Staßfurt. Der SPD-Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel besuchte am Montag gemeinsam mit dem scheidenden Landtagsabgeordneten Manfred Püchel, dem SPD-Landtagskandidaten Niko Zenker und SPD-Kreischef Markus Bauer das Sodawerk in Staßfurt.

Die Geschäftsführung informierte den äußerst wissbegierigen Bundespolitiker über die Entwicklung des Chemiebetriebes vor und nach der Wende. So erfuhr Gabriel unter anderem, welche großen Anstrengungen notwendig waren, um das Unternehmen vor der Schließung zu bewahren. "Unsere Rettung war, dass wir auch schon damals ein wettbewerbsfähiges Produkt hergestellt hatten", sagte Geschäftsführer Ulrich Eichhorn. Die vorhandene Technik sei aber größtenteils schrottreif gewesen. Heute arbeiten in dem zum polnischen Ciech-Konzern gehörenden Unternehmen rund 300 Mitarbeiter und im Umfeld weitere 200. Zu DDR-Zeiten waren es 1300 Beschäftigte, sagte Eichhorn.

Mit großem Interesse ließ sich Gabriel als ehemaliger Bundesumweltminister über das rund 120 Millionen Euro teure Modellprojekt des Sodawerkes mit dem Energieriesen RWE berichten. Es soll Möglichkeiten aufzeigen, wie man überschüssige Energie der Windkraftanlagen in alten Salzkavernen zwischenlagern und bei Bedarf wieder nutzbar machen kann.

"Das hat mich besonders interessiert, denn das ist ein großes Problem in Deutschland bei der Entwicklung der erneuerbaren Energien", sagte Gabriel, der von einem weltweit beachteten Projekt sprach. Es sei auch für Deutschland von großer Bedeutung, weil man damit Stabilität in den Netzen gewährleisten könne.

Darüber hinaus, so erfuhr der SPD-Chef, vergrößert RWE derzeit für rund 300 Millionen Euro in Neustaßfurt seinen Erdgasuntergrundspeicher.

Weiterhin sei man mit einem Investor in sehr engem Kontakt, der unter Nutzung der Abwärme des Sodawerkes auf einer Fläche von 20 Hektar Gemüse in Gewächshausanlagen anbauen wolle, informierte Eichhorn.

Von Gabriel auf die Zusammenarbeit zwischen Arbeitnehmervertretung und Geschäftsleitung angesprochen, sagte Betriebsratschef Peter König: "Wir haben ein partnerschaftliches Verhältnis." Im Rahmen eines Haustarifvertrages habe man sich verständigt, die Löhne und Gehälter zum 1. Januar um zwei Prozent und zum 1. Oktober noch einmal um 1,8 Prozent zu erhöhen, so König. Darüber hinaus gebe es eine betriebliche Altersversorgung. Im vergangenen Jahr hätten alle Kollegen krisenbedingt auf zehn Prozent ihres Lohnes verzichtet, um das Unternehmen zu retten. "Diese Maßnahme wurde vorfristig wieder aufgehoben", sagte König.

Lobend äußerte sich Gabriel darüber, dass das Sodawerk jährlich 50 bis 60 neue Lehrlinge ausbildet. "Das ist enorm, denn 75 Prozent der deutschen Betriebe bilden nicht mehr aus", sagte der SPD-Chef. Gute Lehrlinge zu bekommen, sei heute nicht ganz einfach, so die Geschäftsführung.

"Deshalb müssen wir mehr dafür tun, dass die Jugendlichen früher Erfahrungen mit Berufen sammeln. Wir können es uns in Deutschland nicht leisten, jedes Jahr 65 000 junge Menschen von der Schulbank zum Arbeitsamt zu schicken, ohne dass sie eine Beschäftigung bekommen. Und dann über Fachkräftemangel zu jammern. Das passt nicht zusammen", meinte Gabriel.