Die Einsatzleitstelle des Salzlandkreises in Staßfurt verzeichnete im vergangenen Jahr 62 431 sogenannte Sachverhalte. Im Schichtbetrieb kümmern sich jeweils drei Disponenten um die Koordination der Einsätze von Rettungsdiensten, Ortsfeuerwehren, Notärzten - und um noch einiges mehr.

Staßfurt l 15 Uhr. Die Spätschicht in der Kreiseinsatzleitstelle in Staßfurt hat vor einer Stunde begonnen. Karl-Heinz Wirth sitzt vor einem halben Dutzend Monitore. Soeben beginnt einer der Knöpfe vor ihm zu blinken. Er nimmt das Gespräch entgegen.

"Notruf 112. Ein Mädchen, fünf Jahre alt. Aha. Wo finden wir Sie? Sagen Sie mir mal eine Straße! Gut. Ich schicke einen Wagen." Dann geht alles ganz schnell. Wirth macht ein paar Handgriffe, so eben noch lässt sich auf einem der Monitore das Wort "Kindernotfall" entziffern. Da ist der Notruf schon längst abgesetzt. "Der Rettungswagen fährt jetzt von Egeln los. Ein kleines Mädchen hat sich den Finger gequetscht. Wahrscheinlich von einer Bowlingkugel", erklärt Wirth.

Der 56-Jährige hat diese Handgriffe tausendfach erprobt, er ist einer von drei Disponenten in der Spätschicht der Kreiseinsatzleitstelle für das Salzland. Sekunden später ertönt über Funk eine Stimme im Raum. Es ist die Bestätigungsmeldung für den Notruf. "Alles geht seinen Gang", so Wirth.

Es ist ein eingespieltes Team aus drei Disponenten, das an diesem Tag die Schicht von 14 bis 22 Uhr "fährt". Drei ovale, etwa drei Meter lange Tische, jeweils mit mehreren Monitoren ausgestattet, dominieren den Raum.

Die sogenannte integrative Leitstelle fungiert als eine Art Kommandozentrale für Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenschutz. 100 Ortsfeuerwehren, neun Rettungswachen und fünf Notarzt-standorte: In Staßfurt laufen alle Fäden für jeden nur denkbaren Ernstfall zusammen. 62 431 sogenannte Sachverhalte hat die Leitstelle 2014 bearbeitet. Allein der Rettungsdienst zählte im abgelaufenen Jahr rund 40 000 Einsätze.

Ohne Multitasking geht es nicht

"Man muss schon viele Dinge parallel machen", sagt Disponentin Petra Günther und zeigt auf Adresslisten und unzählige Notfallrufnummern auf dem Monitor. Feuerwehr, Rettungsdienst, eventuell das Technische Hilfswerk oder manchmal das Wasserwerk. Alles müsse man koordinieren, bei Wildunfällen einen Wildhüter, bei Bahnunfällen einen Bahnmanager verständigen.

Es gibt offensichtlich keine Nummer, die Petra Günther nicht auf ihren Schirm zaubern kann. Mitunter gehe man nach stressigen Schichten schon mit einem "dicken Kopf" nach Hause, gibt sie zu.

Es klingelt. Ein weiterer Notfall. Petra Günther agiert wie jemand, der gewohnt ist, in allen Situationen den Überblick zu behalten. "Quetschung mit Teilamputation". Sie wiederholt die Ansage der Sanitäter. Die Fünfjährige mit der vermeintlich harmlosen Fingerverletzung hat es doch schlimmer erwischt. Petra Günther bereitet die Uniklinik Magdeburg auf die bevorstehende Ankunft vor. Der Notarzt wird vor Ort die Schmerzbekämpfung einleiten, dann geht es im Eiltempo die 30 Kilometer nach Magdeburg.

