Seit 2002 verleiht die evangelische Landeskirche Anhalts am Reformationstag das " Anhalter Kreuz " an jeweils zehn Männer und Frauen aus Anhalt und würdigt damit ihr ehrenamtliches Engagement in Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen. Unter den Geehrten ist dieses Jahr Wolfgang Gemperlein aus Güsten, der seit Jahrzehnten die Gottesdienste im Pfarrbezirk auf der Orgel begleitet und sich um den Erhalt der Orgel in der Güstener Vitus-Kirche verdient gemacht hat.

Güsten / Bernburg. " An der Orgel faszinieren mich die vielen klanglichen Möglichkeiten. Wenn man spielt, muss man wissen, welche Register zueinander passen und wie der Klang erzeugt wird. " Wolfgang Gemperleins Begeisterung für die Königin der Instrumente, wie der große Wolfgang Amadeus Mozart die Orgel einst bezeichnete, ist ungebrochen. Schon als kleiner Junge ließ sich der heute 70-Jährige von Pfeifen, Registern, Manualen und Pedalen, von andächtigen Pianoklängen oder brausenden Akkorden gefangen nehmen. Kein Wunder : In Glauchau, seinem sächsischen Geburtsort, steht eine Orgel des berühmten Gottfried Silbermann in der Kirche. Da macht es schon besonderen Spaß, dem Kantor über die Schultern und auf die Finger zu schauen und seine musikalische Neugier zu stillen. Genau so war es bei Wolfgang Gemperlein. Und so dauerte es nicht lange, zumal der junge Mann auch in der Kurrende sang, bis er selbst Unterricht auf weißen und schwarzen Tasten vom Glauchauer Kirchenmusiker bekam. Zunächst aber nur auf dem Klavier. Das änderte sich mit dem Umzug nach Güsten Ende der 1960 er Jahre. Die Organistin der Güstener Vitus-Kirche wechselte nach Bernburg, die Stelle war vakant. Zwei Jahre lang nahm Wolfgang Gemperlein Unterricht in Bernburg bei Kantor Martin Hermann, jetzt Landeskirchenmusikdirektor in Dessau, machte sich mit den klanglichen Möglichkeiten und technischen Eigenheiten des Instrumentes Orgel vertraut und versah fortan die kirchlichen Feiern mit Musik.

Musik im Dienst

der Verkündigung

" Ich bin kein ausgebildeter Kirchenmusiker ", betont der Güstener bescheiden, doch die Gemeinde weiß um seinen wichtigen Dienst. Und auch ihm ist bewusst, dass das gottesdienstliche Orgelspiel mehr als nur ein Hobby ist.

Die evangelische Kirche betont neben dem Wort des Evangeliums und der Textauslegung in der Predigt vor allem die Musik, das gemeinsame Singen der Gemeinde. Diesen Ernst erkennt Wolfgang Gemperlein, tut sein bestmögliches, um die Andachten und Gottesdienste würdevoll zu gestalten. " Ich übe mehrere Stunden vor den Feiern ", sagt er. Alles stehe im Dienst der Verkündung und der Erbauung der Gemeinde. Immer gibt es ein Wochenlied, dazu gehören entsprechende Orgelvorspiele. Auch zum Einund Auszug des Pfarrers und beim Abendmahl erklingt Musik. Lieblingskomponisten hat der ehrenamtliche Musiker nicht. " Es gibt von vielen schöne Stücke ", sagt er, nennt aber Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn Bartholdy.

Neben dem musikalischen Herzen schlägt auch ein technisches in der Brust des Güsteners. Wolfgang Gemperlein wollte Elektroniker werden, durfte es aber Anfang der 50 er Jahre nicht, weil die DDROberen lieber Frauen in dem Beruf sehen wollten. Also wurde er zunächst Chemiefacharbeiter und Laborant. Dann ging er freiwillig zur Armee, weil sich hier die Möglichkeit auftat, in einer Umschulung doch noch zu seinem Traumberuf zu kommen. Er wurde Funkmechaniker und erhielt einen Facharbeiterabschluss. Sein Beruf verschlug ihn auch nach Staßfurt in das Fernsehgerätewerk, wo er Meister wurde und 1973 einen Fachschulabschluss nach vorangegangenem Fernstudium absolvierte. Spätere Arbeitsstationen führten ihn in die Eisenbahnerstadt Güsten, die Reichsbahn hatte neue Lokomotiven, deren komplizierte Technik von Experten betreut werden musste. " Ich habe sogar eine Lokführerprüfung gemacht ", schmunzelt Gemperlein, der verheiratet und Vater von vier Kindern ist. Sein technisches Verständnis und seine beruflichen Fähigkeiten nützen ihm auch an der Orgel. Besser : Bei der Wartung und Instandhaltung ihres Innenlebens. In der Vitus-Kirche steht ein Instrument der Dessauer Firma Fleischer und Kindermann aus dem Jahre 1916. Damals war ihr pneumatisches System, das eine leichte Spielbarkeit bewirkt, modern. Heute benötigt es viel Wartung. So saß Wolfgang Gemperlein nicht nur am Spieltisch, sondern war auch oft in der Orgel. Als er die Organistendienste übernahm, war die Orgel in keinem guten Zustand.

Pflege und Wartung

des Orgelinneren

Nach und nach wurden Pfeifen gereinigt, Holz- und Lederteile erneuert, die technische Anlage in Ordnung gebracht. Alles learning by doing mit viel Zeitaufwand und viel Wissenaneignung. Auch klanglich veränderte Wolfgang Gemperlein sein Instrument. So kamen neue Register dazu. Viele schaffte er gemeinsam mit seinem Cousin aus Herzberg im Westharz an. Heute schmunzelt Gemperlein, denkt er über Finanzierungs- und Beschaffungswege zu Ostzeiten.

Geehrt wurde er am Sonnabend bei einem Gottesdienst in der Bernburger Martinskirche für dieses ehrenamtliche Engagement. Kirchenpräsident Joachim Liebig verlieh ihm das " Anhalter Kreuz ". " Ich freue mich darüber und bin dankbar, dass mein Dienst anerkannt wird. " Ein Gefühl, dass ihm auch die Gemeinden immer wieder geben würden und das sein Ehrenamt trage, sagt Gemperlein, der als Vertreter der Kirchenmusiker selbst sechs Jahre lang im Ausschuss saß, der über die Vergabe der Auszeichnung befindet.

In Güsten, Ilberstedt, Rathmannsdorf oder Amesdorf will er weiterhin Orgel und im Posaunenchor des Schlosskirche Bernburg spielen. Weil er die Fleischer und Kindermann-Orgel der Vitus-Kirche so gut kennt, zählt sie zu seinen Lieblingsinstrumenten. Ein Witz, der von ihm selbst stammt, beschreibt das Verhältnis von Wolfgang Gemperlein zu seiner Orgel. Der Organist gibt ihn mit einem augenzwinkernd zum Besten : " Die Güstener Orgel hat bei 20 Registern genau 1111 Pfeifen, 1110 im Gehäuse und eine an den Tasten. "