Die Bungalows am Seeblick am Schachtsee in Wolmirsleben sind verlassen. Nur Dieter Ließ und seine Frau sind noch da. Mit fünf Pumpen versuchen sie, so viel Wasser wie möglich aus dem Keller zu befördern. Und auch auf dem Campingplatz ist man am Boden zerstört. Das Hochwasser hat einen erheblichen Schaden angerichtet.

Wolmirsleben. Bis zu den Oberschenkeln steht Dieter Ließ im Wasser. Nur dunkelgrüne, lange Stiefel schützen ihn vor dem Nass. Dort, wo sonst die Zufahrt zu seinem Grundstück ist, steht meterhoch das Wasser. Dieter Ließ ist einer von vielen Hausbesitzern am Schachtsee in Wolmirsleben. Seit den 80er Jahren hat er seinen Bungalow am Seeblick. 1993 wurde ihm das Wohnrecht erteilt. Seitdem leben seine Frau und er Sommer wie Winter am idyllischen See. Doch mit der Idylle ist es seit Mitte Januar vorbei. Aus dem Haus am See ist ein Haus im See geworden. Während auf den Ackerflächen das Wasser bereits so gut wie verschwunden ist und auch die Bode fast wieder auf dem Normalstand ist, hat sich die Hochwassersituation am Schachtsee in Wolmirsleben noch lange nicht entspannt.

Es war am 13. Januar, da alarmierte Dieter Ließ die Feuerwehr. "Aus dem Zulauf auf der anderen Seite, war plötzlich ein reißender Bach geworden. Man konnte fast zusehen, wie das Wasser anstieg", erklärt Dieter Ließ, während er wieder aus dem Wasser ins Trockene kommt. Die Feuerwehr rückte an und stapelte Sandsäcke vor dem Zaun, den Dieter Ließ in Richtung Wasser gezogen hatte. Doch das half nichts. Schon nach wenigen Tagen stand das Wasser im Garten und drang in das Haus.

In der unteren Etage des Bungalows hat Familie Ließ ihr Schlafzimmer. Doch dort, wo man die abendliche Ruhe fand, stehen jetzt Betten und Schränke auf Mauersteinen. Überall liegen Schläuche. Immer wieder springen Pumpen an. Maximal einen Zentimeter hoch steht das Wasser auf den apricotfarbenden Fliesen. "Ich pumpe 24 Stunden am Tag das Wasser aus dem Keller wieder nach draußen", erklärt Dieter Ließ und schiebt mit einem Besen das Wasser an die tiefste Stelle im Haus. Fünf Pumpen hat der Wolmirslebener aufgestellt. An die Stromkosten möchte er jetzt noch gar nicht denken. Wichtig ist ihm erst einmal, das er sein Haus trocken halten kann.

"Mein Nachbar hat aufgegeben"

<6>Der Seeblick gleicht einer Geisterstadt. Wellen schlagen gegen Gartenzäune und Türen. An den meisten Häusern sind die Rollläden runtergezogen. Verlassen sind die sonst so belebten Bungalows. Nur Dieter Ließ und seine Frau sind noch da. Die Nachbarn haben schon lange die Sachen gepackt. "Unser Nachbar hat zwar noch alles gesichert, hat Sandsäcke und Folien ausgelegt, doch irgendwann sah er kein Land mehr. Er hat seine Heizung ausgebaut und seinen Bungalow verlassen", deutet Dieter Ließ nach rechts. Auch auf dem Grundstück auf der anderen Seite ist alles ruhig. Schläuche treiben im Wasser. Auch dort hat man scheinbar versucht, dass Wasser noch aus dem Haus zu pumpen. Dieter Ließ öffnet die Tür. Sein Nachbar hat ihm zur Not den Schlüssel da gelassen. Ihm schwimmen Stühle und anderes Mobiliar entgegen. "Das ist alles hin", kann Dieter Ließ nur sagen. Genau so sieht es in den anderen Häusern auch aus.

<7>Seit den 50er Jahren kennt Dieter Ließ den Schachtsee. Er ist leidenschaftlicher Angler. Sein Hobby zog ihn immer wieder an den See. "Doch so etwas habe ich noch nie erlebt. Klar hatten wir hier auch schon Hochwasser. So schlimm war es aber noch nie", weiß der Wolmirslebener. Er deutet auf die andere Seite des Sees. "Dort drüben ist der Zulauf. Der ist an allem Schuld", sagt er. Entgegen aller Behauptungen, sind die Camper und auch die Bungalowbesitzer der Meinung, dass nicht nur der gestiegene Grundwasserpegel Schuld an dem hohen Stand des Sees ist.

