Zur nach wie vor drohenden Schließung des Gymnasiums Egeln meldet sich jetzt auch der Schülerrat zu Wort. In einem offenen Brief an Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz und den Chef des Landesverwaltungsamtes, Thomas Leimbach, richtet Schülerratsmitglied Robert E. Hoffie ( 18 ), im Namen der Schülerschaft klare Worte an die Verantwortlichen. Die Volksstimme druckt den Brief in Auszügen ab.

Uns, den Schülern des Gymnasiums Egeln wird der Glaube an die Politik unseres Landes genommen ! Grund sind die Entwicklungen der letzten Monate, die den Bestand unserer Schule, eines Gymnasiums mit über achtzigjähriger Tradition, bedrohen.

Wir möchten unsere Gedanken in einigen Fragen zusammenfassen :

Warum wurde noch vor einem Jahr beteuert, dass keine weiteren Schulen in Sachsen-Anhalt geschlossen werden, uns aber die Aufnahme der fünften Klassen verweigert ?

Warum gab das Landesverwaltungsamt seine Pläne dazu erst kurz vor den Sommerferien bekannt, obwohl die Schülerzahlen dem Amt seit langem bekannt sein müssen ?

Warum werden die Aktionen von uns Schülern – 3300 von uns in nur fünf Tagen gesammelte Unterschriften – ignoriert ?

Warum werden die Bemühungen des Landkreises nicht beachtet ?

Warum ist Politikern Bildung so wenig wert ?

Diese Fragen können wir uns selbst nicht beantworten. Und sie betreffen nicht nur uns in Egeln, sie betreffen das ganze Land Sachsen-Anhalt. Es ist für uns unbegreiflich, warum die demografische Veränderung nicht dazu führt, dass Mindestschülerzahlen herabgesetzt werden. Stattdessen werden Schulen geschlossen, Anfahrtswege bis zur Unzumutbarkeit verlängert, die bestehenden Schulen überfüllt und Klassen immer größer.

Doch die Folgen reichen noch weiter : Unser Gymnasium hat verschiedene Chöre, darunter den international erfolgreichen Kammerchor " Young Voices ", hervorgebracht. Außerdem organisieren wir jedes zweite Jahr ein mehrtägiges internationales Chorfestival. Wir beteiligen uns jedes Jahr am Europatag in Egeln. Wir veranstalten Ausstellungen mit Arbeiten aus dem Kunstunterricht. Die erfolgreiche Theatergruppe " Young Actors " ist maßgeblich mit dem Gymnasium verbunden. Hinter alledem steckt enorm viel Engagement von Schülern und Lehrern, das das öffentliche Leben Egelns und seiner Umgebung bereichert.

Dieser Einsatz taucht auf keiner Rechnung auf. Er lässt sich nicht als Zahl in einer Statistik wiedergeben. Dennoch ist er ein wichtiger Bestandteil jeder Schule. Denn eine Schule ist nicht nur ein Ort, an dem jungen Menschen Wissen vermittelt wird. Sie ist immer auch ein Ort der Kultur, der Gestaltung des öffentlichen Lebens.

Jede Schule beeinflusst ihre Umgebung. Wenn nun eine Schule stirbt, müssen nicht nur Schüler weiter fahren und in überfüllten Klassen sitzen. Die Schließung einer Schule hinterlässt ein schwarzes Loch, das niemand auffüllen kann. Es geht etwas verloren, das niemand wiederbringen kann.

Politiker reden soviel davon, dass " die Jugend die Zukunft unseres Landes " ist. Die Industrie klagt über Fachkräftemangel, der sich in den nächsten Jahren verschärfen soll. Beides ist unbestritten. Trotzdem wird an Bildung gespart.

Das kann sich ein Land wie Sachsen-Anhalt nicht leisten ! Denn diese Politik bremst leistungsbereite Schüler aus ! Sie erzeugt bereits im Jugendalter Politikverdrossenheit und fördert die Abwanderung aus unserem Land.

Man sollte die sinkenden Schülerzahlen endlich als Chance begreifen, kleinere Klassen zu bilden. Das bringt für alle Vorteile : Ein entspannteres Lernen für uns Schüler, ruhigeres Arbeiten für den Lehrer, der individuellen Anforderungen seiner Schüler gerecht werden kann.

Bringen Sie bitte den Mut auf, Reformen durchzuführen, Gesetze zu ändern. Sachsen-Anhalt muss seine Leistungen im Fach Bildung dringend verbessern. Wir Schüler, unsere Eltern und Lehrer sowie die Wirtschaft werden es Ihnen danken.

Unser Land kann nur gewinnen. Setzen Sie ein Zeichen ! Lassen Sie sich nicht von überholten Zahlen leiten ! Erhalten Sie Schulen, statten Sie sie ordentlich aus. Sachsen-Anhalt darf nicht dumm gespart werden ! Geben Sie der Bildung eine Zukunft ! Wir hoffen, wir werden erhört !

Robert E. Hoffie im Namen der Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Egeln