Seit Jahrzehnten steht Anita Werner auf der Kanzel in der Gnadenkirche zu Giersleben. Die 84-Jährige denkt aber noch lange nicht ans Aufhören. Für ihr Engagement ist sie nun mit der Bundesverdienstmedaille ausgezeichnet worden.

Magdeburg/Giersleben l Jahrelang oder gar das ganze berufliche Leben in einer Gemeinde zu sein, sich voll und ganz dort einzubringen, ist kaum noch möglich. Alle paar Jahre kommen und gehen Pfarrer. Nicht so in Giersleben. Seit 1960 ist dort Anita Irmgard Werner als Pastorin tätig und somit so lange wie keine andere in Deutschland. "Die Einwohner des Ortes sind Ihnen zu einer Familie geworden", betonte Ministerpräsident Rainer Haseloff am Montagnachmittag bei seiner Festansprache anlässlich der Verleihung der Bundesverdienstmedaille an die Theologin.

Von der Uni direkt nach Giersleben

Direkt nach der Ordination trat Werner das Amt in Giersleben an. Sie war damit eine der ersten Frauen in einem solchen Amt in Deutschland. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte auch in Giersleben ein Mangel an männlichen Mitbürgern, sodass eine Frau Pastor zum einen nötig, aber zum anderen auch mit Argwohn betrachtet wurde. "Als junge Pastorin war sie zuerst zurücknehmend und einfühlend, was die Bedenken der Menschen betraf", erinnert sich Bürgermeister Peter Rietsch, der die Pfarrerin seit Kindertagen kennt.

Schnell eroberte sie jedoch die Herzen der Menschen in dem kleinen Dorf, von dem sie selbst sagt, "dass es zwar nicht der Nabel der Welt ist, aber in dem man doch leben kann".

Dass es in Giersleben durchaus lebenswert ist, bewiesen auch die Einwohner am Montag, als sie Anita Werner ganz besonders willkommen hießen. Sie spannten ein großes Banner für "ihre" Pastorin und nunmehr ausgezeichnete Bewohnerin.

Zuneigung weit über Grenzen hinaus

Auch mit ihrer Bescheidenheit, dem Talent zuhören zu können und einfühlsam auf jung und alt gleichermaßen zuzugehen, haben ihr "Akzeptanz und Zuneigung weit über die Ortsgrenzen hinaus" beschert, lobte Haseloff: "Sie, Frau Werner, haben immer die Kirche in die moderne Zeit hineinwirken lassen. Auch unter den Bedingungen der DDR standen Sie gegen die Entkirchlichung und hatten mit Ihrer Haltung Erfolg." Schon damals machte sie keinen Hehl aus ihrer Arbeit und setzte sich für die Belange der Gemeinde ein. So wurde auch durch das Engagement der Pastorin die Orgel der 1060 erbauten Gnadenkirche zu Giersleben restauriert.

Immer wieder spiegelten sich die Geschehnisse der Welt in Giersleben wider. "Wie in einem Miniaturspiegel", sagte Werner bei ihrer Dankesrede. So war ihr Heim immer ein Platz für die Menschen, "wenn sie große Sorgen in schweren Zeiten hatten. Oder sich einfach mal unbekümmert aussprechen oder manchmal gar ausweinen wollten." Die Tür der Pastorin stand immer offen.

Mit "überdurchschnittlichem Pflichtbewusstsein" erfülle sie ihre Aufgabe, schwärmte Bürgermeister Rietsch: "Aber auch mit freundlichem Humor. So kennen wir sie alle."

Die Freundlichkeit, der Humor waren am Montag mit nach Magdeburg gekommen. Zahlreiche Giersleber haben Anita Werner begleitet. Menschen, die in der Vergangenheit immer wieder den Rat der Pastorin gesucht haben. "Vor allem in der Nachwendezeit", erinnerte sich Werner, "kamen viele Menschen, um sich auszusprechen, aber auch um sich zu freuen."

Mit der Wende endete die offizielle Zeit von Anita Werner in Giersleben. Sie musste mit 60 Jahren in den Ruhestand eintreten. In gewisser Weise unfreiwillig, wie sie sagt. Ihre Schäfchen ließ sie dennoch nicht im Stich. Seitdem ist sie nämlich ehrenamtlich in der Gemeinde tätig.

Werner genießt den "Unruhestand"

"Hochzeiten, Taufen und die sonntägliche Predigt. All das ist meine Aufgabe", beschrieb sie im Volksstimme-Gespräch. Auch noch im Alter von 84 Jahren genießt sie nicht den Ruhestand. "Oder wie es bei Pastoren oft heißt den Unruhestand", wie Haseloff sie ansprach und schmunzelte.

Vielmehr schreibt sie weiterhin einen Teil der Geschichte mit. "Aus ihren Jahrzehnten in Giersleben ist ein beachtliches Lebenswerk erwachsen", lobte der Ministerpräsident deutlich.

Dieses soll auch noch um einige Jahre anwachsen. Noch will sie lange im Dienste der Kirche und der Giersleber stehen. "Doch wenn es irgendwann einmal zu Ende geht," sagte sie, spielte auf den maroden Turm der Gnadenkirche an und sogleich spürte man den Humor wieder, "dann wünsche ich mir, dass in der Zeitung stünde `Pfarrerin von Kirchturm erschlagen`. Das wäre ein schöner Tod."