70 Jahre her ist der Überfall Hitlers auf Polen. Zur Gedenkveranstaltung an Opfer des Zweiten Weltkrieges wurde am Wochenende nach Schönebeck ins Kreismuseum und auf den Friedhof in Biere geladen. Dazu reiste Landtagspräsident Dieter Steinecke an.

Schönebeck / Biere. Giesela Berger, Walter Schwarz und Ruth Blätke aus Biere können sich noch genau erinnern : Wie die KZ-Häftlinge in ihren gestreiften Anzügen durch die Straßen des Bördedorfs getrieben wurden. Verhungert seien sie gewesen, die Zwangskluft nur noch Fetzen, mit dicken Prügeln habe man Entkräftete niedergeschlagen, sie landeten im Straßengraben. Polnische Zwangsarbeiter : " Ja, die gab es auch bei uns ", sagt Giesela Berger. Mit 200 wird ihre Zahl für den Ort angegeben. Sechs von ihnen kamen in Biere ums Leben. Aber auch an die drei Bierer Bürger existieren Erinnerungen, die am 17. Februar starben, weil sie sich bei einem Besuch im nahe gelegenen Schönebeck Bad Salzelmen in ein Haus flüchteten, das an diesem Tag von einer Bombe getroffen wurde. Und dann berichten die Zeitzeugen, die Stefan Knopf im Auftrag des Landesheimatbundes vor laufender Kamera befragt hat, von den deutschen Soldaten, die Biere noch erbittert verteidigen wollten und dabei ihr Leben ließen.

Alle diese Menschen sind auf dem Bierer Friedhof begraben oder ihnen sind hier Gedenktafeln gewidmet. Seit 2007 gibt es eine Gedenkstätte. Dort wurden am Sonnabend angesichts des 70. Jahrestages des deutschen Überfalls auf Polen Kränze niedergelegt. Eingeladen hatte der Landesheimatbund gemeinsam mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Dessen Landesvorsitzender, Landtagspräsident Dieter Steinecke ( CDU ) war selbst zu der Veranstaltung mit landesweiter Ausstrahlung erschienen, die am Sonnabendnachmittag an zwei Orten, im Kreismuseum Schönebeck und auf dem Bierer Friedhof stattfand. Gekommen waren Landtags- und Bundestagsabgeordnete der SPD, FDP und der Linken, sowie Bernd Lüdkemeier, Chef der Landeszentrale für Politische Bildung, der Staßfurter Oberbürgermeister René Zok, Bürgermeister Bernd Nimmich aus Bördeland, Ortsbürgermeister Peter Buchwald, Schönebecker Pfarrer, Schüler des Carl-Hermann-Gymnasiums. Der Schönebecker Oberbürgermeister Hans-J ürgen Haase ließ sich durch seinen Baudezernenten vertreten.

" Kriegsgräber sind die wahren Mahner für den Frieden ", zitierte Steinecke, der die jungen deutschen Soldaten, die in der Mehrzahl zu diesem Zeitpunkt unter 18 Jahre alt war, als " Kindersoldaten " bezeichnete. Steinecke rief auf zur Wachsamkeit gegen neu sich formierendes braunes Gedankengut. Er betonte die Rolle der europäischen Gemeinschaft, die es seit 60 Jahren schaffe, den Frieden in Europa zu erhalten.

" Es wäre unerträglich, wenn braunes Gedankengut wieder auf fruchtbaren Boden fällt ", sagte Landrat Ulrich Gerstner ( SPD ), der die Außenstellen nationalsozialistischer Konzentrationslager in Staßfurt oder Schönebeck benannte, sowie die " Ermordung von Menschen, deren Leben man für unwert " befunden habe in Bernburg. Dort fand systematische " Euthanasie " statt. Gerstner zählte auch Aktivitäten im Salzlandkreis gegen heutige rechtsextreme Gruppierungen auf.

Zur deutschen Verantwortung gerade gegenüber Polen bekannte sich Dr. Jörn Weinert, Geschäftsführer des Landesheimatbundes. Gerade Polen habe unter den Angriffen und der Gewalt deutscher Soldaten enorm gelitten. Dies erläuterte Weinert anhand eines Schicksals einer polnischen Zwangsarbeiterin, die er kennengelernt habe. Sie habe nie etwas gegen " die " Deutschen gehabt, obwohl nicht nur sie selbst, sondern ihre gesamte in Polen verbliebene Familie extremes Leid zu ertragen gehabt habe. Weinert forderte strikt Zurückhaltung angesichts sogenannter " Befindlichkeiten " auf polnischer Seite. " Es sind eben mehr als Befindlichkeiten. " Der Zweite Weltkrieg habe nicht nur 150 Millionen Menschen getötet, sondern auch Verletzungen in den Seelen hinterlassen, die bis heute nachwirkten, sagte Dieter Steinecke. Über die politischen Hintergründe vor dem Überfall Hitlers auf Polen am 1. September 1939, berichtete der Geschichtswissenschaftler Dr. Sascha Möbius.

Die letzten Kriegstage im heutigen Sachsen-Anhalt rückte der Magdeburger Professor Mathias Tullner in den Mittelpunkt seines Vortrags. " Hier waren alle Besatzungsmächte präsent ", erklärte er. Als Beispiel für grauenhafte NS-Verbrechen gerade im April 1945 benannte er die Ermordung von 1016 KZ-Häftlingen in einer Feldscheune bei Gardelegen. Gerade im heutigen Sachsen-Anhalt seien die Ereignisse kulminiert. " Hier war das letzte von den Nationalsozialisten kontrollierte Gebiet ", so Tullner. " Über vieles, was damals geschah, wissen wir nur wenig. " So sei historisch nicht gesichert, ob in Magdeburg der Domprediger Martin tatsächlich, wie es erzählt wird, die nationalsozialistische Flagge im letzten Moment herunterholte und so den Dom rettete. Auch über die Gewalt der SS an der deutschen Bevölkerung in Magdeburg Ost sei nur wenig bekannt. Auch seien 24 Orte allein in der heutigen Landeshauptstadt bekannt, an denen Zwangsarbeiter oder KZ-Häftlinge eingesetzt worden seien, " doch erforscht sind nur zwei Orte ". Tullner zeichnete auch die Stationierung der Amerikaner in Barby nach, er benannte Übergriffe der Sowjetarmee auf die deutsche Zivilbevölkerung.

Die Brutalität des Krieges als Soldat erlebt hat der Atzendorfer Zeitzeuge Kurt Braun. " Nie wieder Krieg " sei seine Lektion aus einer erlittenen Kriegsverletzung im Jahr 1943. " Ich bin deshalb auch dagegen, dass bundesdeutsche Soldaten in Afghanistan stationiert sind. "