Die Industriegeschichte der Rundfunk- und Fernsehtechnik gehört zur Stadt wie kaum eine zweite in Staßfurt. Der Hobbyhistoriker Ernst Laue hat jetzt ein besonderes Kapitel aufgeschlagen und die Zeit von 1938 bis 1945 untersucht. Zur zivilen Produktion, die bis zum Ende des Krieges immer mehr gegen Null gefahren wurde, kam auch die zu Kriegszwecken. Die Staßfurter Rundfunktechnik ( StaRu ) entwickelte elektronische Steuerungseinrichtungen für Fernlenkwaffen. Der Verein der Staßfurter Rundfunk und Fernsehfreunde freut sich, die Arbeit Ernst Laues zuerst in Besitz nehmen zu dürfen.

Von Daniel Wrüske

Staßfurt. " Geheime Kommandosache – ein Arbeitsbericht von 1938 bis 1945 " ist der Titel einer Arbeit, die Ernst Laue den Freunden der Staßfurter Rundfunk- und Fernsehtechnik überreicht hat. Der jetzt in Bremen lebende Staßfurter Hobbyhistoriker hat darin einen spannenden und bisher wenig beachteten Abschnitt in der Geschichte der Staßfurter Fernseh- und Radioproduktionsstätten bearbeitet. Die Zeit des Krieges. Sie war geprägt vom Ausnahmezustand. Die zivile Produktion von Staßfurt Imperial ging weiter, wenn auch eingeschränkt. Streng geheim wurde in den Hallen und unter dem Namen Staßfurter Rundfunktechnik ( StaRu ) aber an Technik ganz anderer Bestimmung gearbeitet. " Hier wurde auf dem Gebiet der elektronischen Steuerungseinrichtungen für Fernlenkwaffen geforscht, entwickelt und konstruiert ", erklärt Franz Korsch vom Vorstand des Vereins. Ergebnis sollte eine höhere Effizienz von Bomben sein, indem man ihre Zielgenauigkeit erhöht. Bei allen grausamen Zusammenhängen, technisch war man in Staßfurt der Zeit wie auch später bei der Farbfernsehproduktion, weit voraus. Viele Mitarbeiter wurden dienstverpflichtet, um den Fortschritt voranzutreiben, von dem Führungseliten in Deutschland erhofften, das Blatt zu ihren Gunsten wenden zu können. Die Geschichte lehrte anderes.

Darauf kommt es Ernst Laue auch in seiner Ausarbeitung an. Doch ausschlaggebend war für den heute 88-Jährigen, dass er selbst alles hautnah miterlebte, dokumentarisch seine Erlebnisse der Nachwelt erhalten wollte. Die Arbeit war für ihn so etwas wie eine Reise in die eigene Jugend. Laue absolvierte in den Werken eine Lehre zum Technischen Zeichner und Rundfunktechniker. Später wurde er Maschinenbauingenieur.

An das Ende der 1930 er Jahre kann er sich noch genau erinnern. " Als der Krieg begann wurden viele Kollegen eingezogen und die jungen Leute mussten deren Arbeiten übernehmen ", erzählt der Hobbyhistoriker. Er hatte noch nicht einmal ausgelernt, da kam er schon in die Konstruktion. Nur ein enger Personenkreis, das wissen heute alle, die sich mit der Geschichte der Staßfurter Rundfunktechnik beschäftigen, wusste von den Arbeiten. Über allem lag höchste Geheimhaltung, die Mitarbeiter fertigten einzelne Teile, ohne zu erahnen, zu was sie zusammengefügt werden sollten.

Ein Kapitel der Staßfurter Rundfunktechnik, das lange der Aufarbeitung harrte. Ernst Laue hat sich an diese Arbeit gewagt und nahm die Herausforderung an. Fast das gesamte Jahr 2009 über recherchierte er und arbeitete den 73 Seiten starken Aufsatz aus. Ein " echter Kraftakt ", wie der Historiker es bezeichnet, der ganz auf sich allein gestellt forschte und gleichzeitig noch mit der Informationssammlung und -zusammentragung für das Staßfurter Straßengeschichtsbuch beschäftigt war. " Viel konnte ich aus meiner eigenen Erinnerung rekonstruieren ", sagt Ernst Laue. Aber auch andere Quellen standen ihm zur Verfügung, so die Fachliteratur, die einschlägig zur Thematik untersucht wurde. Außerdem suchte der Historiker die Korrespondenz mit Experten und Sammlern, um sein Kompendium zu ergänzen. So finden sich neben Texten auch technische Unterlagen, Schaltpläne und Bilder. Ernst Laue hat sie aus seinem eigenen Fundus. Er sammelt alles, was mit seiner Heimatstadt zu tun hat, und kann auch hier mit vielen kleinen Schätzen aufwarten. Schon das Titelblatt verspricht einiges.

Entstanden ist die Zusammenfassung einer wichtigen Epoche der Staßfurter Rundfunktechnik. " Ich habe bewusst nicht nur einen geschichtlichen Abriss darstellen wollen, sondern bin auch intensiv auf die Technik eingegangen, da es keine Chronik für diese Zeit gibt. "

Bei den Rundfunkfreunden findet das nur Anerkennung. " Ernst Laue ist es gelungen, ein geschlossenes Bild der Jahre wiederzugeben ", sagt Franz Korsch. Neben der zivilen Nutzung gab es auch eine andere, kaum erforscht aufgrund fehlender Informationen. " Ernst Laue ist Zeitzeuge und Wissensträger, einer von wenigen, die alles miterlebt haben. " Mit seiner Arbeit habe er den Verein in die Lage versetzt, Informationen zusammenzutragen, die man sonst heute kaum noch bekomme. " Und das mit Akribie, Zielstrebigkeit und unbändigem Fleiß. "

Darüber, so Vorstandsmitglied Franz Korsch, sei man bei den Rundfunktechnikfreunden, die in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen feiern, dankbar. Der Verein erstellt derzeit eine Chronik der Jahre 1945 bis zu den 90 er Jahren. Einen geschichtlichen Abriss der Gründungszeit gibt es bereits.