"Gewalt ist keine Lösung, und wenn es die Schwächsten trifft, also Frauen und Kinder, dann müssen wir etwas tun", sagt Bianka Mopita, die seit Februar in den mobilen Frauenberatungsstellen Ansprechpartnerin für Frauen in Not ist. Im Gespräch mit Volkstimme-Redakteurin Franziska Richter zieht sie eine erste Bilanz über ihre Arbeit und erklärt, warum heute kaum jemand darüber sprechen mag.

Volksstimme: Frau Mopita, was ist die mobile Frauenberatungsstelle?

Bianka Mopita: Sie ist 2006 aus dem Projekt "Escape", also "Notausgang", des Trägers "Rückenwind e.V. hervorgegangen. Die Beratungsstelle gehört zum Frauenhaus in Staßfurt, und über eine Handynummer sind wir rund um die Uhr erreichbar, eine Art Notruf also. Mit der mobilen Beratungsstelle fahre ich alle Orte an (siehe Infokasten rechts) - auch Hettstedt werden wir bald übernehmen -, um auch Frauen im ländlichen Raum Unterstützung, Hilfe und Mitgefühl anzubieten und ihnen zu zeigen: Du bist nicht allein.

Wie werden die Frauenberatungsstellen angenom- men?

Immer noch zu wenig, wie ich meine. Das größte Problem ist das Thema an sich. Über Gewalt an Frauen spricht man nicht gern. Wenn es Jugendliche oder Kinder trifft, wollen sie ihren Eltern es nicht antun, sie sozusagen anzuschwärzen, oder ihnen wird gedroht, sollten sie etwas verraten. Aber es ist auch das Umfeld. Jungen Frauen wird wenig Gehör gegeben. Das Thema wird im Freundeskreis nicht richtig wahrgenommen.

Warum fällt es Frauen so schwer, sich Hilfe zu holen und eine Beratung in Anspruch zu nehmen?

Die größte Angst ist die existenzielle. Frauen haben Angst, nach einer Trennung ohne Geld dazustehen. Der Mann arbeitet, sie ist zuhause. "Wer unterstützt mich?", fragen die Betroffenen. Ältere Frauen haben Angst, nur mit einer Rente auskommen zu müssen. Dort spielt auch die Angst vor den Behörden, die Angst zum Jobcenter zu gehen, hinein.

Was sind die häufigsten Probleme der Frauen, die zu ihnen kommen?

Oft ist es Gewalt in der Ehe, Ehemänner, die Alkoholiker oder drogenabhängig sind. Dabei kann es um körperliche oder sexuelle Gewalt gehen, aber auch um psychische Gewalt.

Gibt es Erfolgsquoten nach der Beratung?

Die Erfolgsquote ist schwierig zu messen. Den Absprung schaffen die Frauen vor allem nicht allein. Wenn Frauen abrupt aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen müssen, ist natürlich das Frauenhaus da, auch die Nachberatung. Aber auch da gibt es jene, die es schaffen, und jene, die zurückgehen.

"Jungen Frauen wird wenig Gehör gegeben."

Warum fällt es Frauen so schwer, aus gewaltbelasteten Beziehungen zu entkom-men?

Vieles ist Gewohnheit. Dazu kommen die Existenzängste, die finanziellen Ängste. Auch das Umfeld der Frau hat oft eine ganze andere Wahrnehmung der Ehe, als es die Realität hinter verschlossenen Türen ist. Das Umfeld nimmt die Beziehung ganz anderes war und kann die Schilderungen der Frau dann auch nicht nachvollziehen, es wird auch verharmlost und wie gesagt, wird Frauen auch weniger Glauben geschenkt. "Er ist doch so nett", kommt dann von außen. Aber die Frau verstellt sich natürlich auch gegenüber anderen, versteckt alles, so dass der Eindruck entsteht, es sei doch alles in Ordnung. In solchen Situationen entwickelt der Mensch ganz beachtliche Fähigkeiten. Auch der, der Gewalt antut, etwa mit einem angesehenen Beruf, wirkt nach außen ganz anders. Aus diesen Situationen entsteht großes psychisches Leid, oft ist auch eine längere Therapie angebracht.

