Es wäre doch immer das Gleiche beim Eisenbahnfest, sagte ein Griesgram der Volksstimme am Wochenende. Aber wer genauer hinschaut, der merkt: Bei den Eisenbahnfreunden ist alles in Bewegung. Und es gibt unter ihnen nicht nur begeisterte Lokführer. Die Liebe zur Eisenbahn hat viele Facetten.

Staßfurt l Wer meint, er könne die Eisenbahnfreunde alle in eine Schublade stecken, macht es sich zu einfach. Während einige in den "alten Zeiten" auf dem Führerstand das Sagen hatten, gibt es etliche, die noch voll im Berufsleben stehen und deren ganzes Leben sich um den Bahnbetrieb zu drehen scheint. So einer ist zum Beispiel Sven Klopp. Er übernimmt technische Prüfungen für den schwierigen Güterverkehr, etwa Gefahrguttransporte, hat 200 Mitarbeiter und zählt ganz Deutschland zu seinem "Revier". Dennoch hat er auch privat noch nicht genug von der Eisenbahn, ist leidenschaftlicher Lokführer und verbringt seine freie Zeit bei den Eisenbahnfreunden in Staßfurt.

Durch die geschäftlichen Beziehungen zu Unternehmen im Bahnbereich konnte er eine Lok für die Eisenbahnfreunde als Dauerleihgabe besorgen: Die T435, die aus einem tschechischen Zementwerk stammt. "Mit Steffen Müller, dem Chef der Rail Systems Gotha, habe ich geschäftlich zu tun. Und weil diese Lok in Gotha nur in einem Schuppen herumstand, habe ich ihn gefragt, ob er uns die Lok zur Verfügung stellt", erklärt Sven Klopp.

Das Stück passt genau in die Sammlung der Staßfurter Eisenbahnfreunde. Sie stammt zwar von 1961, jedoch waren diese Loks später typisch für den mitteldeutschen Zugverkehr der 1970er bis 1980er Jahre. Denn sie wurden in der DDR aus Mangel an eigenen Fahrzeugen aus dem Ausland aufgekauft und dienten als Rangierloks auf dem Leipziger Hauptbahnhof.

"Wir versuchen, unseren Bestand - aktuell sind es 130 Fahrzeuge auf unserem Gelände - immer genauer unserem Sammlungskonzept anzupassen", sagt der Eisenbahnfreund Martin Ristau. Deswegen kommen nicht nur neue Loks hinzu, es werden auch Loks aus früheren Bauzeiten an andere Eisenbahnvereine verkauft, wo sie eher ins Konzept passen.

Und es werden Loks in den unzähligen Arbeitseinsätzen - immer sonnabends im Lokschuppen - restauriert und umgebaut. So eine "Baustelle" ist zur Zeit der Halbgepäckwagen. Die Eisenbahnfreunde haben ihn fast komplett neu aufgebaut, sogar technisch verbessert. "Er soll dann als Ergänzung zum Speisewagen, der ja ziemlich eng ist, bei den Sonderfahrten mitfahren. Wir können dort die Lebensmittel verstauen, er hat aber auch Sitzplätze für Gäste", erklärt Martin Ristau. Seit vier Jahren hat die "Bastler-Fraktion" der Eisenbahnfreunde an dem Halbgepäckwagen zu tun.

Neben den Tüftlern gibt es aber noch ganz andere "Typen" von Eisenbahnfreunden. So waren am Sonnabend Männer auf dem Eisenbahngelände zu sehen, die Schilder umhergetragen und mit ihnen vor einer Lok posiert haben. Es gibt tatsächlich auch Menschen, die sich ausschließlich dem Sammeln von Lokschildern verschrieben haben. Die Schilder tragen die Nummer der Lok und sind immer Einzelstücke - eine Art Erkennungszeichen für jedes einzelne Fahrzeug.

Die Lokschildersammler kommen aus ganz Deutschland und hatten sich für ihr diesjähriges Treffen Staßfurt ausgeguckt. Sie übernachteten in einem Staßfurter Hotel, das am Wochenende durch die vielen Eisenbahnfreunde ausgebucht war, wie sie erzählen. Höhepunkt für die Schilderfans: Ein Foto, auf dem jeder sein Schild zeigt und dahinter die Lok, die dem Typus und der Baureihe dieser Schilder entspricht. "Ich empfinde das Staßfurter Eisenbahnfest als eines der besten Lokfeste in ganz Deutschland", sagt der Schildersammler Sven Hannemann aus Berlin. "Während die Loks bei anderen Festen nur dastehen, ist hier immer Betrieb, die Loks fahren rauf und runter."

Wieder eine ganz andere Art der "Eisenbahn-Liebe" ist die Modelleisenbahn. Die Staßfurter Eisenbahnfreunde haben eine lange Partnerschaft mit den Modelleisenbahn- und Eisenbahnfreunden Bernburg, die bei jedem Eisenbahnfest zur Stelle sind. Im Gepäck haben sie immer einen Teil ihrer transportablen Modelleisenbahnanlage, die größte in Sachsen-Anhalt. "Während man bei den richtigen Loks viele Vorschriften beachten und vorsichtig sein muss, kann man auf so einer Modelleisenbahnanlage alles machen, was draußen nicht möglich ist", erklärt Martin Ristau die Faszination an der Modelleisenbahn - da leuchten nicht nur die Augen der kleinen Besucher beim Anblick der nachgebauten Bahnhöfe und Züge im Mini-Format.

Und auch jene, die sich mit etwas weniger Eisenbahn begnügen können, werden bei den Eisenbahnfreunden bedient. Andreas Martin, Ausbilder der Bahnbaugruppe der Deutschen Bahn, kommt ab und an mit der Trennschleifmaschine zum Fest. Dann schneidet er kleine Schienenstücke zum Mitnehmen - als Briefbeschwerer zum Beispiel.

Wer noch mehr Eisenbahn will, kann am 6. Dezember mit dem Sonderzug zum Weihnachtsmarkt Erfurt mitfahren.

   

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