Heute feiert die gebürtige Förderstedterin Luise Paul im Pflegeheim Löbnitz ihren 109. Geburtstag. Sie ist damit der älteste Mensch in Sachsen-Anhalt.

Löbnitz / Förderstedt. Oma Paul sitzt im Sessel, ihr leerer Blick geht in die dezembertrübe Bodeaue, die sie von ihrem Zimmer aus sehen kann. Heute vor 109 Jahren wurde sie in Förderstedt geboren. Die Erinnerungen daran sind erloschen. So ewig weit liegt das zurück.

Die zierliche Frau brauchte in ihrem Leben nicht lange zu rechnen, wenn nach dem Alter gefragt wurde. " Ich ging immer mit dem Jahr mit ", sagte sie noch vor vier Jahren, als sie in das Pflegeheim " Haus Bodeblick " einzog. Verwandte, Freunde und Bekannte ihrer Generation sind schon seit mindestens 20 Jahren tot. Der Superlativ ihres biblischen Alters macht einsam. Da ist es eine Gnade, wenn die vielen Facetten des Lebens verschwimmen.

Am 16. Dezember 1900, als Luise geboren wurde, hatte Deutschland 56, 4 Millionen Einwohner mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 40 bis 50 Jahren. Die deutsche Volkswirtschaft überholt die westeuropäischen Staaten, die Jahrzehnte früher mit der Industrialisierung begonnen hatten, mit einem auffallend schnellem Wachstum.

Über die Hälfte aller deutschen Presseinformationen befassen sich mit der Familie von Kaiser Wilhelm II ., mit Nachrichten vom Hofe, mit Ordensverleihungen und Berichten über den Adel. Dabei leben nur 300 000 aristokratische und vermögende Familien im deutschen Kaiserreich.

Ferdinand Graf Zeppelin startet zum ersten Mal mit seinem Luftschiff LZ 1 am Bodensee. Im selben Jahr finden in Paris die II. Olympischen Spiele statt. Die amerikanische Mannschaft ist in der Leichtathletik allen anderen weit überlegen. Die deutsche Mannschaft erringt zwei Goldmedaillen. In der Schule lernt die kleine Luise das Lied " Der Kaiser ist ein guter Mann ". Als der Monarch abtritt, ist sie 18 Jahre alt, hat die Entbehrungen des Ersten Weltkrieges hinter sich. Damals ahnt sie noch nicht, dass ein noch schlimmerer Krieg folgen wird.

Bis vor vier Jahren lebte Luise Paul bei ihrem Sohn Alfred ( 74 ) und dessen Ehefrau Renate in Förderstedts Bahnhofstraße. Beide umsorgten die betagte Dame, die mit 104 sogar noch ihre Tageszeitung las. " Nur mit Radio und Fernsehen hatte sie schon vor einigen Jahren abgeschlossen. Das lag nicht am Desinteresse, sondern an ihrer Schwerhörigkeit ", erzählte Alfred Paul. Erst als seine Mutter eines Tages fiel und man im Krankenhaus einen Oberschenkelhalsbruch fürchtete, der aber Gott sei Dank keiner war, folgte man der Empfehlung des Sozialen Dienstes. Da die Pauls schließlich auch schon über 70 waren, wurde der Aufnahmeantrag für das " Haus Bodeblick " ausgefüllt. " Wir haben die Mutter sehr gerne, aber es musste ständig jemand in ihrer Nähe sein ", sagte ihr Sohn. " Wenn wir mal einkaufen waren und kamen eine halbe Stunde später, war sie schon ungeduldig. "

Das Leben der Förderstedterin verlief ähnlich, wie das vieler Frauen ihrer Generation. Nach dem Volksschulabschluss nahm Luise Rosemeier eine Tätigkeit als Haushaltshilfe bei einem Bierer Großbauern an. " Stellung " nannte man das damals, die Mädchen erlernten keinen Beruf, sondern wurden im Haushalt fit gemacht. Nach ihrer Heirat mit Reinhold Paul, der im Förderstedter Kalkwerk arbeitete, gebar sie zwei Söhne : Alfred und Otto. Neben der Tätigkeit als Mutter und Hausfrau half sie in der Landwirtschaft.

Ein besonderes Geheimnis ihres Alters gibt es nicht. Luise Paul hat sich durchschnittlich gesund und maßvoll ernährt. Auf die Tasse Kaffee und das Stück Kuchen am Nachmittag will sie auch heute nicht verzichten.

Auch wenn sie sehr schwer hört und auch das Sehvermögen stark eingeschränkt ist, hat sich die 109-Jährige ihren Stolz erhalten. " Wenn man Frau Paul mal beim Essen behilflich sein will, gefällt ihr das gar nicht. Da ist sie ganz eigen ", sagt Vize-Wohngruppenleiterin Kathrin Schwenke.