In der Werkstatt von Tischlermeister Michael Rücker in Winningen entsteht derzeit eine neue Treppe für das Schloss in Hohenerxleben. Die Arbeit ist eine besondere Herausforderung, die Kreativität und hohes handwerkliches Können von den Arbeitern abverlangt. In diesem Monat soll die neue Treppe in den Westflügel des historischen Gebäudes an der Bode eingebaut werden

Hohenerxleben ( dw ). " So einen Auftrag hat man nur einmal im Leben ", schwärmt Michael Rücker. Der Tischlerhandwerksmeister steht vor einer Treppe, deren Ausmaße staunend machen. Sie reicht bis unter die Decke seines Betriebes in Winningen. Die Treppe ist für das Schloss in Hohenerxleben bestimmt. Insgesamt 22 Stufen führen in 4, 30 Meter Höhe, sie drehen sich um 450 Grad. Seit gut drei Wochen arbeiten Thomas Weise und Axel Kühne zusammen mit Michael Rücker an dem guten Stück. Die Eichentreppe wird in diesem Monat ihren Platz im Eingangsbereich des vorderen Westflügels im Schloss finden. Sie ersetzt dann eine Vorgängerin aus Kiefernholz. Die hat ihre besten Tage bereits lange hinter sich, war verschlissen und kurz bevor die Stiftung Theatrum Herberge in das Schloss zog Ziel eines Vandalismusaktes. Ein Ersatz war eine Frage der Zeit und des Geldes – die Bedingungen jetzt sorgten für die Gunst der Stunde.

" Das Bauwerk muss beim ersten Versuch gelingen ", war Rücker von vornherein klar. Dazu gab es nicht zuletzt wegen der Kosten keine Alternative. Rund 14 000 Euro kostet die Treppe, 12 000 Euro kommen von der Sparkassenstiftung, den Rest teilen sich das Ensemble Theatrum und die Stiftung des Hohenerxlebener Schlosses. Die hölzerne Stiege soll die erste Etage mit dem darüber liegenden Künstlerbereich verbinden.

Funktionalität und Schönheit
" Das große Ziel war, dass die neue Treppe mehr Kopffreiheit bieten sollte als die alte ", erklärt Rücker. Gerade weil das Ensemble Theatrum, das im Schloss seine künstlerische Heimat und Spielstätte gefunden hat, sowie Gäste hier unterwegs sind, Requisiten, Instrumente und Bühnenteile transportiert werden müssen, war ein Höchstmaß an Bewegungsfreiheit nötig, geht doch der Nutzer einmal komplett unter den Stufen hindurch.

Dem Tischlermeister war klar, dass mit Maßarbeit die Sache allein noch nicht getan war. " Ein Blick ins Treppenhaus zeigte, alles ist außer Winkel. " Zwar gebe es Faustregeln für einen Treppenbau, so Rücker, der sein Unternehmen seit 1990 führt und sich inzwischen auf Restaurationsarbeiten spezialisiert hat, doch ein Schloss stelle eine andere Herausforderung dar. Funktionalität müsse neben Schönheit stehen, alles den strengen Denkmalschutzauflagen Genüge tun. " Längst sind Treppen nicht mehr nur Bauelemente, schon gar nicht in einem historischen Gebäude, sondern Möbelstücke, Schmuck ", sagt der Tischler. Ein Grund, weshalb sich Meister seiner Zunft noch vor den Zimmermännern mehr und mehr dieser Kunst verschreiben.

Und mit welcher Leichtigkeit und schöpferischer Finesse Michael Rücker diese Arbeit ausführt, begeistert auch die Hohenerxlebener Auftraggeber, die Zuverlässigkeit und Fantasie des Meisters schätzen, der 15 Mitarbeiter und drei Lehrlinge beschäftigt.

Gute Zusammenarbeit im Sinn der Sache
Seit rund 13 Jahren arbeitet Rücker mit der Schloss Theatrum Herberge Hohenerxleben Stiftung zusammen. Türen und Fenster hat er im Schloss restauriert, deckte schon rund 12 000 Quadratmeter Dach auf Ostflügel und Mitteltrakt des Gebäudes ein, fast ein bisschen selbstlos, weil die Finanzierung dazu neu aufgerollt werden musste und zum Entscheidungszeitpunkt alles andere als sicher war. Noch in der Nacht von Sturmtief " Kyrill " stand Rücker an der Schlosspforte um zu schauen, ob alles heil geblieben ist. " Gesucht und gefunden ", nicht anders kann deshalb Heinrich-Dieter Funke, Geschäftsführer der Schloss Theatrum Herberge Hohenerxleben Stiftung, die Zusammenarbeit bewerten. " Das Schloss setzt Gegebenheiten vor, die oft mehr brauchen als konventionelle Lösungen ", sagt er. " Michael Rücker bereitet es Freude, ungewöhnliche Lösungen zu finden. Er besitzt ein hohes Maß an Fachkompetenz und sucht immer auch das Gespräch, nicht für Kompromisse, sondern für bestmögliche Ergebnisse. "

Die Treppe steht, in der Werkstatt zumindest, und ist bereits begehbar. Jetzt kommen noch passende Handläufe dazu, schließlich wird alles mit einer Schutzlasur behandelt.

Großes Fest zur Einweihung
Der Originalnachbau wird dann in seine Einzelteile zerlegt und ins Schloss Hohenerxleben gefahren. Drei Tage Zeit werde der Aufbau in Anspruch nehmen, ist sich Rücker gewiss. Dann müssen sich Heinrich-Dieter Funke und seine Künstlerschar noch Gedanken machen, wie Wände verputzt und gestaltet werden. Doch im Schloss weiß man schon jetzt, dass ein großes Fest gefeiert wird, wenn alles fertig ist.