Seit 100 Tagen gibt es den Mindestlohn auch im Salzlandkreis. Für Friseurmeisterin Carmen Neugebauer aus Staßfurt birgt er eine Gefahr für die Wirtschaft.

Schönebeck/Staßfurt l Die soziale Marktwirtschaft lebt auch vom Leistungsgedanken. Das haben einst die Väter und Mütter der Bundesrepublik so gewollt, so ist es auch gekommen. In den Augen von Carmen Neugebauer auch richtig. Allerdings sieht sie durch den Mindestlohn genau diesen Leistungsgedanken nun beschädigt. "Oft ist es dann der Fall, dass junge, gerade ausgelernte Mitarbeiter den gleichen Lohn bekommen, wie langjährige Friseure", sagt sie im Volksstimme-Gespräch, "wo bleibt dann die Motivation..."

Für die selbstständige Friseurin ist aber genau das Leistungssystem wichtig. "Es war schon immer so, dass Friseurinnen, die gut gearbeitet haben, auch gutes Geld verdient haben", erklärt sie. Zudem komme ja auch immer noch das Trinkgeld im Monat hinzu.

Für Carmen Neugebauer stellt sich nun zunehmend die Frage, ob man sich gewisse Serviceleistungen immer noch leisten können wird. "Ich bin der Meinung", erklärt sie weiter, "dass der Servicegedanke bei uns abnehmen wird." Denn durch den neuen gesetzlichen Mindestlohn könne man sich den einen oder anderen Mitarbeiter nicht mehr leisten. "Die Öffnungszeiten verändern sich", so Neugebauer weiter: "Und Zirkus Probst ist ein alarmierendes Beispiel, was der Mindestlohn angerichtet hat."

"Damit man nichts falsch versteht, ich bin für den Mindestlohn", betont sie, "aber in einem anderen System." Es sei immer wichtig, dass die Menschen auch fair entlohnt werden und sich etwas leisten könnten. "Es ist ohne Frage schlimm", moniert sie, "dass es Kollegen gab, die nur 3,50 Euro Stundenlohn gezahlt haben." Aber das Gesetz sei von Menschen erdacht worden, die "nur hinter dem Schreibtisch sitzen". Einen echten Praxisbezug hätten diese Leute gar nicht. "Und die Fachkräfte aus der Praxis hat man nicht gefragt", beklagt sich Carmen Neugebauer, die seit 1992 selbstständig ist.

Als Ergebnis haben sich bereits zwei Friseure in der Region dazu entschlossen, ihre Geschäfte aufzugeben. Nach gerade einmal 100 Tagen. "Eine Kollegin überlegt derzeit auch schon", weiß Neugebauer, die zugleich auch Obermeisterin der Friseurinnung im Kreis ist.

Es ist nicht nur der Mindestlohn, der die Geschäftstreibenden des deutschen Mittelstandes die Angst auf die Stirn treibt. "Die Teuerungsrate beträgt pro Jahr knapp 3,6 bis 3,9 Prozent", gibt Carmen Neugebauer zu bedenken. Damit geben die Menschen für den täglichen Einkauf im Supermarkt schon mehr Geld aus. "Was dann oftmals auf der Strecke bleibt", fügt sie hinzu, "ist der Luxus, wie zum Beispiel der Besuch beim Friseur oder der Kosmetikerin. "Auch wenn die meisten Kunden kleinere Preiserhöhungen bis knapp zwei Euro in Kauf nehmen, so ist es für beide Seiten schwierig."

Mehraufwand an Bürokratie

"Die Mitarbeiter wissen, nur was wir in der Kasse einnehmen, können wir ausgeben und man will gar nicht erst die zahlreichen Abzüge aufzählen", beschreibt Carmen Neugebauer die Situation. Allein sie als Chefin arbeitet mehrere Tage die Woche nur an ihrem Papierhaufen auf dem Schreibtisch. "Die Bürokratie ist noch einmal schlimmer geworden", klagt sie. Allein die penible Auflistung der tatsächlichen Arbeitszeit kostet im Monat mehrere Stunden.

"Ich hoffe, dass ich den Drahtseilakt meistern werde", gibt sie offen ihre Bedenken zu. Sie vermutet zudem einen Anstieg der Schwarzarbeit und der Arbeitslosigkeit. "Es wird etwas passieren", sagt sie.

"Der Mindestlohn ist wichtig", betont sie, "aber in einem anderen System. Und ich bin mir sicher, dass spätestens in einem Jahr eine Gesetzesänderung kommen wird."

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