Das Schicksal dieser Staßfurter soll nicht in Vergessenheit geraten: Für vier Personen gestalteten Staßfurter Schulen, die Stadt und der Künstler Gunter Demnig am gestrigen Freitag eine bewegende Stolpersteinverlegung.

Staßfurt l Die erste Station bei der gestrigen Stolperstein-Verlegung hat doch so manchen erstaunt: So viele Gäste waren bei den Aktionen der vergangenen vier Jahre nicht erschienen. Eine große Gruppe mit ganzen Schulklassen vom Gymnasium, Stadträte, Landtagsabgeordnete und etliche Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl fanden sich vor dem Grundstück des mittlerweile abgerissenen Hauses in der Bischofstraße 15 ein. Mit heiteren, dann nachdenklichen Klängen begleitete die Band "Roundback" die Aktion. Gymnasiastin Paula Zok trug das Schicksal der Geehrten vor. Edith Schulz wurde 1941 im Alter von drei Jahren wegen ihrer Behinderung in der Landesanstalt Görden ermordet.

Die Lehrer Michael Reuter vom Gymnasium und Regina Vahldieck von der Sekundarschule am Tierpark hatten die Aktion mit den Schülern organisiert, jetzt schon zum fünften Mal. Oberbürgermeister René Zok würdigte, dass "mit diesem Kunstprojekt die Erinnerungskultur in unserer Stadt gepflegt wird." Mit der Aktion stellten sich die Menschen Staßfurts auch den "Ewiggestrigen, die immer wieder in der Öffentlichkeit auftreten" entgegen, sagte der Oberbürgermeister. Die Stadt hatte die gesamte Verlegung wie jedes Mal begleitet, mit Personal und Technik des Stadtpflegebetriebs und dem Ordnungsamt, das die Straßen absperrte.

Als der Tross weiterzog in die Hamsterstraße 26 auf dem Prinzenberg, erwartete die Gäste dort der wohl bewegendste Moment des gestrigen Tages: Die Stolpersteinverlegung für Sally Lewy, den jüdischen Geschäftsmann mit einer Filiale in Staßfurt, fand im Beisein seiner Enkelin statt. Shlomit Oren kam direkt aus Tel Aviv angereist. Sichtlich bewegt war die 79-Jährige, als die Schülerin Jessica Eichler vom Schicksal ihres Großvaters berichtete, der unter der Herrschaft des Nationalsozialismus sein Leben lassen musste, wie fast alle seine Kinder und seine Frau.

"Ich bin sehr dankbar, dass dieser Stolperstein verlegt wird"

Einziger Überlebender war sein Sohn Gerhard, dem 1938 die Flucht nach Palästina gelang. Dessen Tochter ist Shlomit Oren. "Ich freue mich, dass ich kommen konnte zur Ehrung meines Großvaters", sagte sie mit gerührter Stimme, "und ich bin sehr dankbar, dass dieser Stolperstein für ihn verlegt wird."

Zustande gekommen war der Kontakt über ein Magdeburger Ehepaar und eine bereits stattgefundene Stolpersteinverlegung in Magdeburg für ihren Großvater mütterlicherseits. Erst vor 14 Tagen hatten die Magdeburger Shlomit Oren in Tel Aviv angerufen. Sie entschied sich kurzfristig, sich die Würdigung ihres Großvaters nicht entgehen zu lassen. Nach der Verlegung stand für sie noch ein Treffen mit dem Oberbürgermeister an und eine "Spurensuche" in Sachen Familiengeschichte in Bernburg, wo ihr Großvater mehrere Geschäfte betrieb.

Bewegt hörten die Gäste auch der Schülerin Sophie Lüders zu, die in der Hamsterstraße 12 erklärte, wie Wilhelm Heine als KPD-Mitglied verurteilt wurde und mit 40 Jahren in der Strafdivision 999 starb. Am Holzmarkt 9 ergriff die Schülerin Laura Surauf das Wort: Der Staßfurter Wilfried Münzel war mit 15 Jahren in die Landesheilanstalt Uchtspringe eingewiesen worden, weil er angeblich "körperlich zurückgeblieben" sei, Hintergrund war jedoch sein familiäres Umfeld. Mit 17 Jahren wurde er vergast.

Lehrer Michael Reuter dankte Gunter Demnig, den Sponsoren und vor allem den Schülern, die die Aktion möglich machen. Die Recherchen in historischen Dokumenten und das Aufspüren von Angehörigen sei mit viel Aufwand verbunden, der sich aber lohne. Denn jeder Stolperstein, so Reuter, trägt einen "Namen, der einlädt, innezuhalten."

   

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