"Jetzt ist die Innenstadt so, dass man darauf aufsetzen kann. Die Stadt hat Vertrauen verdient", rief Martin Kriesel den Teilnehmern des 5. Staßfurter Architektursalons im Tillysaal zu. Der Ex-Bürgermeister zog aus ganz persönlicher Sicht Bilanz, was die Internationale Bauausstellung (IBA) seinem Heimatort gebracht hat. Zuvor gab Gerald Meyer, Chef des hiesigen Bergmannsvereins, einen Einblick in den Staßfurter Kali- und Steinsalzbergbau von dessen Aufbruchstimmung wie am Klondike bis zu seinem bitteren Ende.

Staßfurt. Gerald Meyer erzählte von der Pionierzeit des Kalibergbaus, von der wohl zeit- und kostenaufwändigsten Bohrung der Branche, die Mitte des 19. Jahrhunderts zwölf Jahre dauerte und dann doch nichts Zählbares brachte. Er interessierte für den Ausbruch des "Chlor-Kalium-Fiebers", das nach erfolgreicher Teufe des ersten Kalischachts der Welt am 31. Januar 1852 schnell grassierte wie einst das Klondikefieber der Goldsucher in Nordamerika. Meyer erinnerte an das "hochgebildete, technische Multitalent" Dr. Adolph Frank, das Staßfurt mit der Entdeckung des Kalis als Dünger so berühmt machte.

"Um 1875 waren die Grubenfelder noch klein, Gebirgsschläge und Wassereinbrüche noch nicht bekannt", hören die Architektursalon-Teilnehmer. Es habe nicht lange gedauert und Staßfurt wurde "Königin der europäischen Salzwerke". Aber da schon begannen Bergleute, die Abbau-Parameter als kühn zu bezeichnen. Mit der immer größer werdenden Gier nach dem Salz war die Katastrophe vorprogrammiert, die keine 50 Jahre nach der ersten Bergwerkseröffnung ihren Lauf nahm. Viel zu schmale Pfeiler brachen zusammen. Die ab etwa 1900 geschriebene Liste der abgesoffenen und gefluteten Schächte wurde immer länger, bis schließlich 1972 der letzte Hunt an die Oberfläche geholt wurde. Die schlechten Bergbau-Erfahrungen forderten ihren Tribut. Der Häuserverlust durch die Bergsenkungen ist noch immer vielfach sichtbar.

Gerald Meyer zeigte dennoch voller Stolz auch alte Fotos von nicht weniger stolzen Bergleuten – Hauer bei der Arbeit, auch beim Pausenbier – und von der einstigen Pracht des Knappensaals untertage mit einem Leuchtturm aus purem Steinsalz. Er charakterisierte den Menschenschlag von hier weiter. So hätten sie 1928 aus der Not eine Tugend gemacht, als der große Tagesbruch bei Leopoldshall nach einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme als Strandsolbad eröffnet wurde.

Und ähnlich gingen die Staßfurter Jahrzehnte später erneut ans Werk, nachdem die Innenstadt wegen der folgenschweren Bergsenkungen und Vernässungsprognosen behördlicherseits quasi schon dem Untergang geweiht war.

Gerald Meyer vergaß nicht zu erwähnen, dass der Staßfurter Bergbau mit der Solegewinnung für die Sodaproduktion weitergehe. Auch das moderne Gaskavernenfeld würde ohne Staßfurter Salzsattel nicht existieren.

Martin Kriesel erinnerte in seinem Vortrag daran, wie hart der Weg auch nach der Wende oft war. Vom drohenden Untergang zu einer Stadt zu kommen, die sich mit allen Problemen auseinandersetzt, ob Bergbaufolgen oder demografische Entwicklung. Und die sichtbaren Erfolg verbuchen kann. Das zumindest werde ihm immer wieder auch von Leuten bestätigt, wenn er am Stadtsee weile.

"Zwei Herzinfarkte und eine Gallen-OP haben sich gelohnt."

"Der Stadtsee in abgespeckter Form, das war Herausforderung und Kernstück der IBA-Projekte und bedeutet eine neue Identifikation für die Staßfurter", erklärte Kriesel. Der See werde angenommen. Er verwies auch auf die Einbeziehung des Gewässers bei "Staßfurt in Flammen". Martin Kriesel erwähnte auch die ersten Vorhaben der Stadt nach der Wende, für die er selbst im roten Dienst-Wartburg bei Bundesministern und auch Planungsbüros in Niedersachsen vorfuhr.

Der Ex-Bürgermeister erinnterte an den Kampf, den er teilweise um Immobilienpreise mit der Treuhand ausfocht wie bei der alten Schumann-Tankstelle, um Baufreiheit für die Lehrter Straße zu schaffen.

Den Forschungsverbund, der festgestellt hat, dass die Innenstadt doch bebaut werden kann, hätte Martin Kriesel gern schon 20 Jahre eher erlebt. "Dann hätte ich noch mehr gekämpft." Vertrauen zu wecken bei Investoren, die Innenstadt zu beleben, sei nicht einfach gewesen ohne solche Ergebnisse wie vom Forschungsverbund.

Auf den Tisch habe er hauen müssen beim damaligen Ministerpräsidenten, bis endlich eine interministerielle Arbeitsgruppe gebildet wurde, die sich mit den Staßfurter Problemen beschäftigte. "Und von Stund‘ an ging es vorwärts, auch mit Fördermitteln", erinnerte der Redner. Auch daran, dass er gegen Widersacher kämpfen musste, die der Stadt sogar zahlreiche Gerichtsverfahren beschert hätten, bei denen die Stadt allerdings Recht behielt.

"Zwei Herzinfarkte und eine Gallen-OP haben sich gelohnt", was er seinem Nachfolger natürlich nicht wünsche. Vielmehr wünsche er René Zok, dass er die Partnerschaft zu denjenigen pflegen solle, die daran beteiligt waren, die Stadt so zu gestalten wie sie jetzt ist. Denn: "Die IBA kann und darf nur der Anfang sein. Mit dem heutigen Tag ist der IBA-Deckel eigentlich zu." Er hoffe, dass die Mittel noch kommen werden, die bis jetzt nicht verbaut wurden.

Martin Kriesel dankte allen Beteiligten an der Umgestaltung, von Planern und Firmen über die Staßfurter Wohnungsverwalter bis hin zu seinen ehemaligen Kollegen, zusammengefasst: "allen Partnern, die trotz massiven Gegenwinds bis vor Gericht zur Stadt gestanden haben".

Abschließend riet der Staßfurter, die Stadt solle doch eine Arbeitsgruppe einsetzen und zusammen mit Privaten Aquise betreiben, um gegen Leerstand und Freiflächen verstärkt etwas zu unternehmen. "Die Stadt hat das Vertrauen verdient."

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