Im Ortschaftsrat Förderstedt kam es am Dienstagabend zu Wortgefechten. Etliche Bürger wollten Informationen, ob Flüchtlinge im Ort untergebracht werden sollen. Räte und Publikum waren streckenweise entsetzt von den Äußerungen. Vier Männer verteidigten schließlich konsequent die Aufnahme der Kriegsflüchtlinge und die Werte der Menschlichkeit und Solidarität.

Förderstedt l Am Dienstagabend kamen rund 30 Bürger in das Üllnitzer Feuerwehrhaus, wo der Ortschaftsrat Förderstedt tagte. In Förderstedt ging das Gerücht um, dass 200 Flüchtlinge im Ort untergebracht werden sollen. (Die Volksstimme berichtete bereits vergangene Woche, dass es sich in Förderstedt um drei Wohnungen für Flüchtlinge handelt.)

Ein Bürger aus Förderstedt machte den Anfang: "Es werden doch jetzt diese ganzen Fachkräfte hergeholt". Ortsbürgermeister Peter Rotter (CDU), der die Versammlung leitete, reagierte sofort mit energischen Worten: "Was für Menschen meinen Sie?" Rotter machte deutlich, dass es sich bei diesen Menschen um Kriegsflüchtlinge und Asylanten und nicht um Fachkräfte handelt.

"Wir haben Angst um Frauen und Kinder"

"Diese Zustände möchten wir bei uns nicht haben. Wir haben Angst um unsere Kinder", sagte der Bürger. Peter Rotter, der über diese Aussage wie einige andere Räte und Zuhörer erschüttert war, entkräftete zunächst das Gerücht: "200 Flüchtlinge in Förderstedt - das ist utopisch".

Dieter Naumann, Geschäftsführer der Wohnungsgesellschaft Förderstedt, der Wohnungen für Flüchtlinge in Förderstedt an den Landkreis vermieten möchte, begann eine Rede, bei der er an Menschlichkeit, Toleranz und Solidarität appellierte. "Ich denke, wir haben alle die Bilder vom IS-Terror aus dem Fernsehen im Kopf. Da werden Frauen und Kinder vergewaltigt..."

"... Unsere Frauen und Kinder doch auch", fiel man ihm ins Wort. Rotter musste den Zwischenrufer zurechtweisen. Naumann setzte fort: "Es gebietet einfach die Menschlichkeit, diese Leute aufzunehmen." Mit einem Anteil von rund 1,7 Prozent Asylanten in der Bevölkerung habe der Salzlandkreis relativ wenig Ausländer im Vergleich zu Gesamtdeutschland, wo der Anteil bei 7,2 Prozent liege. Die Aufnahme von Flüchtlingen in ganz Deutschland gehe auch an Förderstedt nicht vorbei, so Naumann.

"Es geht hier um ein Objekt, das seit über zehn Jahren leer steht. Dort sind drei Wohnungen, die wir zur Zeit wieder in einen ordnungsgemäßen Zustand versetzen", sagte Naumann über die geplante Unterbringung von Flüchtlingen in Förderstedt. Auch er widerlegte damit eindeutig das Gerücht, es würden Massen an Flüchtlingen kommen. "Bei drei Wohnungen für Familien mit Kindern werden das maximal zirka 15 Menschen sein. Damit hätte Förderstedt einen Asylantenanteil von 0,7 Prozent", so Naumann.

Was das genau für Menschen sein werden, weiß weder Dieter Naumann noch der Landkreis: Innerhalb von zwei Tagen werden die Kriegsflüchtlinge von der Auffangstelle in Halberstadt nach Förderstedt geschickt. "Es sind ganz normale Bürger, die hier wohnen werden", sagte Naumann. Ob private Vermieter auch Wohnungen für Flüchtlinge an den Landkreis vermieten wollen, könne er als Chef der Wohnungsgesellschaft Förderstedt nicht einsehen.

Es meldeten sich weitere Bürger zu Wort: Wer kümmert sich um die Flüchtlinge? Wer ist zuständig? Warum hat man die Bürger nicht früher informiert? Von den Problemen in Staßfurt-Nord, wo die Mieter eine Betreuung der Flüchtlinge vermissen, hätten einige in der Zeitung gelesen. Während Naumann um Vernunft warb, folgten weitere Einwürfe aus den Reihen der Bürger wie: "Wir wollen hier keine Zustände wie im Ruhrpott."

Naumann informierte darüber, dass der Oberbürgermeister gerade nach Lösungen sucht (siehe Artikel rechts).

Ortsbürgermeister Peter Rotter gab zu: "Die Informationen über die Flüchtlinge sind spät gekommen, das ist richtig. Aber auch der Ortschaftsrat wurde bis heute nicht offiziell informiert."

Johann Hauser (FDP) brachte seinen Ärger auf den Punkt: "Die Informationspolitik ist ein Chaos. Die Abstimmung zwischen Stadt und Kreis ist ein Chaos. Ich habe es im Kreistag angesprochen, dass hier ein Problem entstehen könnte. Man reagiert jetzt erst auf öffentlichen Druck." Man habe versucht, die Bürger für dumm zu verkaufen. "Ich bin enttäuscht vom Landrat", sagte Hauser und erntete Applaus.

Was der Ortschaftsrat für eine Meinung zu den Flüchtlingen habe, wollte ein Bürger wissen. Günter Döbbel (FDP) konnte seinen Zorn nun nicht mehr zurückhalten: "Ich bin tief enttäuscht über die Diskussion, die wir hier führen."

Seiner Auffassung nach ist es selbstverständlich, Kriegsflüchtlinge aufzunehmen, er schien sich fast zu schämen für die Worte, die in der Sitzung fielen. "Das Schicksal dieser Menschen möchte ich nicht haben", betonte er. Die Solidarität mit den Umsiedlern in der Vergangenheit sei viel ausgeprägter gewesen, da habe die Integration viel besser funktioniert.

"Das sind Flüchtlinge, die in ihrem Leben bedroht sind"

Der nächste Bürger warf ein: "Das waren aber damals Deutsche, die vertrieben wurden, nach Deutschland geflüchtet sind und hier von Deutschen aufgenommen wurden. Das ist etwas anderes. Jetzt sind es junge Menschen, die hierher wollen."

Peter Rotter reagierte wieder entsetzt: "Das sind Flüchtlinge, die in ihrem Leben bedroht sind, die gnadenlos abgeschlachtet werden, weil sie einer anderen Volksgruppe angehören. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Menschen aufgenommen werden. Die Diskussion, ob wir diese Menschen aufnehmen oder nicht, sollten wir lassen", sagte Peter Rotter. Die Diskussion wurde bald darauf beendet.