Der 12. April 1945 war in der Geschichte Staßfurts ein bedeutender, geschichtsträchtiger Tag. Denn an diesem Tag war der Zweite Weltkrieg für die Staßfurter beendet.

Staßfurt l Vor 70 Jahren tobte in Deutschland noch der Krieg. Doch die alliierten Kräfte setzten von Westen und Osten aus ihre Angriffe gegen Nazideutschland fort, um diesen Staat endgültig zu liquidieren. Dazu gehörten massive Bombenangriffe, meist auf Großstädte wie Magdeburg, Dresden, Chemnitz. Häuser und Industrieanlagen wurden zerstört und tausende Menschen getötet. Staßfurt blieb bis Anfang 1945 im Wesentlichen verschont. Zwar gab es kleinere Bombenabwürfe , aber nicht vergleichbar mit den Infernos, die die Dresdener erfahren mussten. Obwohl Staßfurt auch auf der Liste der Bombenangriffe stand.

Bombenangriffe auf Staßfurt geplant

Doch die Planung der Bombenangriffe nahm zu und Staßfurt/Leopoldshall sollte wie Zerbst, Dessau, Halberstadt, Halle und Eisleben ,,total ausradiert" werden. Menschenleben spielten dabei keine Rolle. Die erwähnten Städte kamen in die Festlegungen der Angriffspläne. So waren ab März/April 1945 Angriffs-Aktionen auf diese Städte vorgesehen. Doch der Zufall bewahrt Staßfurt/Leopoldshall vor einem solchen Vorhaben. So planten die Amerikaner zwischen dem 31. März 1945 und dem 8. April 1945 Staßfurt/Leopoldshall dreimal als Objekt für amerikanische Großangriffe ein. Zerstört werden sollte ein großes Wehrmachtsöllager bei Staßfurt (Wifo Leopoldshall). Dabei wurden auch die Kalischächte rund um Staßfurt/Leopoldshall in verstärktem Maße beachtet, um hier Lagerstätten und Produktionsorte für kriegsentscheidende Waffen zu treffen.

Der erste Großangriff gegen Staßfurt/Leopoldshall war für den frühen Vormittag des 31. März 1945 angesetzt. Insgesamt flogen an diesem Tage 1343 amerikanische Bomber nach Deutschland ein. Doch das diesige Wetter ließ die Absturzstellen nicht erkennen. Statt Leopoldshall wurde die Innenstadt von Brandenburg bombardiert. Über Leopoldshall tauchte kein einziger US-Bomber auf.

Dafür ereilte Aschersleben aber das Unglück, als Gelegenheitsziel ausgewählt zu werden. Es erfolgten Angriffe auf das Bahnhofsviertel und die Johannisvorstadt und so brachten 23 Bomben für 82 Menschen den Tod. Die amerikanische Führung bestimmte dann als Wiederholungstag den 6. April 1945 für einen weiteren Angriff auf Staßfurt. An diesen Tagen trafen die angreifenden Bomber Staßfurt aber nicht, sondern Halle (Saale) und Eisleben. Auf diese Städte fielen 450 Tonnen Brand- und Sprengmunition. Erneut hatte das schlechte Wetter Staßfurt/Leopoldshall gerettet. Jedoch ließen die Amerikaner nicht locker und planten schon für den 8. April 1945 einen dritten Schlag gegen Staßfurt/Leopoldshall. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die amerikanischen Bodentruppen schon sehr weit an Staßfurt/Leopoldshall angenähert.

So starteten am frühen Morgen des 8. April 1945 1223 Bomber in den Staßfurter Raum. Sie hatten den Auftrag, das ,,Ölziel Leopoldshall" zu zerstören. Als Zweitziel waren Halle und Halberstadt anvisiert. Und wieder hatten die Staßfurter Glück, denn schon wieder verhinderte das diesige Wetter einen präzisen Zielanflug.

Die Angriffsflächen wurden nicht gefunden und statt Staßfurt und Zerbst flogen die US-Verbände mit 17 Bombern das als Zweitziel angegebene Halberstadt an. 595 Tonnen Spreng-und Brandbomben bewirkten in der Stadt ein totales Inferno, dem die historische Altstadt restlos zum Opfer fiel.

So wurde Staßfurt/Leopoldshall zum 3. Mal vor Bombenangriffen gerettet und diesmal fast endgültig. Die kleineren Bombenangriffe am 10. April 1945 auf die Schachtanlage Friedrichshall und Umgebung kann man als minimal bezeichnen. So trafen zwar einige Bomben der sechs eingesetzten Bomber den Schacht I Friedrichshall und richteten Beschädigungen an, die Betriebsfähigkeit konnte aber schnell wieder hergestellt werden. Zerstört wurde auch die Straße von Leopoldshall nach Hohenerxleben. Schon zwei Tage später waren die amerikanischen Bodentruppen in Staßfurt.

Dreimal hatten die Staßfurter Glück, ein viertes Mal sollte mit dem Einmarsch der Amerikaner und mit dem Ende des Krieges am 12. April 1945 folgen. Drei Wochen zuvor standen die Amerikaner noch am Rhein. Sie hatten einen beachtlichen Marsch von rund 500 Straßenkilometern zurückgelegt - diese Bewegung hatte man in Staßfurt aufmerksam registriert.

Einmarsch der Amerikaner

Der amtierende Bürgermeister Denecke war zwischenzeitlich vom Rathaus in das Amtsgericht am Luisenplatz umgezogen. Hier verständigte er sich mit dem NSDAP-Kreisleiter Wienecke, den anrückenden Amerikanern keinen Widerstand zu leisten und Staßfurt kampflos aufzugeben.

Gegen 13 Uhr erreichten die Panzerspitzen von Hecklingen aus kommend die Grenzen Staßfurts und verweilten am Wiesenweg in der Nähe der Badeanstalt, um die Reaktionen der Staßfurter zu erkennen. Sie zogen dann mit einer von zwei Polizisten übergebenen weißen Fahne weiter zum Luisenplatz. Drei Panzer bildeten einen großen Kreis mit den Mündungsrohren in Richtung Panzersperre Fürstenstraße, Neundorfer Straße und Güstener Straße.

Alle Telefonverbindungen wurden schon am frühen Morgen von durchziehenden Einheiten zerstört, so dass auch der Bürgermeister erst mit der Anwesenheit der Panzer wusste, dass alles aus ist.

Er bewegte sich mit einer weißen Fahne vom Amtsgericht zu den Panzern und übergab mit Zustimmung des Magistrats die Stadt. Nachrückende Panzer setzten ihren Weg nach Friedrichshall fort, denn hier lagerten etwa 1100 Tonnen Uran, auf die es die Amerikaner mit ihren Panzerspitzen besonders abgesehen hatten.

Das Uranerz stellten die begleitenden Agenten und Wissenschaftler sicher, die bereits wussten, wo sie das hochbrisante Material zu suchen hatten. Es sollte auf keinen Fall der vorrückenden Roten Armee in die Hände fallen.

In Staßfurt angekommen, ließen die Amerikaner in höchster Eile in Tag- und Nachtarbeit von der Fassfabrik G. Winter 20000 Fässer herstellen und die mehr als tausend Tonnen Uranerz verpacken.

Innerhalb von drei Tagen war die gesamte Ladung über die Linie des künftigen Eisernen Vorhangs nach Westen befördert und über England als wertvolle Beute in die USA gebracht. Die Amerikaner holten mit ihren schweren Lastwagen aus den Betrieben alles, was nicht niet- und nagelfest war und brachten es nach Bremerhaven.

Mit dem Einmarsch der Amerikaner begann in Staßfurt die "Stunde Null". Die vielen Fremdarbeiter, freigelassene Gefangene und auch die Einwohner der Stadt plünderten Geschäfte und Betriebe, wo immer es noch etwas zu holen gab.

Auch Güterwaggons mit Lebensmitteln und Verlagerungsgut wurden heimgesucht. Die Polizei war entmachtet und die Amerikaner ließen es geschehen. Vor 70 Jahren war am 12. April für Staßfurt das Kriegsende. Als am 1. Juli die Russen kamen, war nichts mehr zu holen.

Die Staßfurter hatten zum Kriegsende Glück, denn das Wetter und wohlüberlegte Handlungen der Stadtväter haben dafür gesorgt, dass die Stadt im Wesentlichen vor Beschädigungen und Menschenverlust verschont blieb.