Der Eisenbahn-Club aus Schönebeck, zu dem auch viele Staßfurter Mitglieder gehören, stellt zurzeit seine imposante Modellbahnanlage in der Schönebecker Liebknecht-Schule aus.

Schönebeck. Leon-Maurice kann sich kaum auf dem Stuhl halten, auf den seine Oma Maria ihn gestellt hat. Nur eine gelbe Schnur trennt den Fünfjährigen von einer ganz anderen Welt. Einer kleinen Welt, die für Leon-Maurice doch kaum zu überblicken ist. Der Junge schaut über eine rund zehn Meter lange und vier Meter breite Modellbahnanlage. Auf der sind Landschaften, Städte, Brücken, Häuser, eine Kirche zu sehen – und Züge. Zehn Züge drehen auf einer zweigleisigen Hauptbahn und einer eingleisigen Nebenbahn ihre Runden.

Leon-Maurice ist überwältigt. Der kleine Mann steht mit den Zehnspitzen direkt an der Stuhlkante, um keine Vorbeifahrt zu verpassen. Dann wieder sagt er fast wie ein Experte: "Schau mal Oma, die Schranken schließen vollautomatisch!" "Vollautomatisch" –ein kleiner, aber begeisterter Eisenbahnfan.

Kein Wunder, dass er jetzt einmal den Experten vom Eisenbahn-Club Schönebeck "auf die Platte" schauen wollte. Die haben noch bis Sonntag ihre kleine große Welt in der Aula der Liebknecht-Schule Schönebeck aufgebaut. Zum ersten Mal nach einer vierjährigen Pause. Aber schon mit Tradition, denn die Schule bot in den vergangenen 30 Jahren schon oft den Rahmen für die Schauen. Die haben von Anfang an eine Intention: "Auch im Zeitalter von Computer und Co. hat das Hobby Modelleisenbahn nichts von seinem Wert verloren und ist eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung", sagt Jürgen Krebs, Vorsitzender des Eisenbahn-Clubs Schönebeck. Der Modellbau habe viel mit Technik zu tun, mit Detailtreue und Genauigkeit. "Das erweitert den Horizont", sagt Jürgen Krebs. Aber es geht der Gruppe auch um Unterhaltung. "Wir wollen Interessierten das System Eisenbahn nahebringen."

Da muss es nicht immer ernst zu gehen. So gibt es im Minimaßstab verschiedene Szenen zu sehen. Der "West-Besuch", dessen roter Golf I in der Tür steht, während der Abschnittsbevollmächtigte an der Haustür meldet. Oder ein Badeunfall, Notarzt und Polizei sind längst am Ufer des Sees, um einen Bewusstlosen aus dem Wasser zu ziehen. Auch Jürgen Krebs sieht sich verewigt. Er steht auf einer Anhöhe und fotografiert die vorbeifahrenden Züge, während die Polizei bereits prüft, ob das nicht unter "Eingriff in den Bahnverkehr" fällt. Die Betrachter der Modellwelt können auf die Suche gehen.

Leon-Maurice hat derweil Augen für etwas ganz anderes. Ein Zug fährt an ihm vorbei, gezogen von einer Dampflok. Auf den Wagons stehen Fahrzeuge des Staßfurter Zirkus‘ Probst. "Ich habe zu Hause Diesel- und Dampfloks, Wagen – alles in der Spur H0 – einen Bahnhof und Häuser", sagt der Fünfjährige. Großmutter Maria Friedrich ergänzt: "Sobald er bei uns ist, baut er alles auf. Er steckt die Schienen zusammen, verbindet die Weichen und ist stundenlang mit der Bahn beschäftigt."

Ganz so schnell geht es bei den "Großen" vom Eisenbahn-Club nicht. An vier Abenden haben die Mitglieder alles zusammengesetzt. Zwar, so Jürgen Krebs, bestehe die Platte aus festen Modulen, die zum Teil ergänzt oder in kleinerer Form zusammengebaut werden können. Doch aufwendig sind Aufbau und Transport allemal.

Die Zahlen der Anlage sprechen für sich: Rund 250 Meter Gleise und rund 1500 Meter Kabel wurden verbaut. "Die Anlage kann so auch in unseren Vereinsräumen aufgebaut werden, deshalb korrespondiert auch alles miteinander."

Wer glaubt, dass sei schon alles und der Rest Spielerei, der irrt. Denn auch die Abläufe auf den Schienen sind – wie die Modelle von Loks und Wagen – originalgetreu nachempfunden. "Wir fahren hier vorbildgerecht, nach dem System der großen Eisenbahn." Jürgen Krebs beschreibt, dass die Züge nicht wie Autos im Straßenverkehr auf Sichtabstand fahren würden. "Die Züge fahren im sogenannten Raumabstand, abgegrenzt durch Hauptsignale." Die Besucher lernen so, dass zwischen zwei Hauptsignalen, die Räume abstecken, niemals zwei Züge fahren. Gesteuert wird die gesamte Anlage mit ihren 75 Weicheneinheiten, 25 sichtbaren Hauptsignalen und den vielen Gleichschaltmitteln der Gleichstellwerke.

Dass der Betrieb läuft, dafür müssen die Mitglieder des Vereins während der Ausstellungszeit sorgen. Vier Stellwerke müssen beobachtet werden, dazu ein Bahnbetriebswerk. Drei bis fünf Leute beobachten so das Geschehen in der Eisenbahn-Miniwelt und stehen den Interessierten für alle Fragen zur Verfügung. "Wir haben alle größtenteils mit Eisenbahn-typischen Berufen zu tun", sagt Jürgen Krebs und beschreibt, was die zwölf Mitglieder des Eisenbahn-Clubs verbindet. "Die Modellbahn wird da fast automatisch zum Hobby", sagt der Vorsitzende. Das begründet auch die Akribie, mit der sie die Modellanlage präsentieren.

Auch jede Menge Nostalgie ist dabei. Die Eisenbahner haben sich auf die Loks und Züge der ehemaligen Deutschen Reichsbahn der 70er und 80er Jahre spezialisiert. Wartburgs sind auf den Straßen zu sehen, die Häuser sind aus Ziegeln, Betonbauten findet man nicht. "Diese Zeit bietet die größte Modellvielfalt", begründet Jürgen Krebs. Dabei habe die Anlage kein 1:1-Vorbild, aber die Epoche werde nachempfunden – in den Lok- und Wagenmodellen, in deren Lackierungsvarianten und in den Zugzusammenstellungen. "Neben der Taigatrommel wird man eben keinen ICE finden", sagt Jürgen Krebs – was im Großen nicht geht, passiert im Kleinen schon gar nicht.

Bis Sonntag ist die Modellbahnausstellung noch zu sehen. Leon-Maurice ist immer wieder da – begleitet von seiner Großmutter und seinem Großvater. Die freuen sich über das Interesse des Kindes. Oft sind die Friedrichs mit dem Enkel auch beim Lokschuppenfest der Traditionseisenbahner in Staßfurt zu Gast. Da gibt es dann die großen, echten Loks und Wagons zu sehen und die Besucher dürfen sogar bei Führerstands- fahrten dem Lokführer über die Schultern schauen. Wenn der kleine Mann dann die großen oder die kleinen Züge – wie in Schönebeck – beobachtet, dann träumt er. Und weiß genau, was einmal sein Beruf werden soll – Lokführer. Na klar!

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