Unter dem Namen "balance4yourlife" baut Anette Pekrul im ehemaligen Institut für Lehrerbildung ein Projekt zum Zusammenleben aller Generationen auf. Über dessen Stand, das von ihr gegründete Bürgernetzwerk "Staßfurt initiativ" und weitere Projekte befragte sie Volksstimme-Redakteurin Franziska Richter.

Volksstimme: Zum Wohnprojekt am Institut für Lehrerbildung. Wie schreiten die Arbeiten am Haus konkret voran, an welchem Punkt sind Sie und wann kann gebaut werden?

Anette Pekrul: Wir befinden uns in der vorbereitenden Phase. Das heißt, die Projektentwicklung hat bereits begonnen und erste kostenintensive Prozesse sind eingeleitet - einige, wie zum Beispiel das Bestandsgutachten und der Anschluss an das städtische Entwässerungssystem, sind bereits abgeschlossen. Alles, was jedoch mit der Stadtverwaltung zu tun hat, hängt und treibt einen fast in die Verzweiflung - das kostet Nerven, Zeit und Geld.

So gab es weder die Möglichkeit, konkrete Aussagen zum Flächennutzungsplan zu erhalten, geschweige denn, einen Präsentationstermin in den Fachgremien des Gemeinderats. Dieser wurde bereits am 22. September 2014 seitens Herrn Zok und Herrn Schüler zugesagt (Oberbürgermeister René Zok und Wirtschaftsförderer der Stadt Christian Schüler, Anmerkung der Redaktion)!

Auch in Sachen Wirtschaftsförderung kommt null - weder von Herrn Schüler noch von Frau Nettlau, Wirtschaftsförderung Salzlandkreis. Man könnte geradezu glauben, man hat es hier nicht nötig, sich um irgendwas zu kümmern. Unbegreiflich!

Was gibt es sonst Neues zum Wohnprojekt?

Aufgrund der Berichterstattung in der Volksstimme erhielten wir einige Zuschriften, unter anderem auch von Interessenten am Wohnprojekt. In unseren Veranstaltungen von "Staßfurt initiativ" haben wir dann einige persönliche Gespräche mit Interessenten geführt.

Manche kommen auch einfach vorbei und sagen: "Bitte schreiben Sie meinen Namen auf Ihre Liste, ich will auch einziehen, wenn balance4yourlife gebaut ist". Bedarf und Nachfrage sind also vorhanden. Staßfurt ist im Besonderen vom demografischen Wandel betroffen - deutlich mehr als die Hälfte der Bewohner ist 50 plus.

"Der Fisch stinkt am Kopf"

Welche Reaktionen erfahren Sie in Staßfurt zu diesem Projekt?

Im Prinzip sind die Erfahrungen, abgesehen von den Erfahrungen mit den Entscheidern in dieser Stadt, ganz positiv. Die Menschen sind zunächst verhalten und informieren sich umfassend. Alle politischen Parteien sind interessiert, manche Vertreter oder Stadträte kommen uns regelmäßig besuchen, laden uns zu ihren Veranstaltungen ein, manche unterstützen uns auch aktiv. Das finden wir gut. Der Fisch stinkt am Kopf!

Was macht das Bürgernetzwerk "Staßfurt Initiativ"?

Auch das Bürgernetzwerk wächst. Es ist faszinierend mitzuerleben, wie der Pekrul-Hof mit Leben erfüllt wird. Die Anzahl der Nutzer wächst zusehends und selbst die Truppe der ehrenamtlich Aktiven wächst von Woche zu Woche.

Viele unserer Ideen befinden sich bereits in der kreativen Umsetzungsphase: Es wird gebastelt und gehandwerkt, gespielt, musiziert, gelacht und geklönt - intergenerativ und multikulturell. Erste Unikate sind bereits fertig! Kooperationen mit Schulen und anderen Vereinen sind angestrebt, bisher ist jedoch noch kein konkreter Ansatz gelungen.

Wie hat sich der Deutschkurs für Asylbewerber entwickelt?

Unsere Sprachkurse entwickeln sich prächtig. Vor zirka fünf Monaten haben wir mit fünf Teilnehmern begonnen. Bisher wuchs die Teilnehmerzahl von Woche zu Woche auf insgesamt 15 Teilnehmer, die alle sehr engagiert und fleißig sind. In einem zweiten Kurs fokussieren wir ausschließlich auf das Trainieren des Schreibens von links nach rechts. Unser Angebot wird auch genutzt, um Kurdisch zu lernen. In Kürze steigt die zweite Staßfurterin in den Kurs ein.

