Die UN-Konvention gibt die Richtung vor. Im Artikel 24 ist die Vision inklusiver Bildung formuliert. Das heißt, Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit und ohne Behinderungen sollen gemeinsam miteinander und voneinander lernen. Integration wird zum zentralen Schlagwort für Kinder- und Jugendeinrichtungen, aber auch Unternehmen. Die Lebenshilfe lebt die Vision schon seit Jahren. Sachsen-Anhalts Landesvorsitzende Birke Bull war jetzt im gesamten Land unterwegs, um sich einen Eindruck von der Arbeit der Lebenshilfeeinrichtungen zu verschaffen und für Integration zu werben. Auch Staßfurt stattete sie einen Besuch ab.

Staßfurt. " Bildung in Vielfalt – gemeinsames Lernen ermöglicht Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen Kompetenzen in allen Lebensbereichen ", sagt Birke Bull, Landesvorsitzende der Lebenshilfe in Sachsen-Anhalt. Das Konzept sonderpädagogische Einrichtungen, in denen Gehandicapte separiert lernen, leben und arbeiten, sei langsam überholt. Die Zukunft liege, so Bull, in der inklusiven, also gemeinsamen Bildung. " Ziel ist es, dass in allen Bildungsangeboten Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit und ohne Behinderung gemeinsam und damit vor allem voneinander lernen können. " Das gemeinsame Leben solle nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sein. Stichworte sind das Lernen im sozialen Umfeld, keine Isolation, Teilhabe an allen Lebensituationen, Entwicklung von sozialen Kompetenzen, Aufbau einer eigenen Identität innerhalb der Gemeinschaft, gemeinsames vorurteilsfreies Aufwachsen und das Übernehmen von Verantwortung.

Diese Themen werden immer wichtiger für alle Bildungseinrichtungen. Birke Bull : " Dies ist erklärter Wille der Politik und wird auch von der Lebenshilfe unterstützt. Mit anderen Worten : Auch die Kindertagesstätte im Wohnviertel in jeder kleinen Gemeinde sowie die Schulen werden mittel- und langfristig aufgefordert sein, Angebote für Kinder mit Gehinderungen vorzuhalten und sich dafür zu engagieren, dass alle Kinder aus dem gemeinsamen Lernen Gewinn ziehen können. " Denn die inklusive Bildung sei keine Einbahnstraße, auch die Mädchen und Jungen ohne Behinderungen würden in ihrer ganzheitlichen Entwicklung geprägt, weiß die Landesvorsitzende.

Für die Bildungseinrichtungen aber auch für die Eltern behinderter Kinder, so die Landesvorsitzende, will die Lebenshilfe Rat gebende Partnerin sein. Denn der Verein habe in den vergangenen 20 Jahren seit seiner Gründung in Sachsen-Anhalt in den Kindertagesstätten eine hohe Kompetenz entwickelt und viel Engagement gezeigt.

Erfahrungen

austauschen

Im Interesse der Kinder mit Behinderungen sei man bereit, das eigene Know how in den allgemeinen erfahrungsaustausch mit anderen Trägern und Schulen einzubringen. Die Lebenshilfe-Einrichtungen

sind aber auch selbst herausgefordert : " Für die Kindertagesstätten der Lebenshilfen bedeutet das, vor allem den pädagogischen Vorsprung, den sie in dieser Arbeit entwickelt haben, die vielfältigen Erfahrungen und Kompetenzen hinsichtlich integrativer pädagogischer Arbeit auszubauen, um im Wettbewerb mit anderen Kindertagesstätten langfristig bestehen zu können ", so Birke Bull bei ihrem Besuch in der Integrativen Kindertagesstätte Kinderland der Lebenshilfe

Bördeland in Staßfurt.

Das alles gibt es nicht zum Nulltarif. Besondere Bedingungen – personell, sachlich, räumlich – sind erforderlich, um Kindern mit Behinderungen in den Einrichtungen eine optimale Entwicklung zu ermöglichen. Auch müssten die Erfahrungen der Kinder untereinander und der Erzieher ausgewertet und mit den Eltern kommuniziert werden. Aus der täglichen Arbeit der Lebenshilfe Bördeland-H äuser weiß Dieter Labudde, Vorsitzender der Lebenshilfe Staßfurt, dass es hier noch Nachholbedarf gibt. " Den Erziehern fehlt oft die Zeit für Elterngespräche oder Hausbesuche, die wichtig sind, um die Lebensituation des Kindes zu erkunden. " Alles passiere ehrenamtlich und in der Freizeit, darauf könne man langfristig nicht bauen, so Labudde. Die Rahmenbedingungen des Kinderförderungsgesetzes müssten nicht nur deshalb, sondern auch wegen der zugestandenen fi nanziellen Ausstattung erneuert werden, fordert Labudde. " Hier ist im Moment Stillstand, obwohl sich Lebenstandards erhöht haben. " Labudde und Bull fordern deshalb gemeinsam de Politik auf, Integration und inklusive Bildung ernst zu nehmen und nicht als Einsparmethode zu verstehen, bei der wegen der gemeinsamen Betreuung von behinderten und nicht behinderten Kindern Kosten gespart werden können. " Die Zukunft der Integration gelingt nur, wenn man bereit ist, hier zu investieren ", sagt Bull.

Gespräche mit

der Politik

Die Ergebnisse der Besuchstour fließen in einen Fachtag der Lebenshilfe in Sachsen-Anhalt am 8. Oktober ein, bei dem besonders die Erfahrung hinsichtlich integrativer pädagogischer Arbeit im Bereich frühkindlicher Bildung thematisiert wird.

Außerdem will der Landesvorstand der Lebenshilfe bei einem Gespräch mit den Vertretern des sachsen-anhaltischen Sozialministeriums die gemachten Erfahrungen hinsichtlich der Arbeit mit Kindern mit und ohne Behinderungen einschließlich anderer Rahmenbedingungen für integrative Bildungsangebote in Kindertagesstätten darzustellen, zu dokumentieren sowie dem Ministerium und der Fachöffentlichkeit zugänglich zu machen.