Calbe/Bernburg. Das immer wahrscheinlicher werdende Aus für den Saaleseitenkanal bei Tornitz wird im Salzlandkreis unterschiedlich bewertet. Während sich die Naturschützer, die sich seit Jahren gegen den Kanalbau einsetzen, freuen, verweist die Wirtschaft auf die ökonomische Bedeutung. Die Politik im Kreis ist zweigeteilt.

Das 19. Elbe-Saale-Camp, das auch in diesem Jahr vom gleichnamigen Aktionsbündnis organisiert wird, könnte ein Freudenfest für die Naturschützer werden. "So wie es aussieht, wird es kein 20. Fest geben müssen", sagte Jutta Röseler, eine der Hauptakteure. Die Barbyerin sitzt für die Grünen im Kreistag und freut sich nun über das Signal aus Berlin.

Der Bund will die Saale in einem noch durch den Bundestag zu beschließendem Konzept zur Reform der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung als Restwasserstraße einordnen. Damit würde der Fluss in die unterste Kategorie fallen und weder ausgebaut noch bewirtschaftet werden. Mit dieser Einteilung sinkt die Wahrscheinlichkeit gen Null, dass der Bund den Bau des Kanals bei Tornitz weiter vorantreibt. Eine offizielle Erklärung gab es vom Bundesverkehrsministerium aber noch nicht.

Allerdings sagte Sprecherin Marion Hoppen, dass die Saale aufgrund des derzeitigen Verkehrsaufkommens und der Wirtschaftlichkeit als Restwasserstraße eingeteilt wurde. In einem Scoping-Termin müsse noch der Rahmen für die Umweltverträglichkeitsprüfung des Vorhabens abgesteckt werden. Ob ein solcher Termin nach der Klassifizierung der Saale noch nötig wird, werde derzeit in Berlin geprüft.

"Wir begrüßen die Entscheidung, die Saale als Restwasserstraße einzuordnen", sagte Jutta Röseler. Trotzdem wird das Camp vom 23. bis 31. Juli in Barby stattfinden. "Es wird ein fröhliches Fest, zu dem wir auch die Minister Onko Aeikens und Thomas Webel einladen werden."

Letzterer kämpft als Verkehrsminister von Sachsen-Anhalt gegen das Aus. "Wir brauchen den Kanal, um die Saale von beiden Seiten schiffbar zu machen und den Hallenser Hafen an die Elbe anzubinden", erklärte Webel (CDU). Gegenargumente, das mehr als 100 Millionen Euro teure Projekt sei nicht wirtschaftlich, lässt Webel nicht gelten. "Eine Prognose, die dem Ministerium vorliegt, geht von einem Transportvolumen zwischen 2,5 und 3,6 Millionen Tonnen im Jahr aus." Bei drei Millionen Tonnen liegt die im Bund angenommene Grenze zur Wirtschaftlichkeit für Gütertransporte. "Auch aus ökologischer Sicht macht der Kanal Sinn. Verlagern die anliegenden Unternehmen doch einen Großteil ihrer Transporte von der Straße aufs Wasser."

Eines dieser Unternehmen ist das in Bernburg ansässige Chemieunternehmen Solvay. "Wir transportieren im Jahr 540000 Tonnen Schüttgut", sagte Werkleiter Thomas Müller. Die Hälfte davon würde Solvay mit 1000-Tonnen-Schiffen transportieren. "Zum Vergleich: Auf einen Lkw passen 30 Tonnen." Neben der Ersparnis an Kraftstoff verweist Müller auch auf die Entlastung der Stadt Bernburg.

Die hat auch Oberbürgermeister Henry Schütze (CDU) im Blick. "Der Kanal hätte uns als Industriestandort vorangebracht." Zwar werde das mögliche Aus nicht zu einem Abbruch führen, aber mit dem Kanal wäre Bernburg für Investoren noch attraktiver. "Die Initiative von Minister Webel, in Berlin für den Kanal zu werben, unterstütze ich."

Den wirtschaftlichen Vorteil eines Kanals sieht auch Calbes Bürgermeister Dieter Tischmeyer (parteilos). "Wir denken darüber nach, ob und wie sich die Revitalisierung des Industrieparks Calbe organisieren lässt. Eine durchgängig schiffbare Saale würde ein gutes Argument sein, um Investoren anzulocken." Im Umkehrschluss habe das Aus für den Kanal aber keine Bedeutung für die Entscheidung, wie es mit dem Industriepark weitergeht.

Auch für den stellvertretenden Landrat Ulrich Reder steht der wirtschaftliche Aspekt oben auf der Liste pro Kanal. "Ich weiß um die unterschiedlichen Meinungen in den Altkreisen Schönebeck und Bernburg." Während im Schönebecker Raum die Gegner die Mehrheit bilden, wie ein Kreistagsbeschluss vor der Gebietsreform belegt, stimmte der Bernburger Kreistag für den Kanal. Nach der Fusion gab es vom Kreistag ein mehrheitliches Votum für den Bau.

Als Dezernent für die Kreisentwicklung, dem auch die Wirtschaftsförderung untersteht, spricht sich Reder klar für den Kanal aus. Das Argument des Millionengrabes lässt er nicht gelten. "Die Schifffahrt wird sich auf Flachwasser einstellen, und die wirtschaftlichen Berechnungen sind positiv." Der Bund sollte, statt den Ist-Zustand als Grundlage für die Entscheidung zu nehmen, das Chancenpotenzial einfließen lassen.

"Einen vernünftigen Nachweis der Wirtschaftlichkeit ist dieses Projekt bis jetzt schuldig geblieben", erklärt Burkhard Lischka. Der SPD-Bundestagsabgeordnete sieht die Gefahr der Fehlinvestition. Trotzdem verstehe er und unterstütze, dass sich die Landesregierung gegen die Abklassifizierung ihrer Wasserstraßen ausspricht. Trotzdem: "Dem Saalekanal weine ich persönlich keine Träne nach."

Geteilt ist die Meinung der Landtagsabgeordneten, die für den Schönebecker Raum auch im Kreistag sitzen. Während Sabine Dirlich (Die Linke) und Petra Grimm-Benne (SPD) das Signal aus Berlin, das Projekt nicht weiter zu verfolgen, klar begrüßen, hält sich Gunnar Schellenberger (CDU) in seiner persönlichen Meinung zurück. "Die Landesregierung macht sich für den Kanal stark." Er fordere eine zügige Entscheidung vom Bund zum Vorhaben. So steht es auch im Koalitionsvertrag. Ob er für oder gegen den Bau ist, ließ Schellenberger offen.

Auf den Koalitionsvertrag verweist auch Ernst-Paul Dörfler, Streiter in der ersten Reihe gegen den Kanal. "Dort steht nicht, dass das Land für den Bau ist. Dass Herr Webel nicht begriffen hat, dass sich die ökonomische Vernunft durchgesetzt hat, bedauere ich sehr", sagte der Projektleiter "Elbe-Insel" vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland.