Besonders engagierte Frauen hat der Landkreis dieses Jahr bereits zum zweiten Mal mit dem Preis Salzlandfrau geehrt. Die Volksstimme stellt die ausgezeichneten Frauen 2010 in Einzelporträts vor. Heute die Schönebeckerin Ingelore Gießmann, die seit fünf Jahren ehrenamtlich die Kleiderkammer leitet.

Schönebeck. Als Ingelore Gießmann von Anneliese Klose, Leiterin der Selbsthilfegruppe Glücksklee, zur Frauentagsfeier im Salzlandtheater Staßfurt eingeladen wurde, war ihre erste Frage, ob sie für die Feier Kuchen backen solle. Und als sie dann noch hörte, dass auch Frauen an diesem Tag geehrt werden, sagte sie nur bedingt zu. " Wenn ich da auf die Bühne muss, will ich da nicht hin "

Als Schönebecks Oberbürgermeister Hans-Jürgen Haase die Laudatio für die nominierte Schönebeckerin spricht, die bis dato nichts von ihrem Glück wusste, und das Wort Kleiderkammer fällt, dämmerte es der 56-Jährigen. Tränen stehen ihr in den Augen, die Hand vor dem Gesicht, schüttelt sie immer wieder den Kopf, kann es nicht fassen. Zurückhaltend nimmt sie den Preis auf der Bühne entgegen und verlässt diese auch gleich wieder ohne große Worte. So ganz versteht sie wohl den Trubel um ihre Person nicht. " Ich wurde noch so erzogen, dass ich anderen helfe ", erklärt sie ganz selbstverständlich ihr soziales Engagement.

Seit fünf Jahren leitet sie ehrenamtlich die Kleiderkammer der Malteser in Schönebeck. " Und keiner geht bei ihr ohne Hilfe davon ", weiß die Leiterin der Selbsthilfegruppe Glücksklee, deren Mitglied Ingelore Gießmann seit 1996 ist. Sie verbringt mindestens vier Tage die Woche dort, nicht selten ist sie auch sonnabends hinter ihrer Nähmaschine anzutreffen. Denn die Mutter von drei Kindern und Oma von sechs Enkeln sammelt nicht nur Kleider und andere Dinge des persönlichen Bedarfs, sondern arbeitet diese auch sorgfältig auf. Knöpfe werden angenäht, Säume nachgearbeitet, Gürtel gekürzt, neue Reißverschlüsse eingesetzt, Teddy-Bären geflickt oder auch mal eine Gardine hergerichtet. " Sie macht einen Vollzeitjob und spielt das gerne runter ", meint Ingelore Gießmanns Tochter Sybille König.

Die 56-Jährige ist eine Frau, die aus der Praxis kommt und gelernt hat anzupacken, wenn Not am Mann ist. " Mit der sechsten Klasse beendete ich die Schule, arbeitete dann bei der Reichsbahn und schließlich in der LPG bei der Kälberaufzucht bis zur Wende ", berichtet die Rentnerin. Wegen einer Krankheit darf sie nur noch leichte Arbeiten verrichten, doch rasten möchte sie deshalb nicht. " Sachen von Spendern abholen, die nicht mehr richtig laufen können, kann ich auch mit einem Kinderwagen ohne große Anstrengung ", meint sie dazu nur.

Neben der Kleiderkammer besucht sie mit der Selbsthilfegruppe Bewohner im Schönebecker Pflegeheim Burghof oder bietet auch Vereinen oder Kindergärten Unterstützung. " Ich kann eben nicht nein sagen ", lächelt sie und winkt ab als ob das alles nicht der Rede wert wäre.

In der Laudatio von OB Haase heißt es : " Sie verkörpert die in unserer Gesellschaft eher seltene Fähigkeit, persönliches Engagement mit sozialer Kompetenz zu verknüpfen ". Was damit gemeint ist, erkennt man schnell, beobachtet man sie bei ihrer Arbeit in der Kleiderkammer. Ständig öffnet sich die Tür, Leute treten ein und schauen sich um. Fast jeden kann Ingelore Gießmann mit Namen begrüßen, kennt Sorgen und Nöte. Als eine Dame eintritt, tippt sie ihre Tochter Sybille an und sagt : " Sie mag so gern Trachten, ich glaub, da hatte ich etwas weggelegt, schau doch bitte mal nach. " Sybille kommt mit drei Kleidungsstücken im Arm wieder und die Dame betrachtet begeistert die Sachen. Jetzt lächelt auch Ingelore Gießmann. " Meine Freude ist es, anderen zu helfen. "

Als einer der ereignisreichsten Monate wird Ingelore Gießmann wohl den März 2010 immer in Erinnerung behalten, denn diesen Monat besteht die Kleiderkammer fünf Jahre. Sie selbst feiert ihren Geburtstag und wurde Salzlandfrau 2010.