Staßfurt l Die sehbehinderte Politikerin, die auf Einladung der Vorsitzenden des Lebenshilfe Landesverbandes Sachsen-Anhalt, Waltraud Wolff, nach Staßfurt gekommen war, nahm sich sehr viel Zeit, um sich ausführlich über die Elternschaft von Menschen mit Behinderungen, die oft mit Vorurteilen belastet ist, informieren zu können.

Beim Besuch der vierköpfigen Familie Döring-Erdmann konnte sich Verena Bentele persönlich davon überzeugen, wie das Zusammenleben in der Praxis funktioniert. In der Gartenstraße leben Daniela und Maik seit Jahren mit ihrer 13-jährigen Tochter Sara und ihrem elfjährigen Sohn Thomas in einer Wohnung mit zwei Kinderzimmern, wie sie heute für Familien in dieser Größenordnung Standard ist. Während Sara und Thomas sozusagen ganz normale Schulkinder sind, sind ihre Eltern geistig-behindert. Sie arbeiten in der Werkstatt der Lebenshilfe. Ohne das intensive Betreuungssystem der Lebenshilfe wäre dieses Familienglück nicht möglich.

Das, was auf diesem Gebiet seit Jahren in Staßfurt passiert, ist nicht selbstverständlich. Das gibt es nicht in jedem Landkreis oder jeder Stadt, solche Wohnformen zu organisieren.

"Für uns ist das ganz selbstverständlich, weil wir das seit Jahren nicht anders kennen. Aber viele Familie haben noch nicht die Möglichkeit zusammen leben zu können. Da findet immer noch eine Zwangs-trennung statt, in dem die Kinder von ihren Müttern und Vätern getrennt und in Pflegefamilien gegeben werden. Das versuchen wir als Lebenshilfe seit Jahren zu ändern", sagte der Geschäftsführer Stefan Labudde.

Er wünscht sich vom Bund mehr Unterstützung, dass dieses Modell auch in anderen Ländern und Städten Einzug halten kann und sich andere Träger auch auf den Weg machen. Zurzeit werde bundesweit darüber diskutiert, ob man solche Wohnformen wie hier als begleitete Elternschaft oder -assistenz als Recht für die Familien im Gesetzbuch verankert.

Darum sei es ihm sehr wichtig gewesen, dass es der Landesvorsitzenden der Lebenshilfe gelungen sei, Verena Bentela nach Staßfurt zu holen, um ihr das einfach mal praktisch zeigen zu können. "Es ist etwas anderes als das in Gesetzespapieren und Verordnungen zu lesen, welche Wirkungen das für die Familien hat statt es einmal live zu sehen und mit den Familien selbst zu sprechen", sagte Labudde.

Das erste Haus, das dafür in Staßfurt entstanden ist, war das Mutter-und-Kindhaus in der Bodestraße, der ehemalige Faxentempel. "Das war der Ursprung dieser Wohnform", so der Lebenshilfe-Geschäftsführer und fügte hinzu: "Das Ganze funktioniert nur, weil die Ämter, das Jugendamt und das Sozialamt im Salzlandkreis, gemeinsam an einem Strang ziehen und diese Wohnform mittragen."

"Mir gefällt besonders gut, dass die Familien ein normales Leben mit Unterstützung führen können und dass die Kinder mit ihren behinderten Eltern aufwachsen können und nicht getrennt werden."

Lobende Worte fand auch die Bundes-Behindertenbeauftragte. "Mir gefällt besonders gut, dass die Familien ein normales Leben mit Unterstützung führen können und dass die Kinder mit ihren behinderten Eltern aufwachsen können und nicht getrennt werden. Das ist eine tolle und besondere Chance", lobte Bentele.

Deswegen verstehe sie auch, dass die Lebenshilfe Staßfurt viele Anfragen aus anderen Gegenden bekommt und über die Landesgrenzen hinaus bekannt sei. Die Möglichkeiten, mit guter Unterstützung, aber trotzdem maximaler Freiheit oder maximaler Selbstbestimmung zu wohnen, so wie sie es in Staßfurt wahrgenommen habe, seien schon sehr positiv.

Die Landeschefin der Lebenshilfe Wolff sagte: "Für mich ist ganz wichtig, dass wir von hier mitnehmen im Rahmen der Erarbeitung des Bundesteilhabgesetzes genau Wert darauf zu legen, dass es eben eine Pflicht des Zusammenwirkens von Jugend- und Sozialhilfe geben muss, weil diese Beispiele zeigen, dass Menschen mit Behinderungen, wenn sie eine Familie gründen, das Recht haben, mit ihren Kindern zusammen zu leben. Stefan Labudde zeigt, dass das wirklich gut möglich ist."

Schwierigkeiten gebe es überall, keine Frage. Da könne man dran arbeiten. Aber das eine begleitete Elternschaft möglich sei, könne sich in Staßfurt jeder ansehen. "Das ist top", so Wolff.