Die Hilfe für Flüchtlinge in Staßfurt nimmt langsam Fahrt auf. Bürger suchen Geschenke für die Neuankömmlinge heraus. Es soll mehr Deutschkurse geben. Die Kleiderspende ist organisiert. Aber nicht allen Staßfurtern gefällt das Engagement.

Staßfurt l Michaela Althoff und ihr Ehemann Uwe haben eine ganze Wagenladung voll Babysachen aus ihrem Keller geholt. Michaela Althoff, die zwei Kinder hat, die längst keine Babys mehr sind, sagt: "Wenn man sich vorstellt, was die Kriegsflüchtlinge für eine Odyssee hinter sich haben, möchte man helfen. Vielen von uns geht es so viel besser als ihnen."

Als sie den Artikel in der Volksstimme über die syrischen Flüchtlinge Omar Kassoum und seine schwangere Ehefrau Nadin Khadro las, hat sie sofort Wippe, Babysitz, Stillkissen, Kinderwagen, Spielteppich, Waschbecken, Babybettzeug und Babysachen herausgesucht. "Das ist ja auch kein Aufwand. Außerdem gebe ich die Sachen lieber hier in die Region als sie über Ebay zu verkaufen", sagt Michael Althoff. "Und wir alle, ganz Deutschland, sind aufgerufen, einen Teil beizutragen."

Also werden die Sachen ins Wohngebiet Am Tierpark in Staßfurt gefahren. Dort wartet eine Überraschung: Nadin Khadro, die in der Volksstimme noch mit großem Babybauch zu sehen war, hat mittlerweile entbunden: Der kleine Kusai ist da. Ein zierliches Baby. Am 19. November kam er im Klinikum Aschersleben zur Welt.

Nadin Khadro freut sich riesig und strahlt über beide Ohren, als sie die Geschenke sieht. "Danke, danke, danke", sagt sie, gerichtet an Familie Althoff. Die Sachen kann die Familie gut gebrauchen.

Mehr Deutschkurse

Mittlerweile macht sich auch in anderen Einrichtungen der Anstieg der Flüchtlingszahlen bemerkbar. Andrea Maindok, Geschäftsführerin der Staßfurter Urania, spürt eine vermehrte Nachfrage nach den Integrationskursen, die die Einrichtung regelmäßig durchführt. Der jetzige Integrationskurs, der seit 27. Oktober läuft und sechseinhalb Monate geht, ist mit 20 Teilnehmern voll. "Ich darf aber nur 20 Teilnehmer aufnehmen", sagt Andrea Maindok. Sie bemüht sich, im kommenden Jahr gleich den nächsten Kurs anzubieten.

Garantiert ist ein baldiger Nachfolgekurs - sonst gibt es nur einen pro Jahr - aber nicht. Jeder Durchgang muss beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge beantragt werden und ist mit vielen Auflagen verbunden, so Andrea Maindok.

Am derzeitigen Integrationskurs nehmen teilweise Menschen teil, die Ende 2013 nach Staßfurt gekommen sind. Zehn Nationen - Syrer, Russen, Spanier, Ungarn, Portugiesen, Polen, Rumänen, Inder, Tunesier, Griechen - lernen fünf Stunden täglich bei der Urania Deutsch, bekommen aber auch Hilfe in Sachen Behördengänge. Außerdem versuchen die Urania-Mitarbeiter neuerdings Kontakte zu Firmen aufzunehmen und einige Zuwanderer in Jobs zu vermitteln, da das Bundesverfassungsgericht kürzlich beschlossen hat, dass in Deutschland lebende EU-Bürger, die hier keine Arbeit haben, keinen Anspruch mehr auf Hartz IV haben, sprich gar keine Leistungen mehr bekommen.

Oberbürgermeister René Zok, der jüngst einen Arbeitskreis zur Flüchtlingshilfe gegründet hat, bei dem sich fünf Freiwillige gemeldet haben, erklärt auf Anfrage: "Die Arbeitsgruppe wird sich im Januar wiedertreffen. Es sind Gespräche mit dem Landkreis und mit den Mietern geplant." "Es gibt die Idee, etwas zu Weihnachten für die Flüchtlinge zu veranstalten, das müssen wir aber noch konkretisieren", so Zok. Er resümiert: "Es läuft alles an, aber ganz langsam."

Auch mit dem Deutschen Roten Kreuz als Betreiber der Kleiderkammer hat der Arbeitskreis mögliche Kleiderspenden für die Flüchtlinge erörtert. "Da die Kleiderkammer jetzt voll ist, gibt es keinen offiziellen Aufruf", so Zok. Sie steht aber nach wie vor offen für alle, die Kleidung, Schuhe, Decken, Heimtextilien, Bettwäsche oder Spielsachen spenden wollen.

Unterdessen waren auch Freiwillige aus dem neuen Arbeitskreis privat aktiv. Dazu gehört Anette Pekrul. Sie gründet zur Zeit das Bürgernetzwerk "Staßfurt initiativ", das die Stadt durch Ehrenamt und Engagement von Bürgern vielseitiger gestalten will (wir werden noch genauer berichten). Nach dem Treffen im Arbeitskreis hat Anette Pekrul mit einigen weiteren Winterkleidung aus dem eigenen Fundus gesammelt und gestern bei der Kleiderkammer abgeliefert. Derzeit entwerfen auch Mitarbeiter des Kreises und der Stadt Infozettel für Flüchtlinge: Darauf wird in ihrer Sprache erklärt, wo die Kleiderkammer ist.

Kritik an Flüchtlingshilfe

Wichtig sei aber die Formulierung, so Anette Pekrul, die sich darüber mit der Stadt abgestimmt hat: In der Kleiderkammer können sich alle Bedürftigen, egal ob Ausländer oder nicht, etwas aussuchen. Wenn man speziell für Flüchtlinge sammeln würde, entstünde schnell Neid.

Denn auf der Facebook-Seite des Netzwerks "Staßfurt initiativ" hat es in letzter Zeit kritische Kommentare über die Flüchtlingshilfe gegeben. Die Mehrheit der Nutzer, die dort Beträge verfassten, beschwerten sich: Für die Flüchtlinge werde so viel getan, aber für die Einwohner nicht. "Deswegen suchen wir den Dialog mit diesen Kritikern", sagt Anette Pekrul. Am Donnerstag, 11. Dezember, gibt es daher ein Forum für die Staßfurter mit dem Titel "Wo drückt der Schuh?", ab 18.30 Uhr im Pekrul-Hof in der Grenzstraße 5 in Staßfurt.

Weiterhin beginnt Anette Pekrul in der nächsten Woche mit fünf Asylbewerbern Deutschkurse, die sie selbst ehrenamtlich gibt - als Übergangslösung, bis die Urania mehr Kapazitäten hat.

Kleiderkammer: Bodestraße 35, Staßfurt. Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 9 bis 14 Uhr, Freitag 9 bis 11 Uhr. Außerdem steht ein Container im Hof.

Das Bürgernetzwerk "Staßfurt initiativ", das sich der Aufwertung der Stadt durch ehrenamtliche Aktivitäten verschrieben hat, stellt sich heute offiziell vor: Ab 18.30 Uhr bei der Urania, Prinzenberg 18 in Staßfurt.

 

Bilder