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