Aber auch bei diesem Thema stehen wir ganz allein da. Alle Zusagen seitens Stadt und Land sind bis heute leere Versprechungen. Weder der Ehrenamtsvertrag ist uns zugegangen noch irgendwelche Fördermittel. Es ist unglaublich, wie seitens der Stadtverwaltung mit Menschen umgegangen wird - man hat den Eindruck, hingehalten, belogen und be- und ausgenutzt zu werden.

In dieser Beziehung verstehe ich die Staßfurterinnen und Staßfurter nicht, so etwas kann man sich doch nicht gefallen lassen! Sind die Ehrenamtlichen in Staßfurt die Deppen, die dafür sorgen, dass die Hauptamtlichen noch weniger arbeiten müssen und dafür noch mehr Freizeit (ohne Ehrenamt) haben?

Sie sagten, Ihre Firma sei Ausbildungsbetrieb für Medienberufe? Was heißt das?

Ich bin ja schon seit 1997 Ausbilderin und Dozentin - vornehmlich, aber nicht nur, für verschiedene Medienberufe. "Staßfurt initiativ" strebt an, über Social Media zu einem lokalen TV-Sender zu wachsen. Die Industrie- und Handelskammer Magdeburg akzeptiert uns als Ausbildungsbetrieb für die Berufe Mediengestalter Bild und Ton und Digital und Print.

Sofern es interessierte Jugendliche gibt, könnten wir sofort mit einem Jugend-Medienprojekt beginnen, das über ein Praktikum auch zu einem Ausbildungsplatz führen könnte. Bisher haben sich jedoch noch keine interessierten Jugendlichen oder Kinder gemeldet.

Optimalerweise würden wir die Azubis dann anschließend in ein Arbeitsverhältnis übernehmen. Das ist noch ein weiter Weg, aber in drei Jahren zu schaffen. Vorausgesetzt, uns werden nicht wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen.

Sie sind nun eine Weile in Staßfurt. Wie ist jetzt Ihr Eindruck von Stadt und Menschen, haben Sie sich eingelebt?

Ja, ich bin vor sechs Monaten als Fremde hierher gekommen. In den ersten vier Wochen habe ich fast ausschließlich konzeptionell am Schreibtisch gearbeitet. Also sagen wir mal, dass ich fünf Monate in Staßfurt aktiv bin.

"Wenn die Staßfurter wollen, dann geht was"

Am Anfang war es schwer, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Die miesen Tricks, mit denen man versucht hat, mich zu verhindern und zu vertreiben, musste ich zunächst durchschauen und überstehen. Und dann gab es die Anderen, die mir zunächst einmal vorsichtig begegnet sind, mir aber wenigstens eine Chance gaben. Fast alle Kontakte haben sich vertieft, erste Freundschaften sind entstanden.

Und wenn schon, denn schon. So manch eine Aktion meiner neuen Freunde hat mich enorm positiv überrascht und emotional sehr berührt. Wenn die Staßfurter wollen und einen mögen, dann geht was. Fantastisch!

Woran ich mich noch nicht gewöhnt habe, sind die zahlreichen Bereiche in Staßfurt, die so schrecklich verkommen sind, dass man beim Anblick depressiv werden könnte. Das anzusehen, tut mir in der Seele weh. Meine Wahrnehmung in Bezug auf die Armut der Stadt wurde vor Kurzem durch eine repräsentative Untersuchung untermauert.

Staßfurt ist Schlusslicht! Das macht mich sauer, weil das nicht so sein müsste. Jedoch sind diejenigen, die bereits beim Bürgernetzwerk "Staßfurt initiativ" mitmachen, bereit, sich für eine bessere Zukunft zu engagieren.

Inwiefern wünschen Sie sich mehr Hilfe, wo gibt es Probleme?

Probleme sehe ich in erster Linie im Rathaus für die zwingend erforderlichen Schritte, um voranzukommen. Andernorts bekommt man wenigstens eine Antwort. In Staßfurt gibt es entweder keine Antwort oder Worthülsen.

Viele Menschen in Verantwortung haben scheinbar Angst, in ihrer Inkompetenz bloßgestellt zu werden. Das ist nicht unsere Absicht. Jeder sollte langsam mal verstehen, dass wir täglich dazu lernen müssen und manch altes Wissen längst überholt ist. Die Zeit bleibt nicht stehen, selbst dann nicht, wenn es sich noch so viele Menschen in Staßfurt wünschen! Wenn ich an dieser Stelle einen weiteren Wunsch äußern darf, dann würden wir uns über einen intensiveren Dialog mit den örtlichen Schulen und Vereinen sehr freuen. Interessierte und engagierte Jugendliche und Senioren sind herzlich willkommen. An dieser Stelle bedanken wir uns bei allen Unterstützern, Aktiven, bei der IHK Magdeburg und bei den Staßfurter Medien.

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