Der Stadtrat von Schönebeck hat sich am vergangenen Donnerstag in einer klaren Entscheidung dafür ausgesprochen, zukünftig die Gaskonzession an die Stadtwerke Schönebeck zu vergeben. Nach 20 Jahren muss der unterlegene Mitbewerber Erdgas Mittelsachsen GmbH (EMS) das Netz nun verkaufen. Darüber und über die Zukunft der EMS in der Stadt Schönebeck sprachen die Volksstimme-Redakteure Daniel Wrüske und Olaf Koch mit Jens Brenner, Geschäftsführer der EMS.

Volksstimme: Wie geht es Ihnen und ihren Mitarbeitern nach der emotionalen Stadtratssitzung und der Entscheidung gegen die EMS?

Jens Brenner: Inzwischen wieder ganz gut. Wir sind natürlich über das Ergebnis der Beschlussfassung enttäuscht. Auch davon, wie die Sitzung am Donnerstag gelaufen ist.

Volksstimme: Warum?

Brenner: Wir konnten nicht verstehen, warum die Zuschauer, die nicht nur EMS-Mitarbeiter waren, den Saal in einer öffentlichen Ratssitzung räumen sollten. Dieses Ansinnen erweckte bei uns den Eindruck, dass die Öffentlichkeit bei der Diskussion nicht gewollt war.

Volksstimme: Gegenüber der Ratssitzung vom Dezember hat es bei einigen Stadträten nochmal einen Sinneswandel gegeben. Am Ende entschieden sich die Räte mit einem Stimmenverhältnis 23 zu 15 für die Stadtwerke Schönebeck. Haben Sie diese klare Richtung erwartet?

Brenner: Die neue Richtung kam für uns nicht unerwartet. Gut ist, dass es nun eine Entscheidung gibt und wir wissen, woran wir sind. Jetzt können wir nach vorn schauen und es kann weitergehen.

Volksstimme: Wie geht es für die EMS in Schönebeck weiter?

Brenner: Der Netzbetrieb ist das personalintensivste Gebiet in unserem Unternehmen. Daran ist letztlich auch die Masse der Gewerbesteuer gebunden, die die Stadt Schönebeck bekommen hat. Schon im Jahr 2008 gab es Bestrebungen unserer kommunalen Gesellschafter, dass wir unseren Sitz bei einem negativen Ausgang bei der Gaskonzession verlagern werden.

Volksstimme: Das bedeutet, dass der mögliche Wegzug aus Schönebeck keine Trotzreaktion auf die Niederlage ist?

Brenner: Stimmt. Wissen Sie, so ein Abzug ist eine große Aktion, die man nicht an einem Wochenende durchzieht. Das macht man nicht, nur um eine momentane Empfindung zum Ausdruck zu bringen.

Volksstimme: Aber die Entscheidung steht, dass die EMS den Standort Schönebeck aufgeben wird?

Brenner: Diese Entscheidung obliegt dem Aufsichtsrat, der in der nächsten Woche zusammenkommen wird. Die Frage ist: Warum sollen wir in Schönebeck bleiben, wenn wir für einen Großteil unserer Mitarbeiter keine Aufgaben mehr in Schönebeck haben? Zudem wurde uns der Eindruck vermittelt, dass die Stadt Schönebeck - hier die Verwaltung - im Gegensatz zu Staßfurt, Calbe oder anderen kommunalen Gesellschaftern nicht mehr mit uns zusammenarbeiten möchte. Sicher ist, dass wir mit unserem Kundenzentrum vor Ort bleiben, denn wir werden unsere Kunden hier in der Stadt weiterhin mit Gas und Strom beliefern - unabhängig von der Neuvergabe der Gaskonzession ab Ende 2012.

Volksstimme: Es gibt Hinweise, dass Sie sich im Förderstedter Rathaus niederlassen wollen?

Brenner: Es gibt viele Gerüchte, aber es ist noch nichts beschlossen.

Volksstimme: Bis wann müssen Sie mit den Stadtwerken den Wechsel der Gaskonzession und die Übergabe vom Tisch haben?

Brenner: Für den Schönebecker Bereich laufen die Verträge bis zum Juli 2012, in den ostelbischen Kommunen einige Monate länger. Einen Wechsel wird es dann entsprechend der regulatorischen Vorgaben zu Beginn des neuen Jahres geben, also 2013.

Volksstimme: Stadträtin Petra Grimm-Benne versuchte auf der Ratssitzung vergangene Woche vergebens, eine Brücke zu bauen und schlug eine Netzgesellschaft mit beiden Anbietern vor. Ist dieser Zug nun abgefahren?

Brenner: Nein, ein Kompromiss scheint aus meiner Sicht auch jetzt noch möglich. Ich finde, dass das ein sinnvoller Gedanke ist. Wir hatten uns dem übrigens nie verschlossen. Ich weiß aber nicht, ob ein Kompromiss gewollt ist.

Volksstimme: Haben Sie in Ihrer beruflichen Zeit bereits Erfahrungen mit Übergaben aus Gaskonzessionen sammeln können?

Brenner: Nein, das ist auch für mich Neuland. Aber wir werden uns auf Erfahrungen der Thüga-Gruppe stützen und so letztendlich eine vernünftige Lösung bekommen.

Volksstimme: Was werden die nächsten Schritte sein?

Brenner: Jetzt geht es darum, den Kaufpreis für das Schönebecker Gasnetz festzulegen. Das bedeutet, dass wir feststellen müssen, was übergeben werden soll und was es kostet. Diese Fragen müssen wir auf einen gemeinsamen Nenner bringen.

Volksstimme: Wie wird die Übergabe praktisch ablaufen?

Brenner: Wir werden unsere Verhandlungslinie in der nächsten Woche im Aufsichtsrat klären. Dann werden wir mit der Stadtwerke Schönebeck GmbH ins Gespräch kommen. Wir sind interessiert, zu einer Klärung zu kommen.

Volksstimme: Muss beim Verkauf die Regulierungsbehörde angehört werden?

Brenner: Zunächst wird es den Verkauf des Netzes geben. Das geht lediglich die beiden Partner etwas an. Das interessiert die Regulierungsbehörde vorerst nicht. Die wird erst später mit ins Boot geholt, wenn die Trennung des Schönebecker Netzes vom Gesamtnetz der EMS erfolgt ist. Auch die Aufteilung des Erlöses interessiert die Behörde. Das wird ein spannendes Thema werden.

Volksstimme: Genauso wie die Frage, was aus den Mitarbeitern wird, die jetzt für das Schönebecker Netz tätig sind?

Brenner: Denkbar wären verschiedene Lösungen. Aber im Vorfeld der Diskussion haben die Stadtwerke ja bereits in der Öffentlichkeit Zusicherungen für eine Personalübernahme gemacht. Ich hoffe, dass sie dazu stehen werden.

Volksstimme: Auch in anderen Kommunen ist in der Vergangenheit über die Neuvergabe der Gaskonzession verhandelt worden oder das Thema steht auf der Tagesordnung. Wie sehen die Ergebnisse dort aus?

Brenner: Sehr positiv für die EMS. Ob in Staßfurt, Calbe, Barby, Güsten, Bördeland, Hecklingen oder Gommern: Überall ist uns das Vertrauen ausgesprochen worden. Und das gewiss aus gutem Grund.

Volksstimme: Werden Sie sich in 20 Jahren wieder um die Gaskonzession in Schönebeck bewerben?

Brenner: Die Frage steht jetzt noch nicht. Warten wir also mal ab.

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