Weinbaufreunde aus Bernburg haben einer bisher unbekannten Rebsorte wieder neues Leben eingehaucht. Ihnen ist nach der Neuentdeckung die Nachzucht der alten Rebsorte geglückt. Und auch das edle Tröpfchen der Trauben kann schon probiert werden. Gestern feierte der Rote Aderstedter, so der Name der regionalen Rarität, mit einer kleinen inoffiziellen Jungweinprobe Premiere.

Bernburg/Aderstedt. Es ist 9.30 Uhr in der Früh und der ersten Korken floppt. Im Gewölbe von Chefkellermeister Volker Wand haben es sich drei Herren der Fachgruppe Weinbaufreunde vom Bernburger Heimatkreis "Untere Saale" gemütlich gemacht. Sie haben was zu feiern. Wein wird zum Pressetermin ausgeschenkt. "Schmecken Sie die leichte Minz-Note im Abgang?", fragt Wand in die Runde. Ein bisschen duftet der Rosé-Wein auch danach. "Dadurch wird er sich von anderen Weinen abheben. Er wird ein unverwechselbares Aroma haben", ist der Mann vom Heimatkreis überzeugt. Auch davon, dass die Farbe noch etwas kräftiger wird. "Der Wein ist ausbaufähig", stimmt Bernhard Gremmler, Chef vom Bernburger Heimatkreis, zu. Immerhin handele es sich um den ersten Versuch, also eine ganz neue Kelterung, erklärt er, in Fachkreisen auch Premierenkelterung genannt.

Der Wein aus der Flasche, die auf dem Tisch vor den Männern steht, ist das Ergebnis der ersten Lese einer wieder entdeckten Rebsorte. 1997 kam Baumschulbesitzer Bernd Nordmann ihr auf die Spur.

"Vielleicht war es der letzte Weinstock seiner Art."

"Das war eine ganz zufällige Geschichte", erinnert er sich an einen Spaziergang in Aderstedt, einem Ortsteil der Stadt Bernburg. Auf dem alten Weinberg entdeckte er in dem Dorf, es muss im Oktober gewesen sein, eine rote Weintraube. "Die Blätter der Pflanze waren leuchtend hellgrün und kerngesund. Ich habe die Früchte gekostet und ein paar zum Probieren mit nach Haus genommen, sie hatten einen besonderen, aber leckeren Geschmack, irgendwie nach Minze", denkt er zurück. Auch kann er sich entsinnen, auf dem ersten Spaziergang nur die Rebe, nicht aber den Ursprung der Pflanze, also den Rebstock, gesehen zu haben. Pflanzenfachmann Nordmann, von der ersten Kostprobe begeistert, beschloss, die neu entdeckte Rebsorte nachzuziehen. Mittels Steckholzvermehrung. Im darauf folgenden Frühjahr schnitt er insgesamt zwölf Hölzer, bei zweien hatte er Glück, die Pflanzen entwickelten sich. 1998 trugen sie erstmals Früchte. "Wir haben daraus erstaunlich viel Marmelade gekocht." Aber zum Keltern habe der Ertrag damals noch nicht ausgereicht. Die Weinbaufreunde, ebenfalls Feuer und Flamme für Nordmanns Fund, wollten weitere "Abkömmlinge" der Mutterpflanze.

Nordmann zog 1999 wieder los. In Aderstedt dann die Ernüchterung: "Die Mutterrebe war vertrocknet und abgestorben. Nun habe ich geschaut, wo der Stock ist", so Nordmann. Mit Erschrecken habe er feststellen müssen, dass jemand versucht hatte, die Wurzeln der Pflanze heraus zu reißen. "Damit war mein Traum erstmal geplatzt. Der Rebstock war weg." Nordmanns einzige Hoffnung: die zwei Nachkommen daheim. Die waren mittlerweile auch schon so weit, dass Hölzer geschnitten werden konnten. Natürlich nicht in der Masse, wie es von der ursprünglichen Rebe möglich gewesen wäre, bedauert der Bernburger.

Mittlerweile befinden sich 36 Nachkömmlinge in der Anzucht. Einige wurden auch schon an Sammler abgegeben.

Der Verein hat zudem Nachforschungen zur Historie der wieder zum Leben erweckten alten Rebsorte angestellt. Zudem wurden Rebzuchtinstituten deutschlandweit kontaktiert, um herauszufinden, um was für einen Wein es sich handelt. Bisher sei noch keine vergleichbare Sorte gefunden worden, so das Ergebnis. Der Fund sollte aber nicht ohne Bezeichnung bleiben. Die Begründer aus Bernburg tauften die Pflanze nach ihrem Fundort und der Farbe ihrer Trauben auf den Namen "Roter Aderstedter".

Was seine Vergangenheit anbelangt, so gehen sie davon aus, dass der Wein verwandt ist mit dem "Blauen Bernburger", eine Rebsorte, die in Bernburg erstmals 1777 angebaut wurde und die der Verein seit 2003 wieder professionell vermehrt. Der Verein geht davon aus, dass beide Pflanzen der Gattung der amerikanischen Rebsorte "Vitis labrusca" entspringen.

"Wir keltern damit eine sehr alte Rebsorte", steht für Bernhard Gremmler fest, dass der Rote Aderstedter eine lange Geschichte hat. Er erklärt zum Hintergrund: Die erste Nennung des Weinbaus in der Region rund um Bernburg gehe zurück bis ins Jahr 973. Die letzte namentliche Erwähnung eines Weinberges stamme aus dem Jahr 1911. Allerdings sei der Weinbau nicht durch den Einfall der Reblaus ausgestorben. Allein wirtschaftliche Gründe hätten dazu geführt. Wegen der hohen Anzahl von Import-Weinen aus dem Ausland habe sich der Anbau für die Kleinwinzer nicht mehr gelohnt, weiß Gremmler.

Vor zehn Jahren gründete sich im Bernburger Heimatkreis die Fachgruppe Weinbaufreunde, seit acht Jahren läuft die Nachzucht des guten Blauen. 2003 ist das Jahr, in dem die erste Rebe verkauft wurde. Mittlerweile ist die Nachfrage riesig. Jungpflanzen finden Absatz, nicht nur in der Region, auch im Ausland. In diesem Jahr hat Nordmann rund 1000 neue Pflanzen im Angebot.

"Ich denke, der Rote aus Aderstedt wird der absolute Renner."

Für den Entdecker des Roten Aderstedter ist sein Erfolg schon jetzt sicher. Auch wenn die Nachzucht nur langsam voran schreiten kann, da wenig "Material" zur Verfügung stehe. "Ich denke, der Rote aus Aderstedt wird der absolute Renner, vielleicht toppt der den Blauen Bernburger sogar", spekuliert Nordmann, denn es gebe so viele Sammler, die schon jetzt Interesse angemeldet haben. Umso wehmütiger stimmt ihn die Tatsache, dass es die Mutterpflanze in Aderstedt nicht mehr gibt. "Vielleicht war es der letzte Stock seiner Art. Hätte ich ihn nicht gefunden, wäre er weg, für immer."

Auch die Premiere zur Jungweinprobe gestern wäre dann ausgefallen. Am Sonntag soll sie fortgeführt werden. Nicht nur mit dem Tröpfchen aus Aderstedt in Rosé. Die sieben Kleinkellermeister vom Verein tischen ihre neuesten Meisterwerke auf. "Zum Erfahrungsaustausch", sind sich die drei Vortester einig. Na dann, Prost!

   

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