In der Güstener Marienkirche hat die Königin der Instrumente jetzt zum Hören und Staunen eingeladen. Die Orgel erklang im Konzert mit dem Duo Vimaris und konnte von den Besuchern anschließend hautnah bei der Orgelführung mit Dr. Wieland Meinhold erlebt werden.

Güsten l Wieland Meinhold springt von der Orgelbank - wenige Schritte und er ist an der Emporenbrüstung der Güstener Marienkirche. Der Weimarer Universitätsorganist deutet auf große und kleine Pfeifen im Orgelprospekt. Genauso schnell sitzt er wieder an Manualen und Pedalen, spielt einige Register an und schwärmt von den warmen, grundtönigen Klängen, die die Feith-Eggert-Orgel, in den 1920-er Jahren geplant und gebaut, so charakteristisch machen. Die Konzertbesucher, die am Ende des Abends noch auf die Empore gekommen sind, um der Königin der Instrumente einen Besuch abzustatten, erleben einen Musiker, der nicht nur als Interpret Feuer und Flamme für sein Instrument ist. Die Begeisterung für die Orgel ist bei Wieland Meinhold längst nicht nur "von Berufswegen" allgegenwärtig. Er will Wege zur Orgel öffnen, durch moderierte Konzerte und durch Führungen. "Die Orgel als Instrument ist so komplex und vielfältig, sie vermag auf vielen Ebenen zu begeistern", sagt der Musiker. Begeisterte Hörer stünden ebenso ehrfürchtig vor schwarzen und weißen Tasten und Pfeifenkaskaden, wie technisch Interessierte. Die, denen Wieland Meinhold die Orgel erklärt, können sich dem Instrument kaum mehr entziehen und geben wohl nicht mehr viel auf das Image des angestaubten und leider in manchen Gemeinden als ersetzbar angesehenen Kircheninstruments.

"Denn im Raum klingt alles ganz anders, als hier am Spieltisch"

Für Wieland Meinhold ist es da ganz gleich, ob er an einer gewaltigen Domorgel sitzt, oder eben an einem soliden Kircheninstrument wie in Güsten. "Jede Orgel ist einzigartig. Sie ist immer für den Raum konzipiert. Und es gibt immer etwas zu entdecken." Was das in der Ränzelstecher ist, erleben die Besucher bereits beim Betreten der Kirche. Die Orgel hat einen geteilten Prospekt, der weit in den Kirchenraum ragt, während der Organist etwas weiter hinten auf der Empore sitzt. "Das ist schon ungewöhnlich", sagt der Musiker. Wenn man ein Konzert spiele, müsse man Ohren und Gefühl für Klangfarben gekonnt miteinander verbinden. "Denn im Raum klingt es ganz anders, als hier am Spieltisch."

Im Konzert, das der Orgelpräsentation voranging, gelang das Wieland Meinhold gut. An den Tasten begleitete er seine Frau Mirjam Meinhold, Sopranistin und Flötistin. Beide sind das Duo Vimaris und holten am Freitag ein bisschen die Welt in die Güstener Kirchenmauer. Denn es erklang Musik aus dem deutschen und italienischen Barock, Klassisches von Mozart und schließlich skandinavische Klänge. Startpunkt war Halle, die Geburtsstadt Wieland Meinholds. Ganz klar, dass man sich mit Georg Friedrich Händel auf den Weg machte. Ihm folgten Werke von Scarlatti und Pergolesi. Eindrucksvoll der Sopran von Mirjam Meinhold. In den Arien bewies sie große Gestaltungskunst, überzeugte mit einem farbigen Timbre, in der Höhe leicht und in der Mittellage rund und einnehmend. Die Frau des Organisten brillierte neben ihrem Mann als Begleiter an den Tasten aber auch als Flötistin. Wunderbar eine Sonate von Händel in A-Moll. Wer genau hinhörte entdecke die Spielfreude des Duo Vimaris in gekonnt gesetzten Verzierungen und spritziger Agogik. Auch wenn die Orgel in St. Marien ein romantisches Instrument ist und nicht die typischen Register für Barockmusik hat, fand Wieland Meinhold schöne Stimmen für die Begleitung - manchmal wie eine Geige oder ein Kontrabass klingend, dann wieder in schillernden Flötenklängen.

"Diese Instrumente sind oft nur noch in kleineren Kirchen zu finden."

Barockes zu spielen auf einer romantischen Orgel wie in Güsten sei ohnehin nicht so leicht, erklärte Wieland Meinhold bei der Führung und wies auf technische Aspekte des Universums Orgel hin. Denn im Gegensatz zu früheren Instrumenten, bei denen die Übertragung von Taste zum Ventil unter der Pfeife rein mechanisch über kleine Holzleisten funktioniert, haben die Orgelbauer seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert anders gebaut. Beim Druck der Taste wurde nun Luft losgeschickt, um das Pfeifenventil zu öffnen, damit wiederum eigener Wind hineinströmen kann und der Ton erzeugt wird. "Das Ergebnis ist, die Spielweise ist sehr leicht, aber der Ton kommt etwas verzögert", erklärt Wieland Meinhold. Das erfordere auch andere Musizierarten. Und es hat die Komponisten herausgefordert, anders zu schreiben. Wie, das zeigte Wieland Meinhold am Ende des Konzertes mit skandinavischer Orgelromantik. Hier kam die Klangwelt der Eggert-Feith-Orgel, ein typisches Kind ihrer Zeit, ausgezeichnet zum Tragen. Warme Stimmen, ein dunkel und rund gefärbter Gesamtklang. "Diese Instrumente sind oft nur noch in kleineren Kirchen zu finden, weil große Gemeinden ihre Orgel dem Zeitgeist entsprechend umgebaut oder ersetzt haben", erklärt der Musiker. Auch in Güsten war das so, aber 2010 wurde die Orgel durch die Firma Baumhoer aus Salzkotten (Nordrhein-Westfalen) vorbildlich restauriert und erklingt wieder in ihrer ursprünglichen Pracht.

Eigentlich führt Wieland Meinhold die Instrumente immer vor den Konzerten den Zuhörern vor, "damit sie noch informierter hören können", sagt er. In Güsten geschah das nach dem Konzert, Vimaris trat vorher noch in Ditfurt auf.

"Ich lerne so viele Instrumente kennen."

Der Weimarer Musiker mag die Atmosphäre in den kleinen Kirchen sehr, die Gäste kämen interessiert und erwartungsvoll. Ihm selbst kann keine Orgel zu klein sein. "Ich lerne durch diese Konzerte viele Instrumente kennen und weiß um die vielen kleinen Schätze der Orgellandschaft hier." Die Güstener Orgel hat Pfarrer Johannes Zülicke dem Organisten ans Herz gelegt, als es um Konzertabsprachen für Ascherleben ging. Die Pfarrei, zu der neben Güsten auch St. Elisabeth Alsleben gehört, sammelt derzeit Geld für die Rekonstruktion der dortigen Feith-Orgel. Und es würde nicht verwundern, wenn Wieland Meinhold eines Tages nicht auch in Alsleben auf der Orgelbank sitzt. "Neugierig darauf bin ich allemal", sagt der Musiker.

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