Mit der Zeugnisausgabe ging gestern an der Grundschule Neundorf (Anhalt) nicht nur das Schuljahr, sondern sogar eine Ära zu Ende. Denn die aus dem 19. Jahrhundert stammende Schule wird für immer geschlossen.

Neundorf l Schuld daran sind die Vorgaben von Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD), der die jahrelang vorgeschriebene Mindestschülerzahl von 40 auf 60 und für die Folgejahre weiter erhöht hat. Da kann die Neundorfer Schule, an der bis gestern insgesamt 48 Mädchen und Jungen die Grundlagen für ihr späteres Leben vermittelt bekamen, nicht mithalten. "Im Schuljahr 2016/2017 hätten wir die 60 gehalten. Aber dann kommt ja schon die 80", sagte Schulleiterin Hilka Waschk.

Das Landesschulamt hatte den Antrag der Stadt für die Weiterführung dieser Schule mit einer Ausnahmegenehmigung abgelehnt. Der Stadtrat hatte sich zuvor nicht dazu durchringen können, zur Rettung die Schuleinzugsbereiche der Stadt neu zuzuschneiden, wie es die Linken vorgeschlagen hatten.

Dadurch werden mit dem Beginn des neuen Schuljahres am 4. September 34 Kinder aus Neundorf auf Wunsch ihrer Eltern zur Grundschule nach Giersleben wechseln und 18 an die Ludwig-Uhland-Schule in Staßfurt. Hilka Waschk übernimmt die Schulleiterstelle in Löderburg.

"Wer aufmerksam die Stadtratssitzungen in Staßfurt besucht hat, wusste, wohin die Reise geht."

Die Kritik von Neundorfer Eltern, sie seien von der Schule nicht über die Situation informiert worden, wies Waschk zurück: "Die Entscheidung zur Schließung ist nicht bei uns gefallen. Und wer aufmerksam die Stadtratssitzungen in Staßfurt besucht hat, wusste, wohin die Reise geht. Wir haben uns nichts vorzuwerfen."

Steffen Urban, der an der Verabschiedung seiner Tochter Pauline teilnahm, sagte, er sei traurig, dass die Schulklingel nun für immer verstimmen werde. "Ich bin als Kind selbst hier unterrichtet worden", fügte er hinzu.

Oma Ingrid Exner sagte: "Das ist nicht schön. Es wäre besser, wenn die Schule erhalten bleiben würde. Aber das ist ja leider nicht zu ändern." Und Janet Wahrmund meinte: "Ich bin sehr traurig. Die Kinder müssen sich an die neuen Schulen gewöhnen. Man muss das Ganze aber auch positiv sehen. Sie werden in Staßfurt oder Giersleben schnell neue Freunde finden."

"Ich bin traurig, dass es heute hier zu Ende geht, weil ich die hiesige Schule mag und ich gern bleiben würde."

Mit Wehmut dachten auch die Schüler an den letzten Schultag in Neundorf. "Ich bin traurig, dass es heute hier zu Ende geht, weil ich die hiesige Schule mag und ich gern bleiben würde", sagte die achtjährige Anna der Staßfurter Volksstimme.

Eine gedrückte Stimmung war gestern im gesamten Schulgebäude zu spüren. Die Lehrerinnen durften sich aber nicht äußern. So sehr sich Hilka Waschk auch bemühte, auch ihr war bei der Verabschiedung ihrer zweiten Klasse anzumerken, dass ihr die Trennung und der Wechsel nicht leicht fallen werden.

Im Beisein vieler Muttis und Großeltern schenkte sie jedem ihrer elf Schützlinge nach der feierlichen Zeugnisausgabe einen kleinen Schlüsselanhänger in Herz-Form. "Damit ihr mich nicht so schnell vergesst", sagte sie. Und umgekehrt, so teilte die Schulleiterin den Mädchen und Jungen mit, werde sie den kleinen Talisman in ihrem Auto aufbewahren, damit sie jeden Morgen an Jasmin, Florian und Co. erinnert werde.

Weiterhin schenkte sie jedem Kind zum ewigen Gedenken an ihre Schulzeit in Neundorf eine Dokumentation, die die Schüler der vierten Klassen angefertigt hatten. Darin stellen sie das geschichtsträchtige Backsteingebäude mit seinen großen Klassenräumen, dem schattigen Pausenhof sowie die Lehrer und ihre Mitschüler vor.

"Das war ein ganz aufregendes Schuljahr mit kämpferischen Aktivitäten. Und wir mussten dabei auch noch lernen. Das haben alle Kinder geschafft. Keiner muss sitzenbleiben, was es auch nicht mehr gibt", blickte die Schulleiterin zurück. Im vergangenen Schuljahr seien in ihrer 2. Klasse enge Freundschaften entstanden, die weiter wachsen sollten. Ihren Schülern gab Waschk mit auf den Weg, dass Freundschaften ganz wichtig seien. "Die kann man sich nicht kaufen. Die muss man sich erarbeiten", sagte die Schulleiterin. Sie nahm die Beurteilungen dieses Mal nicht selbst vor, sondern hatte die Achtjährigen gebeten, nach einem Losverfahren ihre Mitschüler einzuschätzen. Diese schwierige Aufgabe absolvierten alle bravourös.

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