Zank und Streit, sogar Hausverbote und Polizeieinsätze. Es sind nicht die besten Schlagzeilen, die so manch Ratssitzung der Verbandsgemeinde Saale-Wipper in ihrer ersten Legislatur fabrizierte. Mit der Neuwahl des Gremiums am 25. Mai und eines neuen Ratsvorsitzenden zwei Monate später gab es Hoffnungen auf mehr Sachlichkeit in den Diskussionen. Welches Resümee kann der neue Rats-Chef nach 83 Tagen (Ehren-)Amtszeit ziehen?

Güsten l Wenn auch 17 Tage bis zur üblichen 100-Tage-Frist fehlen: Roland Schneider ist durchaus in der Lage, ein Fazit seiner bisherigen Amtszeit zu ziehen. "Es ist eine interessante Arbeit, die verschiedensten Interessen und Probleme in so einer Verbandsgemeinde zusammenzuführen", erklärt der 57-jährige Ratsvorsitzende. Das Mitglied der Fraktion Saale-Wipper ist sich bewusst, dass man die Zeit nicht mit der nach der Wende vergleichen kann: "Vor 20 Jahren, als der ,Aufbau Ost` noch höher angebunden war, gab es noch viel mehr Fördermittel." Das (fehlende) Geld sei ja meist der Knackpunkt von Streitigkeiten.

Und das sei auch ein Thema, warum es mit der wirtschaftlichen Entwicklung nicht mehr so recht vorwärts gehen will. "Was bisher passiert ist in meiner Stadt, ist toll, aber es ist eben nicht mehr das möglich, was mal möglich war. Das sollte man immer im Hinterkopf haben", meint Roland Schneider. Kein Bürgermeister, kein Rat wüsste, was wie an Gewerbe anzusiedeln wäre. "Im Gegenteil, viele Gewerbegebiete werden schon zurückgenommen von den Gemeinden."

Wenn Schneider die Saale-Wipper mit anderen vergleicht, findet er: "Andere Verbandsgemeinden haben viel größere Probleme - auch angesichts der Doppik-Einführung. Viele Kommunen, selbst in den alten Bundesländern, haben noch keinen Haushalt für 2014. Und wenn das von einigen jetzt belächelt werden sollte: Unsere Verwaltung hat in gemeinsamer Arbeit mit den Mitgliedsgemeinden schon was geschafft." Die insgesamt sechs Haushalte warten mittlerweile auf ihre Genehmigung.

Und Schneider blickt bei seiner Zwischenbetrachtung vor allem auf gemeinsame Beratungen der drei Fraktionsvorsitzenden mit dem Verwaltungsleiter und dessen Fachbereichsleitern, wobei Probleme erkannt und diskutiert würden, bevor sie in Hauptausschuss und Rat kommen. "Das beweist, dass man auch zusammenarbeiten kann."

"Miteinander reden bringt mehr, als Schriftstücke hin und her zu schieben."

Er habe zwar noch nicht viele Ratssitzungen geleitet, könne bislang aber nichts Negatives darüber äußern. "Meinungsverschiedenheiten gehören dazu", so Schneider. Im Übrigen sei Streit gut, man müsse sich danach aber immer wieder in die Augen blicken können. "Wichtig ist, dass Streit zielführend ist." Zudem sei er froh, dass man wenigstens eine Frau in den Reihen des Rats habe, "die mit ihrer objektiven Art und mit realistischen Einschätzungen eine faire Streitpartnerin ist".

Seine Maxime sei, auch aus der Erfahrung im Job (Roland Schneider hat als Diplom-Ingenieur für Eisenbahntechnik zahlreiche Projekte geleitet): "Miteinander reden bringt mehr, als Schriftstücke hin und her zu schieben." Er sei jedenfalls nicht der Meinung, dass die Verbandsgemeinde Saale-Wipper hoffnungslos zerstritten ist. "Im Gegenteil. Bei Vier-Augen-Gesprächen erlebe ich, dass noch viel Potenzial für die Arbeit im Rat steckt." Vielleicht führe das ja doch auch noch zu wirtschaftlichem Aufschwung für die Saale-Wipper.

Der oft und viel gescholtene Verbandsgemeinde-Bürgermeister und Verwaltungsleiter ist mit der Ratsführung zurzeit sehr zufrieden. "Die Zeichen zeigen in die richtige Richtung", so Steffen Globig. Die Mehrzahl der Ratsmitglieder würde die Gesamtheit der abzuarbeitenden Probleme in den Vordergrund stellen. Das sei vor allem den drei Fraktionsvorsitzenden und Roland Schneider zuzurechnen, die sich um einen ständigen Dialog bemühen, so Globig. "Was Roland Schneider auszeichnet ist, den Fragen selbst auf den Grund zu gehen. Ich sehe in ihm einen Moderator, der sich auf wesentliche Fragen konzentriert, anstatt im Kleinkrieg die Verwaltung ständig kontrollieren und schikanieren zu wollen."

Roland Schneiders persönliches Anliegen ist es zudem, auch die Bürger der Saale-Wipper-Gemeinden zusammenzubringen. Ihm schwebt zum Beispiel vor, so etwas wie die Karnevals-Werkstatt einst im Altkreis Staßfurt mal an Saale und Wipper zu versuchen, da in jeder Gemeinde Karnevalisten zu Hause sind. Erste Gespräche habe er bereits geführt. Die Veranstaltungen könnten reihum stattfinden.

Ein Verbandsgemeindefest in naher Zukunft wäre natürlich "das Höchste der Gefühle".