Torsten Haberzettl hat ein Haus direkt am Schachtsee. Im Namen aller Anwohner und Camper hat er einen Brief verfasst, den er den Medien und auch dem Landrat zukommen lassen hat. Auch der Volksstimme liegt dieser Brief vor. Darin heißt es: "In den See mündet ein Graben, welcher vom Niederschlagswasser der umliegenden Felder gespeist wird. Der Zufluss führt nicht ganzjährig Wasser. Resultierend aus den massiven Niederschlägen des vergangenen Jahres entstand eine Hoch- wasserlage, die so vor Ort noch nicht dagewesen ist. Bereits seit dem 28. August 2010 führt der Zufluss Wasser. Hinzu kommt, dass durch die benachbarte Pilzzuchtanlage durch mehrfache Havarien verschmutzes Wasser auf diesem Wege über den Graben in den See gelangt ist. Neben dem Havariewasser gelangen natürlich auch Düngemittel und Giftstoffe, die auf den Feldern ausgetragen werden, in den See. Das ist für die Wasserqualität nicht förderlich. Das Hauptproblem stellt allerdings die horrende Wassermenge dar, die auf diesem Wegen in den See gelangt. Der Zulauf hat sich einem reißenden Bach entwickelt."

Auch auf der Sitzung des Gemeinderates Wolmirsleben am Montag brachten Torsten Haberzettl und andere Anwohner dieses Problem vor. Bürgermeister Knut Kluczka erklärte dazu, dass es diesen Zulauf bereits schon seit den 50er Jahren gibt. Angelegt wurde er, da sich der alte Graben gesenkt hatte. "Erst Ende der 60er Jahre wurde der See eröffnet, die meisten Bungalows wurden danach errichtet", so der Ortschef. Klar ist, dass eine Lösung her müsse.

"Der Zulauf muss umgelegt werden"

Einen ersten Versuch soll es in dieser Woche geben. Man geht davon aus, dass die Seen rings um Wolmirsleben unterirdisch miteinander verbunden sind. Es soll auch eine Verbindung mit dem der Bode am nahegelegensten See geben. Nun soll der Bodedamm durchbrochen werden, damit Wasser aus diesem See in die Bode und Wasser aus dem Schachtsee wiederrum in diesen See fließen kann. Wie hoch die Erfolgchancen sind, weiß niemand.

Auch Dieter Ließ hofft auf den eventuellen Pegelrückgang. Doch auch er ist sich sicher, dass eine andere Lösung her muss. "Der Zulauf muss wieder umgelegt werden. Es gab ja früher diesen Graben, der dann in die Bode führte. Natürlich kostet das Geld, aber man kann uns doch hier nicht aufgeben. Erst wenn man sich vor Ort die Lage anschaut, wird deutlich, dass das Wasser einen Schaden in Millionenhöhe angerichtet hat", macht der Wolmirslebener deutlich. Mehrfach haben er und auch andere Anrainer den Vorschlag gemacht, dass das Technische Hilfswerk (THW) das Wasser aus dem See in die Bode pumpen könnte. "Uns wurde gesagt, dass das zu viel Geld kostet. Ich frage mich dann aber, wozu es das THW gibt. Ich dachte eigentlich immer, dass es im Katastrophenfall zum Einsatz kommt. Und das hier ist eine Katastrophe", sagt Dieter Ließ und deutet auf den See. Offiziell legt der Landkreis den Katastrophenfall fest. Dafür gibt es Kriterien, Alarmhöchststufen, die vorausgegangen sein müssen. Erst dann können entsprechende Hilfskräfte wie das THW ausrücken. Eine Gemeinde, etwa Wolmirsleben, kann sie nicht einfach anfordern

Auch auf dem Campingplatz schlagen alle die Hände über dem Kopf zusammen. Zwar hatte man die Camper aufgefordert, ihre Wohnwagen zu entfernen, doch viel zu spät. Das jedenfalls findet auch Wilfried Riesche. "Mein Wohnwagen steht auf Platten und wiegt an die zwei Tonnen. Wenn ich den weggezogen hätte, als die Aufforderung kam, wäre er im Schlamm stecken geblieben", erklärt der Halberstädter. Fast der komplette Campingplatz ist überflutet. Teilweise sind die Wohnwagen reif für den Schrottplatz. Auch dort hofft man auf eine Lösung.

"Der See ist um zwei Meter angestiegen"

Dieter Ließ trägt auf der anderen Seite des Campingplatzes seinen Einkauf nach Hause. Mehr als hundert Meter muss er über den Acker laufen. Auf einen anderen Weg erreicht er seinen Bungalow nicht mehr. Schlamm so weit das Auge reicht. Und obwohl der See sehr langsam zurückgeht, kann sich Dieter Ließ nicht vorstellen, dass sich die Situation bald entspannen wird. Immerhin sei der See in den letzten Wochen um mehr als zwei Meter angestiegen. Und keiner weiß, welche Schäden am Eigentum zum Vorschein kommen, wenn das Wasser zurückgegangen ist.

   

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