Sie sprachen psychische Gewalt an. Wo fängt diese an?

Psychische Gewalt ist, wenn jemand verbal bedroht wird, wenn er unter Druck gesetzt wird. Zum Beispiel wenn der Mann droht, der Frau die Kinder wegzunehmen. Das Schlimme an der Sache ist, dass es heute immer noch viele Beziehungen gibt, in denen Frauen nicht eigenständig sind. Sie haben kein eigenes Konto, bekommen Haushaltsgeld vom Mann zugeteilt. Das betrifft jedes Alter, alle Schichten, durch die Bank weg. Auch Gewalt in der Ehe ist kein Thema bestimmter Gesellschaftsgruppen, Gewalt in der Ehe kennt keine Grenzen.

Gibt es Erklärungen, wie Gewalt in der Ehe zustande kommt?

Es gibt natürlich auch Gewalt gegenüber Männern in der Ehe oder in Beziehungen, wobei es statistisch gesehen öfter umgekehrt ist. Für Gewalt in Beziehungen gibt es verschiedene Erklärungen. Viele haben in der Kindheit selbst Gewalt erlebt und übernehmen diese Verhaltensweisen. Auf jeden Fall ist Gewalt keine Lösung. Und oft trifft sie auch die Kinder. Deshalb betreuen wir im Frauenhaus auch die Kinder mit und arbeiten eng mit dem Jugendamt und anderen Behörden zusammen.

"Frauen müssen selbstständig entscheiden."

Was raten Sie den betroffenen Frauen?

Ich rate nie zu bestimmen Schritten. Denn ganz wichtig ist, dass die Frauen ihre Entscheidung allein und selbstständig treffen. Ich kann nur die Wege aufzeigen und erklären, welche Behörden sie ansteuern müssen. Ich leiste eine beratende Hilfe, aber ich nehme niemandem eine Entscheidung ab. Ich erkläre, wo und wie man eine Grundsicherung beantragen kann. Wenn die Frauen psychisch gelitten haben, vermittle ich auch zur psychologisch-sozialen Beratung, an Ärzte oder Psychologen. Ich komme auch mal mit bei Behördengängen und treffe die Frauen außerhalb dieser Beratungsstelle oder vereinbare Termine außerhalb der Sprechzeiten. Nach Hause zu den Frauen komme ich, wenn sie alleine lebt, also in einer neuen Wohnung. Nur wenn der Mann noch in der Wohnung lebt, können wir nicht dorthin gehen, das ist Tabu, um uns selbst zu schützen.

Wird das Thema Gewalt an Frauen heute anders wahrgenommen als früher?

Ich denke, es gibt heute mehr Initiativen, um darauf aufmerksam zu machen. Es ist zwar mehr Thema in der Öffentlichkeit, aber im privaten Raum schweigt man sich doch immer noch darüber aus. Es wagen sich wenige danach zu fragen. Es ist so ein schwerwiegendes Thema, das viele gar nicht darüber sprechen möchten.

"Die Beratungsstelle mehr nutzen."

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Beratungsstellen?

Ich würde mir wirklich wünschen, wenn sich mehr Frauen trauen würden, die Beratungsstelle zu nutzen. Sie ist anonym, kostenlos, wir können Gespräche am Telefon führen oder andere Orte als Treffpunkt vereinbaren. Ich möchte den Frauen Mut machen und zeigen, dass sie mit ihren Ängsten und Problemen nicht allein bleiben. Ich möchte ihnen Möglichkeiten aufzeigen und sie beraten, wie sie ihren persönlichen Weg finden können, sie ermuntern, eigene Stärken zu nutzen und Lösungswege zu entwickeln.