Am Sonnabend feiert die Radsportlegende Gustav Adolf Schur im Kleinmühlinger Sportzentrum seinen 80. Geburtstag. Rund 1000 Gratulanten werden erwartet. Aus diesem Grund sei an einen zeitgeschichtlichen Schatz erinnert, der im benachbarten Friedensfahrtmuseum schlummert. Ein Seesack mit rund 6000 Fanpost-Briefen, die bis 2002 ungeöffnet auf "Täves" Dachboden lagerten.

Kleinmühlingen. "Jetzt werden Sie vielleicht lachen, aber ich habe mich wirklich in Sie verliebt", gesteht die 17-jährige Oberschülerin Romi aus Zeitz in einem Brief zu Täves 25. Geburtstag. Mitte der 1950er Jahre erreichen den Radrenn-Star noch weitere Liebesbriefe, in denen die weiblichen Verehrerinnen mehr oder weniger unverblümt zur Sache kommen.

"Was können Sie noch, außer Radfahren?"

Karen (18) aus Magdeburg schreibt im Wonnemonat Mai: "Was können Sie denn noch, außer Radfahren? Schreiben Sie mir, ob wir uns irgendwo treffen können, wegen meiner auch zu einer kleinen Radpartie." In einer anderen Zuschrift räkelt sich eine junge Dame im Badeanzug lasziv auf der Kühlerhaube eines englischen Autos. Visuelle Verführung pur.

Selbst junge Muttis verlieben sich in den gut aussehenden Radrenner und machen ihn zum Maßstab. Die bildhübsche Susanne aus dem sächsischen Strießen berichtet von ihrem vierjährigen Sohn Peter, der sich, wenn er mit dem Dreirad um die Ecke fegt, wie Täve Schur fühlt. "Er weint auch nicht, wenn er mal stürzt, denn Täve hat auch nicht geweint", schreibt sie und gesteht, dass es ihr ein "Herzensbedürfnis ist, Ihnen etwas vorzuplaudern". Was auch ihr Ehemann tolerieren würde.

All diese Zeilen sind geeignet, dem jungen Mann aus Heyrothsberge die Brust schwellen zu lassen. Doch Schicksal, wie bist du so grausam: Er wird die Briefe nie lesen. Die Fanpost erreicht Mitte der 50er Jahre derartige Ausmaße, dass sie Schur beiseite legen muss. Täglich lassen dutzende Briefe, Telegramme und Karten den Postkasten überquellen.

Darunter sind nicht nur hingebungsvolle Liebesbekundungen, Fanpost von jungen Pionieren, gestandenen Arbeitern, warmherzigen Rentnern, sondern auch Schreiben mit offiziellem Briefkopf. Jugendbrigaden bitten darum, den Namen Gustav Adolf Schur tragen zu dürfen, die Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei lädt den "Meister des Sports" ins Kinderferienlager ein, damit er über seine Erlebnisse sprechen möge. "Das wäre ein guter Beitrag in der Erziehung der Schüler und Pioniere zu Mut, Ausdauer und Beharrlichkeit", schreibt kein Geringerer als VP-Chefinspekteur Hans-Hugo Winkelmann.

All diese Post mit rund 6700 Einzelstücken (!) verschwindet Jahrzehntelang auf Täve Schurs Dachboden in Heyrothsberge. Einen Großteil wird der Weltmeister nie öffnen.

Der zeitgeschichtlich wertvoller Inhalt wurde erst mit Gründung des Friedensfahrtmuseums an das Licht der Öffentlichkeit befördert. Und dass im wahrsten Sinne des Wortes.

Kostenlose Projektierung des Eigenheims

Museumsgründer Horst Schäfer erinnert sich noch gut daran, wie die Post 2002 in einem grünen Seesack angeliefert wurde. Der sei so schwer gewesen, dass es Mühe bereitete, ihn die Museumstreppe hochzuschleppen. Später folgte noch ein alter Pappkoffer. Vereinsmitglied Renate Schröder ordnete die Post nach Themenbereichen: "Geburtstag", "Kinder", "Verehrerinnen", "besonders nette Exemplare" und "etwas zum Schmunzeln". So wird dem Sportler vom der Rat des Kreises Burg "ein Rehbock zum Abschuss" angeboten, die LPG Aschersleben schickt einen Ferkel-Gutschein. Doch es kommt noch besser: Der Industriebau Magdeburg hatte Wind von Schurs Eigenheimbau-Absichten bekommen. In dem Schreiben heißt es: "Das Entwurfsbüro bittet Sie … als äußeres Zeichen unserer Verbundenheit zu Ihnen, von uns die Projektierung … kostenlos durchführen zu lassen."

Auch dieser Brief wurde erst geöffnet, als Schurs Haus fast 40 Jahre alt war.

Die ungeheure Popularität des Weltmeisters versuchen aber auch Zeitgenossen für sich auszuschlachten . So bittet ein Wittenberger Fuhrbetrieb darum, dass Täve seine Beziehungen zum Erwerb eines "Wartburg" spielen lassen soll. "Ich gebe Dir für Deine Bemühungen DM 1000", heißt es. Eine Praxis, die in den kommenden 30 DDR-Jahren zur Normalität werden sollte.

Der überwiegende Teil dieser postalischen Sammlung verdeutlicht, dass die Menschen der 50er Jahre Täve Schur echte Sympathie und Bewunderung entgegenbrachten. Täve, dem Superstar jener Zeit.

 

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