Im heutigen Teil unserer Serie zum 1070-jährigen Jubiläum der Stadt Egeln geht es um die Chroniken und um die Menschen, die durch ihre Aufzeichnungen etwas vom früheren Leben in der Stadt Egeln überliefert haben. Dazu sprach Nadja Bergling für die Volksstimme mit dem Museumsleiter und Ortschronisten Uwe Lachmuth.

Volksstimme: Über die Geschichte der Stadt Egeln gibt es heute vieles in der Chronik zu erfahren. Wer hat dies alles aufgeschrieben? Gab es schon immer einen Ortschronisten?

Uwe Lachmuth: Grundlage für eine Chronik müsste eigentlich das Stadtarchiv sein. Aber bereits vor 200 Jahren haben die Egelner Stadtväter aus Geldmangel einen großen Teil des Archives an einen Altstoffhändler verkauft. Nur noch wenige Akten aus dem Mittelalter sind hier noch zu finden. Trotzdem hat Pastor Max Ebeling 1903 eine Chronik heraus gegeben.

Volksstimme: Woher hatte er dann aber die Informationen?

Lachmuth: Die wichtigste Arbeit hat sein Vorgänger Pastor Adolf Engeln geleistet. Schon früher hat man aus Sicherheitsgründen Abschriften von Urkunden angefertigt und sie in zentralen Archiven gelagert. Pastor Engeln ist in die Archive gereist und hat Abschriften von allen ihm zugänglichen Urkunden angefertigt. Diese Abschriften wurden dann nach Themen geordnet und gebunden. Engeln war auch Mitglied im Magdeburger Geschichtsklub und hat viele Aufsätze über die Egelner Geschichte veröffentlicht. Sein umfangreichster Aufsatz befasst sich mit den Edlen von Hadmersleben, die ja maßgeblich die mittelalterliche Geschichte der Stadt Egeln beeinflusst haben. Die Druckerei Heyl in Egeln veröffentlichte von ihm unter anderem auch die "Geschichte der Stadtkirche St. Christophorus". Zu einer umfangreichen Chronik ist er jedoch nicht mehr gekommen. Sein Nachfolger Max Ebeling hat dann seine Forschungen als "Chronik der Stadt Egeln in Bildern der Vergangenheit und Gegenwart" veröffentlicht. Angeblich reichte das Geld nicht mehr für ein Quellenverzeichnis aus, so das Engeln in dieser Chronik nicht einmal erwähnt wird.

Volksstimme: Haben denn nur Pastoren an der Geschichtsschreibung mitgewirkt?

Lachmuth: Mönche und Pfarrer waren im Mittelalter die einzigen Menschen, die Lesen und Schreiben konnten. Erst später begriff der Adel, dass es wichtig ist, auch lesen zu können, was die Mönche so aufschrieben, denn manchmal schrieben sie auch mal kleine Änderungen zu ihren Gunsten in die Urkunden. Aber Klosterschreiber und Pfarrer haben in Akten und Kirchenbüchern oft auch Randbemerkungen verfasst, die uns heute interessante Hintergrundinformationen geben. So gibt es im Stadtarchiv 24 gebundene Akten aus dem Kloster Marienstuhl. Die älteste stammt aus dem Jahr 1542. Der damalige Klosterschreiber hat auch Informationen zur Stadtgeschichte aufgeschrieben. So finden wir Aufzeichnungen über die Eide der Brauerinnung, der Schuster, Schneider usw. Aber auch über die Neuverleihung der Stadtrechte durch das Magdeburger Domkapitel wird umfangreich berichtet. Ebenso erfahren wir, dass der Galgen der Stadt umgestürzt war und alle Zimmerleute des Amtes Egeln diesen neu aufrichten mussten. Sie bestanden dabei auf ein Fass Bier, das "ihnen seit alters her zustand", um diese unehrenhafte Arbeit ausführen zu können. Wer aus westlicher Richtung nach Egeln kam, sah die mächtigen Galgen, an den Ort, der heute noch als Galgenberg bekannt ist. Ortsfremde sollten schon von Weitem sehen, dass in Egeln "kurzer Prozess mit Straftätern" gemacht wird und die Stadtväter damals noch darauf Wert legten, dass in ihrer Stadt Egeln Recht und Ordnung herrschte. Allerdings gab es auch ganz schlimme Ausuferungen der Rechtssprechung im 17. Jahrhundert. Damals mussten über 30 Egelner in einem Hexenprozess ihr Leben lassen.

Volksstimme: Bekanntlich war Egeln schon im Mittelalter eine bedeutende Stadt. Gab es da nicht auch jemanden, der die Geschichte aus der Sicht der Bürger aufschrieb.

Lachmuth: Natürlich haben uns auch unsere ehemaligen Stadtväter etwas hinterlassen. Wir haben ein Buch aus dem Jahre 1639, das sich "Articuli oder Polizei Ordnung eines Erbarn Raths dieser Stadt Egeln" nennt. Darin findet man die Artikel "Wonach sich die Bürger hieselbsten allenthalben zu achten haben". Aber auch die Innungsschwüre der Bierbrauer, Bäcker, Schuster, Zuschläger und viele andere Dinge sind darin enthalten.

Volksstimme: Die Chronik von Max Ebeling endet 1903. Gab es danach auch noch Chronisten, die die Geschichte weiter aufschrieben.

Lachmuth: Es gab immer Menschen, die Tagebuch führten oder Berichte über besondere Ereignisse verfassten. Ganz besonders wäre hier der Name Hans Grube zu nennen, der fast sein ganzes Leben lang der Egelner Geschichte "verfallen" war und maßgeblich auch an der Herausgabe der "Egelner Nachrichten" nach 1990 beteiligt war. Auf sein Betreiben konnte 1993 das Egelner Museum aus einer Lagerhalle in die attraktiveren Räume der Egelner Wasserburg einziehen. Für seine Arbeit und seine Verdienste bekam Hans Grube 1997 sogar das Bundesverdienstkreuz am Bande. Aber auch Dr. Erich Weber, Manfred Lotzing und weitere Mitglieder des Egelner Heimatvereins haben in Archiven geforscht und mehrere Jahresschriften heraus gegeben, so dass die Chronik weiter vervollständigt werden kann.

Volksstimme: Aber eine Vollständige Chronik, die bis in die Gegenwart führt, gibt es dennoch nicht. Ist es geplant zum 1070-jährigen Jubiläum eine heraus zu bringen?

Lachmuth: Wir wollen noch nicht zuviel verraten, und unsere Serie soll ja noch einige Fortsetzungen bekommen.

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