"Mit der Zeit bekommt man ein dickes Fell", sagt die 55-jährige Disponentin mit fast entschuldigender Miene. In der Leitstelle arbeiten insgesamt 18 Kollegen, dazu kommen zwei Mitarbeiter für die Technik und natürlich der "Chef", Sachgebietsleiter Gert Lehmann. Mit mindestens drei Kollegen in den jeweiligen Schichten muss die Leitstelle rund um die Uhr besetzt sein. Der Altersschnitt bei den Disponenten liegt aktuell um die 55 Jahre, sagt Petra Günther etwas bedauernd. Verschiedene strukturelle Gründe seien dafür verantwortlich, ergänzt sie. Die Einarbeitungszeit sei jedenfalls auch nicht zu unterschätzen.

Dreistufige Qualifikation erforderlich

Um für die Position berücksichtigt werden zu können, muss zunächst der Lehrgang "Gruppenführer Feuerwehr" absolviert werden. Auch Rettungssanitäter muss man sein, bevor der Lehrgang zum Leitstellendisponenten die Qualifikation abrundet.

Am hinteren Arbeitsplatz der Leitstelle geht ein weiterer Anruf ein. "Männliche Person gestürzt. Edeka-Center Aschersleben, klagt über Rückenschmerzen." Volker Strissel bearbeitet den Notruf. Seit 20 Jahren ist er als Disponent in der Leitstelle tätig. Strissel vermutet, dass der gestürzte Mann alkoholisiert gewesen sein könnte.

"Mit der Zeit kennt man seine Pappenheimer." Der 51-Jährige tritt dem Anrufer mit auffallend rigider Stimme entgegen. Aus einem ganz einfachen Grund. "Man muss den Leuten ganz genau sagen, was man will, dann konzentrieren sie sich auch bei ihren Notrufen", sagt Strissel.

Wer bei der Leitstelle anrufe, der sei natürlich aufgeregt und häufig auch unbeholfen. Doch die Disponenten können sich in Fällen, in denen Sekunden über Leben und Tod entscheiden, kein minutenlanges Rätselraten leisten. Beispiel: Unfälle auf der Autobahn. Ersthelfer vor Ort sind selten in der Lage, präzise zu bestimmen, wo sie sich befinden. Dann versuchen die Disponenten, zuletzt passierte Autobahnausfahrten zu erfragen, Kilometerschilder oder markante Punkte. "Da muss man sich herantasten", sagt Petra Günther.

Auf kuriose Weise interessant werde es immer dann, so ergänzt sie, wenn Straßennamen genannt würden, die nur im Volksmund existieren. "Selbst die kennen oder haben wir aber schon im System", sagt sie. Nicht jeder würde auf Anhieb den "Pflaumenweg" in Staßfurt lokalisieren können.

Pflaumenweg = Gänsefurther Straße

Die Disponenten können es. Bei dem im Volksmund sogenannten Pflaumenweg handelt es sich eigentlich um die Gänsefurther Straße. "Wenn alles nichts hilft, der Straßenname oder der Ort im System nicht auffindbar sind", so Strissel, "wirft man den Begriff in den Raum. Einer der Kollegen weiß immer Bescheid".

Ein charmantes Detail nebenbei: Bei älteren Anrufern aus Bernburg - so stimmen die Mitarbeiter der Leitstelle überein - müsse man meist ganz genau hinhören, weil der Dialekt doch schon sehr "speziell" sei.

18 Uhr. Wirth, Günther und Strissel haben die Hälfte ihrer gemeinsamen Spätschicht in der Leitstelle geschafft. Den Arbeitsplatz verlassen sie nur für Toilettenbesuche. Gegessen wird immer am Platz.

43 Anrufe, genauer gesagt "Sachstände", haben die Disponenten bislang in ihrer Schicht seit 15 Uhr verzeichnen können. Eine relativ normale Schicht. Dass man sich nicht in Sicherheit wiegen sollte, das wissen die drei zur Genüge. "Manchmal kann es sehr schnell gehen", sagt Petra Günther.

In diesem Moment läutet es wieder. "Notruf 112" hört man Volker Strissel sagen. Im gleichen Moment breiten sich feine Lachfalten in seinem Gesicht aus. "Ich brauche die Nummer von der Friedhofsverwaltung", sagt er. "Eine Frau wurde versehentlich auf dem Friedhof eingeschlossen. Auch so was kommt vor."

   

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